Porträt

laut.de-Biographie

J Hus

"Wenn dein Debüt-Album für den Brit-Award, den MOBO und den Mercury Prize nominiert ist, wo soll dich dein Weg dann als nächstes hinführen?" Eine berechtigte Frage wirft Vice da auf, auch wenn Autor Jesse Bernard diese Antwort bestimmt nicht im Sinn hatte: J Hus geht erst einmal ins Gefängnis.

Bei einer Personenkontrolle in einem Londoner Einkaufszentrum finden die Beamten bei ihm ein Messer. Bereits zum dritten Mal wird Momodou Lamin Jallow, wie es in J Hus' Ausweis steht, im Zusammenhang mit dem Besitz oder dem Einsatz von Klingen verhaftet. Das zuständige Gericht schickt ihn für acht Monate hinter Gitter.

Es klingt nach dem typischen Schicksal eines im Londoner East End geborenen und aufgewachsenen Sohn einer aus Gambia eingewanderten alleinstehenden Mutter: Das Geld ist knapp. Schon früh zeigt Momodou, Jahrgang 1996, Geschäftssinn. Seinen Spitznamen, erklärt er später, habe er sich verdient, als er auf dem Schulhof im Sechserpack günstig erworbene Donuts einzeln vertickt habe: J für Jallow, Hus für Hustler.

Abgesehen von derlei Süßwaren-Dealereien verläuft seine Schullaufbahn allerdings nicht gerade erfolgreich: "Ich wollte eigentlich Schauspieler werden", erinnert er sich. "Doch dann bin ich ein bisschen in Schwierigkeiten geraten." J Hus macht schnelles Geld, verliert es genau so schnell wieder. Wie es halt so läuft, auf den Straßen der Großstadt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er, inspiriert von 50 Cent und anderen US-amerikanischen Vorbildern, bereits begonnen, zu rappen. Aus diesem Faible einen Beruf zu machen, kommt ihm zunächst allerdings nicht in den Sinn. Erst auf Drängen zweier Freunde nimmt er etliche Demos auf.

Die finden ihren Weg ins Netz und dort ein Publikum. Eine ganze Menge Publikum: 2015 durchstößt sein Track "Dem Boy Paigon" bei YouTube die magische Eine-Million-Klicks-Grenze. "Lean & Bop", das er auf Bitten seiner Mutter für seinen jüngeren Bruder schreibt, avanciert zum Radiohit.

Siebenstellige Zugriffszahlen bei YouTube und Soundcloud fallen auch den Kollegen bei der BBC auf: Dort präsentieren sie J Hus, der inzwischen sein Debüt-Mixtape "The 15th Day" vorgelegt hat, in ihrer Kollektion "Sound of 2016" und prophezeien ihm den Durchbruch für ebendieses Jahr.

Ganz so schnell geht es dann doch nicht: Erst Anfang 2017 dreht J Hus so richtig auf. Seine Single "Friendly" steht in der Liste der Anwärter für den MOBO Award, "Solo One" findet im Filmdrama "Brotherhood" Verwendung.

Jetzt sind allerdings auch die Charts nicht mehr vor J Hus sicher. Er kooperiert mit Dave (auf dessen Album "Psychodrama"), mit Stormzy und Ghetts auf "Bad Boys" (zu finden auf "Gang Signs & Prayer"), ganz alleine legt er "Did You See" nach: Alle drei Tracks schaffen den Sprung in die Hitlisten. Im Mai 2017 erscheint "Common Sense", nimmt Fan- wie Kritikerherzen im Sturm und gewinnt 2018 den NME Award in der Königsklasse "Best Album".

Dancehall, Grime, Afrobeats, US-Straßenrap, R'n'B und Soundcloud-Abstrusitäten quirlt J Hus auf seinem Debüt so wild in- und durcheinander, dass die schreibende Zunft händeringend nach einer Schublade sucht, in die sich dieser Mix quetschen ließe. Das Etikett "Pionier des Afro-Swing", das J Hus irgendwann aufgeklebt bekommt, wirkt angesichts dessen fast ein wenig hilflos.

Statt in den musikalischen Olymp aufzusteigen, wandert J Hus 2018, wie gesagt, erst einmal in den Knast. Seine Karriere setzt er nach seiner Freilassung allerdings nahtlos fort: Kaum ein paar Stunden wieder auf freiem Fuß, steht er im April 2019 schon als Überraschungsgast beim Londoner Auftritt von Drake mit auf der Bühne.

Der Gefängnisaufenthalt hat dennoch Spuren hinterlassen. Obwohl sein Sound höllisch tanzbar bleibt, blitzt in den Lyrics doch immer wieder auch eine Paranoia auf, wie man sie sich nur auf den von Gewalt regierten Straßen holen kann. Davon kündet auch der Titel seines zweiten Albums, das Anfang 2020 erscheint: "Big Conspiracy".

Musikalisch etwas weniger sprunghaft als der Vorgänger, zeigt sich auch inhaltlich ein deutlicher Zugewinn an Reife: Der entwurzelte afrikanische Junge von einst hat hörbar in London seine Heimat gefunden und ist zum Mann herangewachsen. Seine nicht immer frohe, aber allzeit farbenfrohe Geschichte spiegelt sich in seiner Musik.

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