12. November 2009

"Ich bin der, der zuletzt lacht"

Interview geführt von

Morgen erscheint Ian Browns sechstes Soloalbum "My Way", das den 46-Jährigen in Hochform präsentiert. Mit dem früheren Stone Roses-Sänger sprachen wir über die Entstehung und seine spannende Vergangenheit.Das Telefon klingelt und es meldet sich eine männliche Stimme. Die Verbindung knackt, die Stimme wird immer wieder unterbrochen und sein Besitzer nuschelt in bestem Mancunian-Akzent. Willkommen zu einem Gespräch mit Ian Brown. Moderner Audio-Software mit all ihren fantastischen Filteroptionen ist es zu verdanken, dass man auch ein Gespräch mit der Soundqualität eines 1965er Beatles-Bootlegs für die Nachwelt aufbereiten kann.

Entgegen meiner Vermutung sitzt Brown nicht mit seinem Handy in einem Pub-Hinterzimmer in Manchester, sondern in seiner Londoner Wohnung. "Immer wenn mir Manchester auf die Nerven geht, komme ich hier her. Ich kann mich glücklich schätzen", freut sich der Sänger. Wenigstens hat er gute Laune. Da legen wir gleich noch einen drauf.

Zunächst mal Kompliment: Mir fällt aus dem Stehgreif niemand ein, der eine Trainingsjacke mit seinem eigenen Antlitz auf einem Album-Cover tragen könnte, ohne wie ein vollkommender Idiot auszusehen.

Haha, danke. Ich sah das Gesicht vor ungefähr fünf Jahren mal als Graffiti an einer Wand in Cardiff und dachte sofort: Wow, das bin ja ich. Danach hat es gute zwei Jahre gedauert, bis ich den Künstler gefunden habe, den ich fragen musste, ob ich das als Cover verwenden darf. Es war ein Kid vom College. Doch der Prozess zog sich ewig in die Länge, so dass ich mit meinem Foto von dem Graffiti zu meinem Grafiker gegangen bin.

Just an dem Tag kam dann die Rückmeldung von dem Kerl, dass ich es nutzen dürfe. Ich war überglücklich. Auch, dass ich diesem jungen Typen helfen konnte, der sich plötzlich in einer Welt der Plattencover und T-Shirts wieder fand.

Du giltst besonders in England als Ikone der Coolness. Wie lebt es sich im Alltag mit diesem Status?

Das geht zum einen Ohr rein und geht zum anderen wieder raus. Ich nehme das nicht allzu ernst. Ich habe jetzt Kinder, da ist es einfacher, sich sowas nicht zu Kopf steigen zu lassen. Ich versuche einfach, normal zu bleiben.

"My Way" wird als dein persönlichstes Album beschrieben. Hattest du diesmal keine Lust auf politische Rundumschläge?

Eigentlich war es so, dass diese politischen Texte damals zustande kamen, nachdem man mich in Interviews ständig nach meinem Standpunkt zum Krieg oder zum Zustand der zivilisierten Welt befragte. Ich begann, mich ständig zu wiederholen und dachte, vielleicht machst du besser mal einen Song draus. Das entwickelte sich dann von alleine weiter und ich beschäftigte mich mit Themen wie Ungerechtigkeit und anderen Misständen unserer Zeit. Diesmal sollte es vor allem um mich gehen, um meinen ganz persönlichen Trip.

So viele Hymnen wie auf "My Way" hattest du lange nicht auf einem Album, finde ich.

Danke. Ja, ich finde, es ist meine stärkste Platte. Zumal wir einige Schwierigkeiten zu meistern hatten: "Stellify" war unser erster Song und danach wollte uns keiner mehr auf diesem Level gelingen. Also setzten wir uns weiter unter Druck und schrieben einfach immer weiter. Bis wir alle zufrieden waren. Ich finde, es hat sich ausgezahlt.

Du coverst auch "In The Year 2525". Ist das dein Lieblings-Hippie-Song?

Naja, ich war sechs Jahre alt, als das 1969 rauskam. Ich erinnere mich also nicht an diesen Song in Verbindung mit meiner Jugend. Aber ja, es ist ein ewiggültiger Song, der darstellt, was der Mensch diesem Planeten antut. Der den Klimawechsel anspricht. Ich hörte diese Zeilen und konnte nicht fassen, dass sie 40 Jahre alt sind, denn sie könnten auch von letzter Woche stammen. Ich hatte vorher schon einen Text zu dem Thema geschrieben, aber der kam einfach nicht an "2525" ran. Also nahmen wir das Original, in der Hoffnung, dass ich es mir zu Eigen machen kann. Dass es klingt, wie ein Stück von mir.

"Das Stone Roses-Debüt? Ich war verwundert, wie tight wir waren"


Hast du den Song "Always Remember Me" mit einer bestimmten Person im Auge geschrieben?

Alle, die mir je begegnet sind, finden sich in diesem Song wieder. Aber ich bin der, der zuletzt lacht. Ich bin immer noch da.

Ist es nicht vielleicht eine Anspielung auf John Squire? (Gitarrist der Stone Roses)

Könnte sein.

Angeblich soll dein Sohn dich davon überzeugt haben, einen Song, den John dir geschickt hat, nicht mit aufs Album zu nehmen. Stimmt das?

Ja, mein Sohn sagte: Warum willst du den Song mit drauf nehmen, die Roses sind tot. Da musste ich ihm Recht geben. Obwohl ich den Song eigentlich echt gut fand. Aber ich habe eine Weile darüber nachgedacht und kam zu dem Schluss, dass John mir den Song eigentlich vor 13 Jahren hätte geben müssen.

Was wäre denn gewesen, wenn dein Sohn dir vorgeschlagen hätte, ein Lady Gaga-Cover aufzunehmen?

(lacht) Ich glaube nicht, dass er mit so einem Vorschlag ankäme. Ich würde sowieso nichts tun, was meine Kids mir vorschreiben, aber mal über eine Sache nachzudenken muss schon drin sein.

In einem Song heißt es "Sing the song and bang the drum". War das eine bewusste Referenz an deine Vergangenheit?

Ja. Darin heißt es auch "I didn't do it for the glory". Ich fand mich plötzlich in einer Position wieder, in der ich zu Leuten sprechen konnte, die nicht in der Lage waren, gehört zu werden. Das waren die Roses für mich. I didn't do it for the adulation. Ich wollte kein Star werden.

Vor kurzem erschien das Stone Roses-Debüt zum 20-jährigen Jubiläum, woran du mit dem damaligen Produzenten John Leckie gearbeitet hast. Hast du dich mit deiner Vergangenheit versöhnt?

Ich war immer im Reinen mit meiner Vergangenheit. Es ist toll, was die Roses erreicht haben. Ich würde nie irgendwas aus dieser Zeit in den Dreck ziehen. Das Witzige ist: Ich hatte damit eigentlich gar nicht viel zu tun, ich werde eigentlich nur genannt, weil mich John Leckie in sein Studio eingeladen hat.

Als ich ankam, lag die Platte auf einem Sofa und ich fragte: Warum lädst du mich ein? Er sagte, setz dich und hör dir die alten Sachen an. Später hat er dann meinen Namen zu seinem geschrieben, aber eigentlich war ich nur vor Ort, weil John so ein cooler Typ ist.

Es war toll, noch einmal direkt vom Tape mitzuerleben, was wir damals zustande gebracht haben. Ich war verwundert, wie tight wir waren. Was für ein großartiger Schlagzeuger Reni war und wieviel er zu den Songs von John und mir beigetragen hat. Vielleicht war es am Ende sein funky Drumming, das uns Ende der 80er von den vielen anderen Bands abhob.

Peter Hook von New Order hat gerade ein Buch über die wilden Zeiten in der Hacienda veröffentlicht. Hast du es gelesen?

Yeah, das habe ich gerade gelesen. Gestern Abend war ich durch, um genau zu sein.

Ah, was für ein schöner Zufall. Dann erzähl doch mal, ob du seine Sicht auf diese Club-Institution in Manchester teilst.

Also, ich finde das Buch absolut gelungen. Sehr lustig erzählt. Man erfährt darin viel über die dunkle Seite des Clubs, was damals für Außenstehende nicht sichtbar war. Unglaublich, wie viel Geld von New Order und Joy Division da rein geflossen ist. Eine absolute Schande, dass ihnen der Summer of Love '88 und '89 nicht den verdienten Erlös eingebracht hat. Stattdessen war der Laden 1990 voller Gangster, Waffen und Gewalt.

Ich erinnere mich an einen Abend dort im Jahr 1983, wahrscheinlich ein Montag, da waren mehr Leute hinter der Bar als im Club. Das Buch brachte viele gute und schlechte Erinnerungen an diese Zeit zurück.

An einer Stelle sagt Hooky, die Jahre 1989 und 1990 gehören musikalisch zu den besten, die er je erlebt hat. Wie siehst du das?

Puh, für mich ist jedes neue Jahr besser als das vergangene. 1989 und 1990 waren zweifellos großartige Jahre, aber ich denke lieber an die Jahre zurück, in denen meine Soloalben rauskamen. 2007 war besser als 2006 und so geht es weiter. Für mich läuft es immer besser.

"Ich will nicht der alte Mann im Club sein"


Ich denke, aus Hookys Behauptung spricht vor allem die Aufregung über die damalige Zeit, als das Acid House-Fieber wie eine Welle über das Land schwappte.

Ja, ich weiß schon, was er meint. 1989 hatte man dieses Gefühl, dass die Welt sich gerade verändert und man live dabei ist. Die Berliner Mauer fiel, die Sowjetunion brach zusammen, Südafrika ... es lag das Gefühl in der Luft, dass alles möglich ist. Heute glaubt man, die Welt entwickle sich wieder zurück. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass Rassismus ein Thema der Vergangenheit ist. Stattdessen ist es heute wieder so aktuell wie in den 70ern.

Für mich war es ein unglaubliches Erlebnis mitzuerleben, wie sich Südafrika damals aus den Klauen dieses unterdrückenden Regimes selbst befreit hat. Die Macht der Diktatoren dort schien unzerstörbar. Und am Ende gaben sie einfach auf, sie konnten gar nicht mehr anders. Südafrika hat mich gelehrt an die Kraft des Einzelnen zu glauben. Wenn genug Menschen für eine Sache einstehen, kann alles passieren.

Bekommst du mit, was Freebass so machen, die Band von Peter Hook, in der auch dein alter Kollege Mani mitspielt?

Ja und vielleicht kommt da sogar noch eine Kollaboration zustande. Sie schickten mir bereits vor drei Jahren einen Song, den ich leider nicht fertig bekommen habe. Mani und Andy Rourke sind gute Freunde von mir. Davon abgesehen schulde ich Hooky noch einen Gefallen, weil er den Stone Roses 1986 sein Studio gegeben hat. Wir waren damals eine Horde arbeitsloser Typen und er ein großer Star. Allein deshalb hoffe ich, das aus dem Song noch was wird.

Demnächst arbeitest du mit Johnny Marr gemeinsam an einem Soundtrack für eine TV-Serie. Ist es ein befreiendes Gefühl, mit jemandem zu arbeiten, der auch andauernd Reuniongerüchte über seine alte Band dementieren muss?

Absolut. Und Johnny ist ein unglaublicher Musiker, der genau weiß, was Musik ist und was sie leisten kann. Ich bin sicher, er lässt mich noch besser aussehen. Wir ergänzen uns sicher ganz gut. Ich kannte Johnny schon vor seiner Smiths-Karriere. Es war toll mitanzusehen, wie er nur aufgrund seines Talents ein großer Star wurde. Ich habe mit vielen großen Musikern aus Manchester gearbeitet, Paul Ryder, Noel Gallagher, Andy Rourke, aber Johnny stand ganz oben auf meiner Liste.

Bist du heute noch im Nachtleben unterwegs? Wenn ja, was machst du?

Nein, ich halte mich da raus, außer ich gebe gerade ein Konzert. Vor allem aufgrund der Angst, dass in dem Club plötzlich nur 21-Jährige um mich herum stehen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich 21 war und um mich herum ein paar alte Knacker standen. Ich dachte damals nur: So willst du nicht enden. Ich will nicht der alte Mann im Club sein. Ich trinke seit 12 Jahren nicht mehr, daher gehe ich auch nicht in Pubs und Bars. Wenn man mich abends in Manchester trifft, dann nur in meinem eigenen Konzert.

Wie hältst du deine Anti-Establishment-Haltung im Alltag aufrecht? Wird das mit zunehmendem Alter und Familie nicht immer schwerer?

Nein, das ist nicht schwer. Mein Vater brachte mir bei, was richtig und was falsch ist, dass das Königshaus voller Schmarotzer ist und dass die Reichen ihr Geld meistens auf dem Rücken der Armen machen. Je älter ich werde, desto klarer wird mir das alles. Sicher, ich habe Frau und Kinder, aber deshalb werde ich nie bürgerlich werden. Ich bin heute wahrscheinlich unangepasster denn je.

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