laut.de-Kritik

Selbstzitate mit zum Teil scheppernder Quälerei.

Review von

Einsamkeit und Depression. Interpol-Sänger Paul Banks hat sich zum Glück schon vor längerer Zeit aus dem Sumpf der Traurigkeit befreit und lebt seine Leidenschaft für Dandytum und Hip Hop aus. Seine Band hingegen funktioniert nach strengen Vorgaben, mit Dresscode und dunklem Postpunk-Sound. Großartige Veränderungen werden von den Fans nicht erwartet, repetitive Nostalgieschübe dagegen sind äußerst erwünscht.

"Marauder" erinnert schon mit seinem schwarz-roten Cover-Artwork an "Turn On The Bright Lights". Darauf zu sehen: Ein Mann, der einsam in einem grotesk großen Raum sitzt, lediglich umgeben von technischen Geräten. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um ein stilisiertes Modefoto handelt, aber tatsächlich handelt es sich um ein Bild von Elliott Richardson, ehemaliger amerikanischer Justizminister und integre Figur im Watergate-Skandal 1973. Die Unbeugsamkeit des Mannes, der sich gegen seinen mächtigen Präsidenten stellte, kann man auf den Sound von Interpol übertragen.

Das Gewaltmonopol und die Kontrolle über die Situation liegen im Gegensatz zu dem damaligen Konflikt bei Interpol selbst, die sich dennoch keinerlei Ausflüge in andere Genres erlauben. Dafür gibt es aber gleich zwei Interludes, auf "Turn On The Bright Lights" war es nur eines. Das leitete aber mit sehnsüchtigem Schmerz ein epochales Meisterwerk ein, was man von den aktuellen sakralen und vor allem kurzen Einschüben nicht behaupten kann. Die große Leistung von Interpol bestand immer darin, sich trotz Vorliebe für abgründige Themen nicht auf solch plakativen Goth-Mummenschanz einzulassen.

Ansonsten gefällt sich ihr sechstes Album in seiner "Wir haben es schließlich erfunden"-Bequemlichkeit. "Surveillance" ist ein bisschen "Stella Was A Driver And She Was Always Down", aber transportiert keine ähnlich feine Dramatik. Die Selbstanklage weicht dem Selbstzitat aus den frühen Anfangstagen, als Interpol sinnbildlich für das 9/11-Post-Trauma und Welt-Entrücktheit standen.

Ein wirklicher Gegensatz dazu ist das Uptempo vieler Songs, die sich Banks schmutzig und mit mehr Garage-Feeling wünschte. Das macht aus "Party's Over" eine scheppernde Quälerei. Die Drums prügeln die Stimme des Sängers so stark in den Hintergrund, dass es nach Marschmusik mit Stampf-Choreo klingt. Die Relevanz des Songs wird praktisch eingehämmert. Grobmotorik statt leise anschwellender Gitarren-Sounds sind eine Neuerung, die besser keine Fortführung erfahren sollte.

"Number 10" startet mit einer flirrenden Gitarre, die 44 Sekunden lang etwas Größeres verspricht und dann praktisch ohne Übergang in einen Indie-Song der Marke Strokes mündet. "Nichts darf so klingen, als würde es nicht dahin gehören, wo es ist" war einmal die Beschreibung von Paul Banks, als er den Sound von Interpol erklärte. "Marauder" merkt man den Wunsch an, spontaner und dreckiger zu wirken und auch Unsauberkeiten zu erlauben. Diese Kursänderung führt leider auf direktem Weg zu den einfach gestrickten Trittbrettfahrern wie den Editors, White Lies oder den längst vergessenen Radio 4.

Die Krawatte zu lockern war sicherlich kein schlechter Gedanke, auch aus dem Hamsterrad auszubrechen ist ein löblicher Ansatz. Es scheitert schlichtweg an dem eigenen hohen Level, was schon früh, wahrscheinlich zu früh, erreicht wurde. Wir werden alle nicht jünger. Daniel Kessler, Paul Banks und Samuel Joseph Fogarino versuchen, mit ihrem Fitness-Programm auf "Marauder "Muskeln aufzubauen und sich in die alten Klamotten von früher zu zwängen, aber wirken dabei anachronistisch und bemüht.

Trackliste

  1. 1. If You Really Love Nothing
  2. 2. The Rover
  3. 3. Complications
  4. 4. Flight of Fancy
  5. 5. Stay in Touch
  6. 6. Interlude 1
  7. 7. Mountain Child
  8. 8. NYSMAW
  9. 9. Surveillance
  10. 10. Number 10
  11. 11. Party's Over
  12. 12. Interlude 2
  13. 13. It Probably Matters

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LAUT.DE-PORTRÄT Interpol

"Nichts darf so klingen, als würde es nicht dahin gehören, wo es ist", erklärt Interpol-Sänger Paul Banks in einem Interview 2003. Perfektion ist …

14 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 11 Monaten

    Leider wahr. Nach "Antics" war eigentlich alles gesagt, da es keine Weiterentwicklung bei Interpol gibt.

    • Vor 11 Monaten

      Ach, für die El Pintor bin ich eigentlich noch sehr dankbar. Höre ich mir sogar häufiger als Turn on an. Our Love to Admire funktioniert für mich auch auszugsweise prächtig. Am Stück kann ich mir die jedoch nicht geben, dafür ist sie zu schnarchig und monoton. Das Gefühl hatte ich allerdings schon bei Antics.

    • Vor 11 Monaten

      Mit El Pintor wollten sie wohl noch mal Turn On The Bright Lights aufleben lassen. Insgesamt haben sie aber den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. Die großen Hymnen waren auf den ersten zwei Alben und danach kamen sie plötzlich mit rumpeligen Postpunk um die Ecke.

    • Vor 11 Monaten

      El Pintor war vom Songwriting durchgehend stark und knüpft natlos an die Großtaten an, das hätte man ihnen -gerade mit dem Ausstieg des Bassisten nicht zugetraut. Ich mag aber auch den vierten Longplayer "Interpol" welcher fast keinen Filler hat und auf hohem Niveau abläuft 4,5/5. Gefällt mir sogar besser als der Vorgänger OLTA, obwohl da das phantastische The Scale drauf ist....

    • Vor 11 Monaten

      Alleine schon die tolle And Also the Trees Reminiszenz Try it on....

  • Vor 11 Monaten

    Leider großteils einfach langweilig. Die Singles ließen eigentlich auf ein gutes Album hoffen, aber außer diesen catcht mich da so ziemlich gar nix.

    • Vor 11 Monaten

      Wie hast du als Frangge eigtl das Schanzenfest erlebt?

    • Vor 11 Monaten

      Allein dafür, dass der schöne Landstrich hier von vielen Menschen nun mit diesem Komplettopfer und seiner debilen Haiderschaft assoziert wird, sollte man ihm ein spitzes Metallteil ins Rektum rammen. Ansonsten solltest du dich mal wieder im Chat blicken lassen. Es gibt gewisse Entwicklungen, die dich interessieren dürften ;)

  • Vor 11 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 11 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 11 Monaten

    Ich hab bei El Pintor anscheinend immer eine andere Scheibe gehört, für mich ist das die mit Abstand beliebigste, formloseste Scheibe, die die Band je gemacht hat. Gerade das Posieren, das Marauder hier latent unterstellt wird, ist für mich vor allem auf El Pintor vorhanden, das weder Ecke oder Kante kennt, aber ja schön wie das “gute alte“ Interpol rüberkommen will. Totalausfälle wie das absolut selbstparodistische Blue Supreme inklusive. Sogar mit OLTA, mit dem ich so meine strukturellen Problemchen hab und das mir teils schon zu bemüht “cool & intellektuell“ rüberkam (All Fired Up zum Beispiel) und das imo hoffnunglos unterschätzte INTERPOL sind in ihrer Einstellung eher um ein gewisses Hinwenden zur ( überladenen )Bedeutungsschwangerkeit bemüht als Marauder. Marauder spielt doch gerade mit dieser Dynamik innerhalb der Bandstile und schafft es, oder versucht es (wenn man böse sein will), dem ganzen Gepose einen etwas mehr in der realen Welt verhafteten, erdigeren Stil/Sound zu geben. Dass man das vielleicht gar nicht will, okay, aber mit gewollter Coolness hat das für mich wenig zu tun. Ist wahrscheinlich ein Einstellungsproblem. Empfinde zum Beispiel Surveillance nicht als halbgare Kopie von Stella, sondern als sinnvolle, belebte Weiterführung ihres charakteristischen Sounds. Etwas weniger elegisch, etwas weniger grazil, aber dynamischer und textlich nicht weniger interessant. Es funktioniert nicht alles, Stay In Touch vor allem ist etwas zu sehr ein Brei ohne Anfang und Ende, aber alleine die Passage 1-4 ist das Beste, was ich seit Antics vernehmen durfte. Keine Plastik-Wehmut, kein gewollt offensichtliches Festhalten am alten Sound, eben kein Posieren und Selbstzitieren.

  • Vor 10 Monaten

    ich weiß, ich bin spät. weil immer noch zutiefst schockiert. habe dem album mindestens 10 volle durchläufe gegeben, um irgendwo zwischen dem guten auftakt (if you really love...) und dem passablen letzten Stück das zu finden, was ich an Interpol ab TOTBL so sehr liebte - erhabene melancholie, dramatische songaufbauten, unwiderstehliche hooks, songs, die man über jahre nicht satt wird (nur mal zur auffrischung: das sind die, die pioneer, not even jail, take you on a cruise, stella, leif erikson, the scale, lights, the undoing, blue supreme, breaker 1, tidal wave, hello to angels und und und gemacht haben!!!). und hier: nix davon. sorry. im gegenteil: Banks' stimme nervt, die gitarre dudelt und schellt ins nichts, keine einzige melodie, an die man sich nach dem durchhören erinnert oder die man (wie auf den alben zuvor) beim durchhören sofort noch einmal hören möchte. nichts gegen veränderung und neue wege, aber das war ja wohl so ganz und gar nix. der sound ist dabei ne völlige nebenbaustelle. Biete zwei Karten für Berlin.

  • Vor 10 Monaten

    Ich halte das Album (mittlerweile) für absolut gelungen. Ich fand es zuerst auch irgendwie lahm und eintönig, aber nach 10 Durchläufen wächst und wächst es. Mittlerweile finde es es klasse - also einfach eine Chance geben.

    Die Kritiken sind also idR mal wieder für den Poppes, da nur 1-2mal gehört und abgeurteilt.