26. März 2007

"Ich schreie der Welt ins Gesicht!"

Interview geführt von

Hip Hop ist eine stolze Kultur. Die einen sind stolz darauf, schwarz zu sein, die anderen darauf, Deutscher zu sein. Die, deren Mütter stolz sind, sind stolz auf ihre schöne neue Kette oder Goldplatten. Und jene, die nichts von all dem haben, sind eben stolz darauf, "Untergrund" zu sein: MOR waren mal Untergrund wie Bergwerkstollen, Prinz Pi sogar 20.000 Meilen im Untergrund. Doch welcher Rapper kann schon von sich behaupten, so Untergrund zu sein, dass er nicht mal über ein funktionstüchtiges Telefon verfügt?Der Mann heißt JAW, gehört zu den talentiertesten Rapnewcomern, und um ihn in Schutz zu nehmen: Eine Telefonzelle hat er direkt vor der Haustür, und ist gewillt, sie auch zu benutzen. Da es allerdings schon spät in der Nacht und noch dazu bitterkalt ist, wird das Gespräch mit laut.de kurzerhand per ICQ-Messenger geführt.

Du wurdest in einem der ersten laut.fm-Podcasts von mir als einer der drei Rap-Newcomer des Jahres 2006 vorgestellt. Wen hättest du gewählt?

Ohje, schwer zu sagen. Mein Zeitgefühl würde wohl dafür sorgen, dass ich seit drei Jahren zurückgetretene Rapper als vorzüglichste Frischlinge bezeichne ... Wenn mich chronologisch nicht alles täuscht, wäre Kollegah dabei. Dann müsste ich auch schon scharf nachdenken, klingt ja alles gleich heutzutage ...

Die beiden anderen von mir gewählten Newcomer, F.R. und Taichi, sind beides Leute, mit denen du schon einen gemeinsamen Track aufgenommen hast ("RBA" auf Taichis "Schnell Imbiz" - d. Verf). Wie steht ihr drei heute zueinander?

Ich weiß nicht, ob ich zu dem Thema so viel sagen möchte. F.R.s Debütalbum hab ich sogar hier stehen, weil ich das damals krass fand ... Ich verfolge das aber auch alles nicht so krass. Taichi ist so ein Thema für sich - ich kann ehrlich gesagt nur noch wenig von dem nachvollziehen, was er in den Medien so veranstaltet, und ehrlich gesagt interessiert mich das auch langsam gar nicht mehr so.

Ihr kanntet euch aus der RBA (Reimliga Battle Arena), galtet auch dort schon als große Talente, aber keiner von euch hat bislang den Schritt zu einem großen Label geschafft. Achtet die Plattenindustrie zu wenig auf solche Nachwuchs-Wettbewerbe?

Die Industrie schert sich doch einen Scheiß um Kunst und Talente. Was nicht gerade auf einem sehr birdigen Stand ist und sich an 14-jährige Savas-Fans verkaufen lässt, interessiert die einen feuchten Furz. Ich will auch gar nicht zu einem Riesenlabel, was hab ich davon? Die meinen, mir irgendwelche Dinge vorschreiben zu müssen, und dazu sind meine Vorstellungen meiner persönlichen Musik zu genau. Ich lasse mir da ehrlich gesagt ungern reinreden, und ich hab keinen Bock auf Ausschlachtung.

Entschuldigung - was genau bedeutet "birdig"?

Vögelig. Brakka Brakka... Geflügelte Hüte. Du weißt schon ;-)

Man lernt nie aus.

Ist mir auch nur so eingefallen. Ich benutze gerne Wörter, die ich nicht kenne.

"Die Industrie schert sich einen Scheiß um Kunst und Talente"


Gut, dass du deine eigene Vorstellung von Musik erwähnt hast. Dein letztes Album "Schock Fürs Leben" stand im Prinzip zum größten Teil im Zeichen der Depression und einer Form des Welthasses, was nicht gerade gängige Themen der Rapszene sind. Auf dem Mixtape wird so etwas weniger oft thematisiert. Woran liegt das?

Schlicht und ergreifend an meinem langsam gesundenden Gemütszustand. Mir ging's sehr dreckig, das dürfte kein Geheimnis mehr sein. Ich wollte damals nicht mal, dass "Schock Fürs Leben" eine depressive Platte wird, aber irgendwie hat sich die ganze Scheiße so belastend auf die musikalische Reflektion abgefärbt, dass die meisten von einem "depressiven Album" sprechen. Ich bin inzwischen nicht mehr ganz so beschwert und leide so gut wie nicht mehr, das hört man auf dem Mixtape. Ich will nur noch in die Welt rappen und ihr ins Gesicht schreien, was sie nicht hören will.

Was will die Welt denn nicht hören?

Den Aufschrei gequälter Seelen, Attentäter, Terroristen, und all das, was passiert, wenn man jemandem zu lange auf dem großen Zeh cripwalkt.

Du warst wegen der eben erwähnten psychischen Probleme in einer geschlossenen Anstalt und wirst auch derzeit noch behandelt. Du weißt also, wovon du rappst, und hast auch keine Probleme mit dem Image des psychisch Angeschlagenen. Wie stehst du Rappern gegenüber, die ein solches oder auch ein ähnliches, vielleicht übertrieben hartes Image kreieren, um damit mehr Platten zu verkaufen?

Das war keine Geschlossene, ich bin da ja auch freiwillig hin, weil ich nicht weiter wusste und das Ausmaß der Last einfach langsam nicht mehr tragbar war. Naja, was andere Rapper machen, ist mir eigentlich relativ egal, von mir aus können alle gangstarappen und alle Rapper Gangsta sein. Ein wenig nervig ist es schon, wenn sich Leute mit irgendwelchem Pseudogetue Fans abgreifen, weil sie Superstar werden wollen. Die andere Seite ist, dass billige Image-Repräsentanten auch meist dementsprechend billig klingen - der gesunde Hörer dürfte also grob einschätzen können, was für ein Haufen Kacke ihm vorgesetzt wird, und wie körnig die Essenz ist.

Du rappst nicht nur, sondern studierst auch Musikwissenschaften. Gleichzeitig kennst du sicher den abfälligen Ausdruck "Studentenrap" - was würdest du jemandem entgegnen, der dir so etwas vorwirft?

Tja, laut diesem Begriff bin ich wohl Studentenrapper. Aber ich bin kein Idiot, ich mache nicht den ganzen Tag Hip Hop und warte darauf, dass mich jemand zum Star kürt ... Außerdem, worüber will man rappen, wenn man außer Rappen eigentlich nichts anderes macht? Großes deutsches Problem: Rap über Rap, wer will so was hören? Naja, ich versuche halt, auch für meine Zukunft zu sorgen und das Ganze erfolgreich durchzuziehen. Trotzdem rappe ich leider Gottes mehr, als für die Semesterscheine gesund wäre. Wurst, das wird schon.

In der Szene bist du vor nicht all zu langer Zeit auch unter dem Synonym "Konnegah" in Erscheinung getreten - eine offensichtliche Parodie des Selfmade-Rappers Kollegah, den du ebenfalls schon aus der Reimliga Battle Arena kennst. Da du ihn in der vorherigen Frage ja auch als Newcomer des Jahres erwähnt hast, ist anzunehmen, dass ihr trotzdem ein gutes Verhältnis habt?

Konnegah? Das muss eine Verwechslung sein! Guter Hip Hop-struggelnder Westcoast-Hustler hier direkt aus meiner Nachbarschaft. Ein guter Junge, der Mann. Kollegah ist ein korrekter Kerl, ich kann aber auch nicht behaupten, ihn wirklich zu kennen, soweit verstehen wir uns aber gut. Auf jeden Fall ein krasser Rapper!

Es gab ja bekanntermaßen viel böses Blut zwischen Kollegah und Separate (laut.de berichtete). Aber wieso gab es auch böses Blut zwischen Separate und JAW?

Ach, das Thema ist schon fast zu unnötig, um darüber zu sprechen. Er fühlte sich aus mir bis jetzt noch unerfindlichen Gründen familiär angegriffen aufgrund eines Konnegah-Tracks. Er hat mir dann mit Begrifflichkeiten wie "Hurensohn, Opfer, Hundesohn, Spast, Opfer, Arsch" beeindruckend seine Überlegenheit klargemacht, und seitdem bin ich ganz ruhig.

"Rap über Rap, wer will so was hören?"


Auf dem neuen Mixtape behauptest du, deutscher Rap sei an Amerikas Schwanz, auf dem letzten Album kann ich mich an eine Zeile von - ich glaube - PCP-Putsch erinnern, deutscher Rap hinge bei den Amis am Rockzipfel. Ist die Lage tatsächlich so ernst, und wenn ja, wer trägt die Schuld daran?

Ob die Lage ernst ist? Lachhaft würde in dem Falle ganz gut passen. Ich meine, gucken wir uns die Szene mal an, so etwas wie eigenständige Charaktere gibt's in dieser Superkultur doch fast nicht. Hier wird gebitet, da fällt ein flyer Vogel vom Himmel, und der nächste struggelt erquicklich durch die in Texten gehypte Hood. Ich weiß nicht, was sich die Leute dabei denken, aber das ist es offensichtlich, was der Markt will: schlecht in Szene gesetzte Santana-Duplikate. Mir soll's recht sein, so bleibt die erwachsene Käuferschicht mir überlassen.

Aber wie zeigst du der erwachsenen Käuferschicht, dass es da einen JAW zwischen all den struggelnden Hoods gibt, der etwas anderes macht? Die ist doch lange genervt und hört statt dessen Indierock.

Sollen sie auch weiterhin machen, Hip Hop verdirbt ihnen sonst noch ihre Kinder. JAW braucht keine Fans ;-) Ne, ich meine, ich mache schon alles richtig so weit, und werde damit leben müssen, dass ich nie bei Universal gesignt werde. Ist mir ehrlich gesagt auch scheißegal. Aber ich freue mich über jeden neuen Fan.

Was ist denn nun deine Crew PCP eigentlich genau, und was kann man von euch in der Zukunft erwarten?

PCP sind Rynerrr, sein wütender Bruder Maexer, Dj Tjoma und ich. PCP steht für Projekt Chaos Punks, und wir machen diesem Namen alle Ehre. Die Musik beschäftigt sich mit der Weltzerstörung unsererseits, Hass auf alle, Pessimismus pur, so wie es die Welt liebt. Wir arbeiten an einem Album, das kann aber noch dauern.

Bei einem Menschen, der so ungewöhnlichen Rap macht wie du, stellt sich natürlich die Frage nach den Einflüssen auf seine Musik. Auf deiner MySpace-Seite gibst du nur diverse Medikamente an. Was sind die musikalischen Einflüsse? Wie wurde aus Jonas JAW?

Natürlich entspringen alle Inspirationen meinerseits einer göttlichen Quelle. Gut, mal ernsthaft, jeder wird beeinflusst von allem. Ich mag die alten Slim Shady-Sachen sehr gerne, und auch Rynerrr hat mich gut beeinflusst. Es gibt hier und da immer mal wieder Künstler, die neue Maßstäbe setzen, und da versucht man ein bisschen mitzuziehen, natürlich so unpeinlich wie möglich.

Letzte Frage: Du benutzt gerne Samples aus "Menschenfeind" von Skandalregisseur Gaspar Noé. Der hat ja für Placebos "Protege Moi" auch schon das Musikvideo gedreht. Wie würdest du versuchen, ihn zu überreden, ein Musikvideo für JAW abzudrehen, wenn Geld keine Rolle spielt?

Ich würde ihn mit Stahlschrauben an eine Wand tackern, die Augen verbinden, Bandana auf und das JAW-Album aufs Ohr. Der wird Hip Hop lieben und in mir den neuen Messias sehen. Man kann nur hoffen, dass seine Filme danach nicht noch gemeiner und brutaler werden - das würde mich ansonsten natürlich wiederum beeinflussen und in einer einzigen,
unstoppbaren Höllenspirale enden.

JAW, ich danke für dieses Interview!

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