2. Juli 2013

"Das sind nicht unsere Wichsfantasien"

Interview geführt von

Gary Barber erzählt, warum das neue Album anders klingen musste und wie man plötzlich in der Mongolei landet. Außerdem haben sie derbe Freestyle-Rap-Skills in der Hinterhand.Mit ihrem zweiten Album "I'm Leaving" wollen Is Tropical aus der Indie-Pop-Schublade heraus klettern. Dort landeten sie nicht zuletzt dank des Video-Hits "The Greeks", der ihr Debüt über den Tellerrand des französischen Kitsuné-Labels hinaus bekannt machte.

Auch zur ersten Single von "I'm Leaving" haben sich die Briten ein wahnsinniges Video schneidern lassen. Ihr Song "Dancing Anymore" verkommt dabei zum Soundtrack für das verdorbene Hirn eines pubertierenden Jungen, dessen Fantasie mit allerhand CGI-Effekten auf die Sprünge geholfen wird.

Euer neues Album bedeutet ja einen relativ großen Stilwechsel, weg vom tanzbaren Indie-Pop, hin zu einem rotzigeren und langsameren Sound. Haben die Erfahrungen eurer langen Tour etwas mit dieser Veränderung zu tun?

Gary Barber: Ich glaube das war zu einem großen Teil die Arbeit mit Luke Smith [Produzent unter anderem der Foals, Anm. d. Red.], der immer großen Wert darauf legt, wie die Songs wirken. Er sieht den Kern des Liedes und achtet darauf, dass dieser nicht untergeht. Deshalb ist alles ein wenig straighter geworden.

Generell ist der Unterton des Albums wesentlich dunkler und melancholischer. Letztendlich geht es ja auch darum, dass wir unterwegs sind und Menschen, die wir lieben, vermissen. Manchmal kann das Songschreiben sehr emotional geraten – also nicht emo-mäßig oder sowas – und das lässt sich nicht immer mit tausend Sounds überdecken.

Es hieß im Vorfeld der Veröffentlichung, dass ihr auf keinen Fall noch ein Album voller "Indie-Dancefloor-Filler" machen wolltet. Also war der Wandel doch auch eine bewusste Entscheidung oder?

Nach dem Erfolg des "The Greeks"-Videos wurden wir sehr schnell als Indie-Elektro-Dance-Act abgestempelt. Dabei gibt es auf dem ersten Album auch langsamere Stücke wie zum Beispiel "Take My Chances". Es ist doch nur natürlich, dass eine Band immer versucht, alle Möglichkeiten auszuloten und in einem anderen Licht zu erscheinen.

Gerade der letzte Song auf eurem aktuellen Album, das siebenminütige "Yellow Teeth", ist ja ein Song, der nach einer großen Bühne schreit. Habt ihr bei den Aufnahmen besonders auf die Bühnentauglichkeit eurer Stücke geachtet?

Es ist sehr schwer, das nicht zu tun, wenn man einen Song schreibt. Klar denkt man daran, wie es wäre, ihn bei Sonnenuntergang auf einer Festival-Bühne zu performen. Da bietet sich "Yellow Teeth" an, weil er sehr hymnisch ist.

Unsere Dance-Sachen sind eher auf der "Flags"-EP gelandet, bei der wir viel mit anderen Künstlern zusammen gearbeitet haben. Bei einem DJ-Set können wir dann solche Lieder auflegen. Es kommt also immer auf den Kontext an.

Das wäre ohnehin meine nächste Frage gewesen: Auf der EP habt ihr einen sehr elektronischen, an Nu-Rave erinnernden Sound. Ist das mehr so ein Spaß-Projekt gewesen, um euch in dieser Richtung noch einmal auszutoben, bevor es ans 'richtige' Album geht?

Wir haben die EP schon vor den Aufnahmen zum Album im Kasten gehabt. Es ging einfach darum, all diese Hook-lastigen Ideen zu verarbeiten und zu sehen, wie sie sich in der Zusammenarbeit mit anderen Leuten verändern. Im Studio wollten wir fokussiert an unseren neuen Stücken arbeiten, da kann man nicht gleichzeitig an andere Sachen denken.

Also vorher die innere Festplatte formatieren?

(energisch) Ja genau! Einfach verdammt noch mal alles wegfegen, damit man sich auf einen frischen Start konzentrieren kann.

"Es roch nach Achselhöhlen und Eiern"


Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Backgroundsängerinnen gestaltet? Ihr hattet ja jetzt mit deiner Freundin (für "Dancing Anymore") und Eleanor Fletcher von den Crystal Fighters zum ersten Mal Frauen im Studio.

Das hat sich erst ganz am Ende so ergeben. "Dancing Anymore" ist eigentlich als Witz gemeint. Ich tanze echt scheiße und wenn sie mich jemals dabei sehen würde, nähme sie mich nie wieder mit zum Tanzen, so nutzlos bin ich. Es soll eine lustige Unterhaltung darüber sein, weshalb wir abwechselnd Parts singen.

Auch mit Elly war es total cool. Im Demostatus hatte "All Night" noch zwei Gesangsspuren, von denen eine hochgepitcht wurde. Wir wollten zwar einen künstlichen Sound, aber haben dann gemerkt, das den Teil ein Mädchen singen muss. Naja, und wo sie schon mal da war ... sie ist eine gute Freundin von uns und hat umsonst gesungen. (lacht)

Musstet ihr vorher für eure weiblichen Gäste das Studio aufräumen?

Nein nein, obwohl es ziemlich verrottet gerochen hat. Überall lagen Reste von Lahmacun und anderem türkischen Essen herum. Außerdem roch es sehr männlich – nach Achselhöhlen und Eiern.

Gemeinsam mit dem französischen Kollektiv Megaforce habt ihr zwei unglaublich erfolgreiche Videos produziert. Wie viel von euren Ideen stecken in den Videos zu "The Greeks" und "Dancing Anymore"?

Um ehrlich zu sein: eigentlich so gut wie keine. Für "The Greeks" wollten wir etwas mit Kindern, und eines Nachts in Paris trafen wir die Jungs, die uns dann sofort ihre Idee dazu skizzierten. Danach waren wir mit Raphael Rodriguez in deren Studio und er zeigte uns ein kurzes Video, in dem er eine Papp-Bazooka hält, aus der eine Fake-Explosion schießt. Wir waren sofort begeistert und sagten: "Do what the fuck you want!"

Für das "Dancing Anymore"-Video wollten sie als kleines Dankeschön wieder mit uns arbeiten, da wir ihnen beim ersten Mal freie Hand ließen und das Video ihnen gleich mehrere Awards und Aufträge verschafft hatte.

Also stammt die Idee mit dem onanierenden 13-jährigen von euch?

(schmunzelt) Nein, das ist definitiv deren Vorstellung. Es ist eine Art Nachfolger des ersten Videos. Von kindlichen Kriegsfantasien zu, naja, Wichsfantasien. Wir waren mit ihnen in London trinken und haben über die Idee geredet.

Sie meinten: "Hey, wir wollen diese Second-Life-Mädchen so einen kleinen Jungen ficken lassen, der sich gerade einen runterholt." Wir sagten nur: "Do it!" Und sie waren total überrascht. Leider wurde es schon nach 25 Minuten auf YouTube gesperrt. Trotzdem hat es in mehreren Versionen jetzt über eine Million Klicks, sogar auf Vimeo, obwohl da nie Leute draufgehen.

"Das war das Verrückteste, was uns jemals passiert ist"


Jetzt kann ich dich ja gar nicht fragen, auf was ihr bei Frauen als erstes achtet, wenn das Video gar nicht von euch ist.

Sorry, das war alles deren Idee. Wir sind ganz liebe Jungs. Aber früher auf der Kunsthochschule haben wir auch eigene Videos gedreht.

Fehlt euch das und wollt ihr wieder selbst Videos drehen?

Wir haben auf jeden Fall viele Ideen für kurze, schmutzige Videos, aber die ganze Organisation lässt dafür keine Zeit. Wir versuchen trotzdem nicht alles an professionelle Agenturen zu geben. Ich habe zum Beispiel das Artwork fürs Album gemacht und wir gestalten auch alle unsere Poster selbst.

Es ist total wichtig, dass man als Band bestimmen kann, welches Image man auf visueller Ebene transportiert. Wenn das irgendein Grafikdesigner in einer Agentur auf den Schreibtisch bekommt, kommt nachher nur so ein blödes Stencil/Banksy-mäßiges Artwork raus. (lacht) Darum geht's bei uns einfach nicht.

Ist man nicht irgendwann zu beschäftigt, um das alles selbst zu machen?

Sogar bei uns wird es langsam ein bisschen zu viel. Wenn man zum Beispiel irgendwo in der Mongolei hockt und ein Poster machen soll, winken wir einfach ab. Wir sind mitten in der Wüste, wie soll ich jetzt ein Poster designen?

Ihr wart in der Mongolei? Kannten euch die Leute dort?

Es ist absolut verrückt, dort spielen einfach keine westlichen Bands. Ich glaube, Boney M. waren mal in den 70ern dort. Also fragte ich den Promoter, ob es denn voll würde und er meinte, dass noch nie eine englische Band dort war. Er hatte keinen Schimmer. Aber dann waren doch 500 Leute beim Auftritt und konnten sogar die Texte mitsingen.

Das war vermutlich das Verrückteste, was uns bis jetzt passiert ist. Wir wurden nach dem Konzert sofort zu einer Pressekonferenz bei einem Fernsehsender gebracht und hörten uns auf dem Weg dorthin in Radio.

"Yo, Is Tropical in the house, gonna bust a fuckin' flow, rappin' on the motherfuckin' tape machine!"

... ähm, das war Simon, unser Drummer. Jedenfalls haben wir uns einfach etwas mehr Mühe gemacht, als andere westliche Bands.

Habt ihr noch weitere exotische Reiseziele in Planung?

Ja, wir wollen unbedingt auf die Osterinseln. Außerdem in Jakarta, Ghana und irgendwo in Island spielen. Einfach an viele Orte gehen, an die sonst keine Band kommt. Wir arbeiten daran, aber wissen noch nicht, ob alles klappt.

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