27. Dezember 2010

"Mit Deutsch fühl ich mich nackt"

Interview geführt von

Dienstag Abend, 19 Uhr, Kölner Stadtpark. Der Soundcheck bringt das Glas zum Vibrieren, als wir die Eingangstür zum Studio 672 öffnen.Im verschlungenen Backstage-Labyrinth riecht es nach Gras. Muss wohl die Reggaeband sein, der wir in die Arme laufen. Eigentlich sind wir hier, um mit Eva Milner zu sprechen, Sängerin und einer der zwei Köpfe hinter Hundreds. Die Geschwistercombo kommt seit gut einem Jahr von den Bühnen Deutschlands nicht mehr herunter. Seit im April ihr Debüt erschien, hat sich ihr Leben im Schnellgang umgekrempelt: Konzert reiht sich an Festival reiht sich an Konzert.

Mit ihrem sanften, berührenden Elektropop spielen und singen Eva und Philipp sich in Ohren und Herzen. Der Ruf über die angenehm zurückhaltende Art der beiden sowohl auf der Bühne als auch in der medialen Öffentlichkeit eilt ihnen voraus. Im Interview ist Eva alles andere als introvertiert: Aufgeschlossen, gut gelaunt und fröhlich plaudert sie über ihre selbstgewählte Heimat Hamburg, schlechte und gute Musik und über ihre eigene Schusseligkeit.

Warst du schon mal hier im Kölner Studio 672?

Nee, noch nie. Aber wir haben schon mal in Köln gespielt, auf der c/o pop, im Subway ...? Subways ...?

Ja, Subway ...

Und dann haben wir noch mal im Underground gespielt, das war letztes Jahr. Ist schon lustig: Underground, Subway, heute wieder Underground ...

Ja, in Köln ist alles irgendwie underground. Verbindest du denn irgendwas mit der Stadt?

Meine beste Freundin kommt aus Köln. Das verbinde ich in erster Linie damit. Und die ist auch richtig kölsch, kann auch den Dialekt sprechen.

Auch eine waschechte Karnevalistin?

Ja genau. An Karneval hat sie immer große Wehmut in Hamburg und will herfahren. Ich glaube, ich kann mir nichts Schrecklicheres vorstellen, aber sie meint immer: Du musst einmal dabei gewesen sein! Man muss das wohl mal selbst erlebt haben, um es nachvollziehen zu können. Ich mag einfach keine Massenveranstaltungen, und deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass ich um zehn Uhr morgens zu Schlager und Bier so viel Spaß haben würde. Aber sie meinte, das ist einfach etwas anderes.

Ja, in dem Fall schon. Einmal im Jahr kann man dann schon mal ruhig ein bisschen abspacken und ausflippen.

Ich hab auch neulich gelesen, dass ein Psychologe seine Doktorarbeit über die Karnevalskultur geschrieben hat. Er stellt die Behauptung auf, es sei total reinigend für die Psyche, wenn man einmal im Jahr komplett die Sau rauslassen kann. Deshalb sind die Kölner so robuste, freundliche Menschen, weil die fünf Tage im Jahr einfach machen, was sie wollen, richtig ausflippen. Und danach ist es halt wieder gut.

Also quasi die wissenschaftliche Legitimation für die ganze Sause.

Genau.

Als was würdest du dich denn verkleiden, wenn du mal Karneval feiern würdest?

Als Peter Pan vielleicht?

Gute Idee. Wie ich gelesen habe, haben Sinnbus euch bei einem Konzert in einer Hamburger Kneipe entdeckt ...

Genau. Das war eine kleine Kneipe neben dem Kindergarten, in dem ich früher, also bis Januar, gearbeitet habe. Jeden Mittwoch hab ich dort mit den Kindern Musik gemacht. Da ich in der Kneipe nebenan immer Mittagspause machte, hab ich dann die Besitzer kennen gelernt. Und nachdem sie auf einem unserer Konzerte waren, haben sie mich irgendwann mal gefragt, ob wir bitte bitte mal bei ihnen in der Kneipe spielen könnten. Die ist sehr klein, und es war total voll, sehr viele Menschen. Eigentlich finden dort auch nicht so viele Konzerte statt, dementsprechend war auch die Technik, also alles nicht so bombastisch. Aber trotzdem eine tolle Atmosphäre, sehr intim und sehr schön. Das war vor ungefähr einem Jahr im Dezember.

Und da habt ihr auch schon mehr oder weniger euer Repertoire durchgespielt, das jetzt auch auf dem Album zu hören ist?

Ja genau. Das Album war da eigentlich auch schon fertig. Wir haben ja alles selbst produziert und befanden uns da gerade noch auf der Suche nach einem Label. Dass es Sinnbus geworden ist, das ist schon der Wahnsinn. Zu dem Zeitpunkt hatten wir schon Demos rausgeschickt. Mit ein paar Labels waren wir im Gespräch, aber das hat sich dann irgendwie wieder verlaufen. Sinnbus haben auch etwas von uns bekommen, aber sie haben die CD ganz lange einfach nicht angehört. Irgendwann haben dann Freunde von ihnen angefangen, sie zu nerven, woraufhin sie noch mal reingehört haben. Und dann riefen sie bei unserem Manager an und fragten, wann wir das nächste Mal spielen. Für den kleinen Kneipen-Gig sind sie dann nach Hamburg gekommen.

Hattet ihr im Laufe der Zeit, in der ihr Musik macht, denn mal einen scharfen Kritiker, der euch völlig runtergeputzt hat?

Es gab ehrlich gesagt eine einzige Kritik ... Also, die meisten Kritiker meinten eben so etwas wie: Naja, das kann man machen, ist jetzt vielleicht nicht so mein Bier, aber schon gut gemacht. Aber das ist ja auch in Ordnung, völlig legitim. Nur einer hat irgendwas in der Art geschrieben: Boah, das will ich echt nicht hören.

Hat euch das damals sehr getroffen?

Klar, wenn du sonst nur gute oder zumindest halb-gute Kritiken für dein Album bekommst, dann ist es natürlich nicht so schön und haut ordentlich rein. Aber dann dachte ich mir: Naja gut, der Typ hat einen Satz geschrieben, und wenn er sich nicht mal die Mühe macht, es ordentlich zu verreißen, dann ist mir das auch egal.

Also jetzt denkt ihr euch: Fuck off, wir spielen in ganz Deutschland und darüber hinaus, wir machen genau unser Ding und die Menschen finden es gut und kommen scharenweise zu unseren Konzerten ...

Ja. Das Wichtigste ist ja immer noch, dass wir hinter dem Ganzen stehen. So eine Kritik stellt jetzt nicht meine Intention, das zu machen, in Frage. Es ist ja logisch, dass Musik einfach Geschmäcker trifft. Genauso wie die im Raum über uns jetzt Reggae machen, und wir hier unten etwas völlig anderes spielen. Die Reggae-Band hat ihr Publikum, wir haben unser Publikum, und wenn wir die Konzerträume tauschen würden, würden sich wahrscheinlich alle ziemlich wundern. Musikjournalismus ist natürlich immer so eine Sache, weil sich da eben eigener Geschmack und Fachwissen sehr durchmischt. Das lässt sich ja nicht einfach trennen. Die meisten Menschen hören Musik eben auch sehr emotional - ich höre Musik ja durchaus auch so - und deswegen kochen dann Emotionen hoch. Ich würde manche Alben bestimmt auch verreißen, aber ich stelle das natürlich nicht ins Internet.

Um mal zu Positiverem zu kommen: Hast du im Moment ein Album, das dich total mitreißt und umhaut?

Hm ... was hör ich denn gerade so ... Ich habe im Moment so wenig Zeit, mir neue Sachen anzugucken. Ich habe jetzt viel das neue Arcade Fire gehört, und ansonsten ... Die letzten zwei Wochen habe ich mir auch oft das aktuelle Efterklang-Album angehört. Wir haben die auf dem Iceland Airwaves gesehen. Sie haben zwei Bands nach uns gespielt, und das war sehr beeindruckend. Echt eine tolle Band. Es macht Spaß, denen zuzugucken.

Als ich gesehen habe, dass ihr auf dem Iceland Airwaves wart, hatte ich sofort den Gedanken: Das geht super zusammen. Ich habe halt so eine Vorstellung von Island, und euer Sound passt da hervorragend rein.

Wir haben uns da auch total wohl gefühlt. Wir hatten außerdem die Möglichkeit, uns das Land ein bisschen anzuschauen. Reykjavík ist total mini-putzi-klein und sehr hübsch. Es gibt viele bunte Holzhäuschen und eine Straße, auf der man sich die ganze Zeit wiedertrifft. Dann fällt einmal im Jahr das Festivalvolk dort ein, und dann geht's rund. Sehr schön, die Stadt und das Land, sehr nette Menschen, die alle super Englisch sprechen und sehr zuvorkommend sind. So habe ich das wahrgenommen. Zum Beispiel habe ich auch mein Kostüm verloren, bevor wir nach Island gefahren sind. Ich hab es im Zug liegen lassen, ich verliere immer ganz viel. Auf jeden Fall hat mir dann dort eine isländische Designerin etwas Neues geschneidert, innerhalb von einer Nacht. Das war so nach dem Motto: Ok, ich hab überhaupt keine Zeit, aber ich mach dir das, ich helf dir jetzt aus der Patsche! Das war einfach total cool. Dann haben wir uns noch für zwei Tage Jeeps gemietet und sind herumgefahren. Das Land ist einfach der Hammer, das muss man selbst gesehen haben. Wir hatten auch die wärmsten Oktobertage seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Gut abgepasst. Du meintest gerade, du wärst ein bisschen schusselig. Hast du schon mal irgendetwas verloren, was du jetzt immer noch vermisst, irgendwas ganz besonderes, was dir sehr am Herzen lag?

Ja doch, ich verliere eigentlich ständig alles ... Ich hab mir letzten Winter ungefähr viermal die gleiche Mütze gekauft, und sie trotzdem vor zwei Wochen wieder verloren. Das mit dem Sachen verlieren ist Routine für mich, da muss ich mich dran gewöhnen, sonst bringt das ja nichts. Ich hab bloß einen Regenschirm, den ich seit der dritten Klasse besitze, aber ansonsten geht alles weg.

Den haste wahrscheinlich zu Hause irgendwo festgenagelt.

Ich glaube, im Moment ist er bei Philipp.

"Ich bin an jeder Straßenlaterne zu Hause"


Ihr wart in letzter Zeit viel in europäischen Hauptstädten unterwegs, Paris, Stockholm, Reykjavík ... Fühlt ihr euch da manchmal heimatlos?

Nö. Wir waren ja jetzt richtig viel auf Tour in den letzten Monaten, natürlich vorwiegend in Deutschland, aber ich habe im Moment das Gefühl, an jeder Straßenlaterne zu Hause zu sein. Es ist ja auch immer ein ähnliches Setting: Du kommst irgendwo hin, du hast das Catering mit diesen Brötchen und Getränken da stehen, dann machst du Soundcheck, räumst alles aus, du hast deine vertraute Crew, den Bus, und irgendwie ist es dann doch immer sehr familiär. Und die Leute in den Clubs sind auch meistens nett. Es ist schon ein schönes Leben, sehr abwechslungsreich, aber trotzdem auch irgendwie das Gleiche und sehr routiniert.

Würdest du denn Hamburg als deine Heimat bezeichnen?

Ja, doch. Ich wohne jetzt dreieinhalb Jahre dort, und ich war dieses Jahr insgesamt, seitdem wir seit Mai unterwegs sind, vielleicht anderthalb Monate in Hamburg. Da brauche ich dann zwar immer ein bisschen Zeit, um mich daran zu gewöhnen, dass ich jetzt wieder da bin. Aber es ist schon definitiv eine Heimat für mich. Natürlich ist zu Hause, der Wald und dort, wo unsere Eltern leben, auch ein Stück Heimat und ein Stück Herz. Aber das, was ich mir selbst geschaffen habe und wo ich sein möchte, ist schon auf jeden Fall Hamburg. Also, wenn ich nach Hause komme, bin ich in den ersten Tagen immer ein bisschen Falschgeld ... Dann denk ich mir: Aha, wann ruft denn mal jemand an, muss ich jetzt nicht mal irgendwie irgendwo hin? Aber dann wird es eigentlich richtig gut. Es ist halt immer eine Umstellung. Ich habe jetzt auch schon überlegt, ob wir nicht mal nach Berlin ziehen müssen, weil sich einfach alles in Berlin abspielt, auch unser Label und unser Management sitzt dort. Aber Hamburg liegt mir einfach mehr am Herzen als Berlin. Berlin ist mir irgendwie immer ein bisschen fremd geblieben, obwohl ich die Stadt sehr mag. Und Philipp und ich wohnen in Hamburg auch in der gleichen Straße, das ist also super.

Ich war vor kurzem das erste Mal in Hamburg und ich weiß noch, dass ich völlig geflasht war von dieser Stadt. Vor allem der Hafen und die Speicherstadt im Sonnenuntergang haben mich umgehauen. Hattest du auch mal so einen großen Hamburg-Moment, in dem du dich sofort verliebt hast?

Ja, das war, bevor ich dort hingezogen bin. Eine befreundete Band hat damals auf dem Reeperbahn-Festival gespielt, und ich habe dort auf sie gewartet. Die standen noch im Stau, haben ewig gebraucht, und ich hatte schon die ganzen Bändchen abgeholt und dachte: Was mach ich denn jetzt? Und dann bin ich einfach alleine herunter zum Hafen geschlendert, es war ein Spätsommertag, und ich stand dann dort und dachte, wie wunderschön das alles ist. Und von da an war klar: Ok, hier werd ich mich bewerben, hier möchte ich auf jeden Fall hinziehen. Also, du hast ja den Hafen gesehen.

Sehr beeindruckend.

Ja, und auf einmal fährt ein Schiff vorbei, mit den ganzen riesigen Containern, wirklich imposant. Der Hafen ist ein guter Ort, da fahre ich oft mit dem Fahrrad entlang.

Hast du denn irgendwelche Lieblingskneipen und -clubs in Hamburg?

Hm, ich bin dieses Jahr irgendwie nicht so wirklich zum Ausgehen gekommen, aber wenn, dann geh ich oft ins Uebel & Gefährlich, für Konzerte auch noch öfters ins Knust, ins Molotow ... Hm, und meine Lieblingskneipe ist wahrscheinlich der Klassiker: die Mutter, und die Kleinraumdisko. Eigentlich alles in der Schanze.

"'Neon Golden' ist ein wichtiges Album für mich"


Hattet ihr, Philipp und du, als Geschwister musikalische Differenzen?

Auf jeden Fall. Philipp ist ja fünfeinhalb Jahre älter als ich. Und ich habe früher eben sowas wie Roxette gehört, und er etwas völlig anderes. Was hab ich denn noch Schlimmes gehört? Bob Marley habe ich jahrelang rauf und runter gehört, so mit zwölf, dreizehn Jahren. Zu der Zeit stand Philipp mehr auf Funk und solche Sachen. Wir haben da sehr viele Phasen durchgemacht. Und dann hat es sich langsam aber sicher angeglichen, als ich angefangen habe, mich selbst wirklich bewusst für Musik zu interessieren, Musikmagazine zu lesen und so weiter. Von da an habe ich angefangen, ihm ganz viel zuzuschustern. Er hat dann ja auch Musik studiert und hatte natürlich durch das Studium auch noch ganz andere Hörgewohnheiten. Wir haben uns schrittweise angenähert und auf ein paar Bands total einigen können. Das sind dann natürlich gleich so große Namen wie Radiohead oder The Notwist, die wir beide richtig gut fanden. Mittlerweile sind wir uns da sehr verbunden. Also, Philipp liebt jetzt vielleicht Arcade Fire nicht so sehr wie ich, aber das muss er ja auch nicht. Trotzdem haben wir es irgendwie geschafft, da einen eigenen Sound heraus zu entwickeln. Ich denke, dass man als Musiker auch die Verpflichtung hat, viel Musik zu hören. Nicht, damit man in der Zeit bleibt oder weiß, was gerade Trend ist, sondern eher, um zu sehen, was möglich ist, und es an sich selbst abzugleichen. Manchmal ist es nur ein Wort, manchmal nur eine Tonabfolge, und dann klingt es bei einem selbst ganz anders.

Mit The Notwist werdet ihr ja immer gern in einem Atemzug genannt, genauso wie auch mit Console. Inwieweit haben die Weilheimer Indie-Elektroniker euren Sound beeinflusst?

Die "Neon Golden" zum Beispiel ist ein ganz wichtiges Album für mich. Zu der Zeit habe ich Philipp so lange genervt, bis er sich die Platte irgendwann angehört hat. Er hatte damals andere musikalische Vorlieben. Wenn man sich an The Notwist oder Console orientiert, liegt die Messlatte schon ganz schön hoch, würde ich sagen. Die sind ja sehr innovativ und toll. Deshalb denke ich schon, dass das eine Inspiration für uns war. Wie auch immer, was dabei herauskommt, kann man natürlich nicht sagen.

Dein Bruder und du, ihr habt mal gesagt: "Wir sind verliebt in Musik." War das Liebe auf den ersten Blick?

Ja schon ... Naja, ich habe da immer nur mein Uralt-Beispiel von der ersten Björk-Platte. Da war ich noch sehr jung. Und das, was die da gemacht hat, fand ich wirklich krass. Das habe ich erst überhaupt nicht verstanden. Bei Philipp kann ich es jetzt gar nicht so genau sagen. Aber das war wohl das erste, was wir beide wirklich geteilt haben. Da habe ich das erste Mal Musik wirklich bewusst aufgenommen. Vorher als Kind hat man ja einfach nicht den allerbesten Musikgeschmack. Ich habe mir das Björk-Album wirklich so lange angehört, bis ich gedacht habe, dass ich es jetzt langsam verstehe. Aber beim ersten Hören dachte ich wirklich: Was soll denn das? Was schreit die da so? Doch wenn Philipp meint, das sei gut, dann hat das ja irgendwie seine Relevanz. Also wollte ich mal schauen, was passiert. Und es hat funktioniert.

Eure Platte ist schon einige Zeit draußen, ihr wurdet schon viel dazu befragt. Eines würde ich trotzdem gern noch wissen: Als ich das Album zum ersten Mal gehört habe, als der Opener "Solace" anspielte, war ich einfach hin und weg. Irgendwann kam ich dann zu "Happy Virus" und war irgendwie erst mal ein bisschen skeptisch. Sehr poppig, sehr eingängig. Doch mit und mit, als ich dann den Text auch mal richtig wahrgenommen habe, gefiel mir der Song immer mehr und ich dachte, wie gut ihr es geschafft habt, dass Form und Inhalt auf dem Track eine Einheit eingehen. War euch das von Anfang an bewusst, wolltet ihr das von Beginn an intentional herbeiführen, oder hat sich das so im Produktionsprozess ergeben?

Du hast uns noch nicht live gesehen, ne?

Nee.

Ok, dann bin ich mal gespannt, was du nachher über die Live-Version von "Happy Virus" sagst.

Ist die so viel anders?

Ja, wirst du sehen. Der "Happy Virus" ist unser ältestes Lied. Das gibt es schon sieben oder acht Jahre. Und von diesem Lied gibt es ungefähr 25 Versionen. Die sind alle wirklich komplett anders, nur die Gesangsmelodie ist immer gleich geblieben. Wir haben so lange gebraucht, bis dieses Lied wirklich stimmte, und unheimlich viel ausprobiert. Das, was jetzt auf dem Album gelandet ist, war dann die endgültige Version, von der wir beide dachten: Yes, das ist cool. Das ist zwar sehr poppig, aber ich steh auch schon sehr auf solche Popmomente. Gerade, wenn man auch noch andere Musik macht, dann kann man das. Also, Pop jetzt nicht im Sinne von Lady Gaga oder so ...

Jaja, schon klar.

Genau. Deshalb haben wir das schon sehr bewusst so gemacht. Es blieb uns aber auch nichts anderes übrig, weil das Lied so lange gebraucht hat, bis es eben endlich fertig war und wir beide zufrieden waren.

Dann bin ich ja mal gespannt, wie sich das gleich anhören wird. Wo wir gerade von Live-Performance sprechen: Ich habe von euch durch zwei Freunde von mir erfahren, die ganz begeistert von euren Auftritten waren. Einer von denen war in Augsburg bei eurem Gig.

Ach ja, das war wunderschön da.

... Und beide meinten: total bewegend, wunderschön, eindrucksvoll. Solche Worte sind gefallen. Wie fühlt sich das für euch an, wenn ihr merkt, wie sehr ihr die Leute berührt und solche Gefühle weckt?

Das ist ja eigentlich genau das, was wir wollen, deshalb freuen wir uns natürlich ganz dolle ...

Du meintest mal, Liebe, Rastlosigkeit, Geborgenheit und solche Gefühle könne man in Englisch besser ausdrücken. Ich hatte das bisher so empfunden, dass man sich einer Fremdsprache auch bedient, um sich von solchen Dingen, von großen Emotionen, zu distanzieren.

Doch, ja, das ist schon einer der wichtigsten Gründe, warum ich auf Englisch singe. Ich könnte mich mit den Texten auf Deutsch nicht so auf die Bühne hinstellen, glaube ich. Da würde ich mich ganz schön nackig fühlen. Also so ein bisschen Blumfeld-mäßig. Auf die Zwölf. Deshalb fällt es mir leichter, Englisch zu singen. Außerdem finde ich, dass Englisch gesungen schöner klingt als Deutsch. Und es hat einfach eine andere Klarheit, es bietet mehr Raum, weil die Worte irgendwie ein bisschen universaler sind. So fühlt es sich zumindest für mich an.

Hast du ein englisches Lieblingswort?

Mein englisches Lieblingswort, warte mal ... Ich hatte neulich irgendwo eins gefunden ... Ich muss jetzt ganz kurz überlegen ... Was war denn das noch?

(Jemand aus der Crew überlegt mit und schlägt vor: "War das nicht irgendwas mit 'Kastrations-Obduktions-Gedöns'?" Eva lacht.)

Es war auf jeden Fall ein lustiger Zungenbrecher. Ich hatte da neulich was ganz Schönes, aber es will mir jetzt einfach nicht einfallen. Naja, Englisch hat auf jeden Fall sehr viele schöne Wörter, die, wie ich finde, auch oft mehr nach dem klingen, was sie ausdrücken. "Grace" ist so ein Beispiel.

Wart ihr mittlerweile eigentlich schon mal wieder im Studio?

Nee, bisher noch nicht. Aber dafür gibt es heute wahrscheinlich, wenn die Leute eine Zugabe wollen, ein neues Lied. Und noch ein Song, den du auch noch nicht kennst, ist im Set mit drin. Der ist aber schon ein bisschen älter. Im Moment haben wir einfach keine Zeit. Das wird vor Anfang nächsten Jahres auch nichts werden, bis dahin steht noch viel an. Anfang Dezember gehen wir mit Bodi Bill auf Tour, dann kriegen wir noch zwei neue Bandmitglieder dazu, zwei Schlagzeuger für die Live-Auftritte. Im Studio bleiben wir weiterhin unter uns.

Hast du irgendein Traumprojekt, das du gern mal realisieren würdest?

Ich hätte gern ein kleines Haus in Island, mit einem Studio drin. (Philipp kommt kurz rein, Eva schaut ihn an) Ne? (Er lächelt, nickt und ist wieder verschwunden) Dann könnten wir dort aufnehmen, vielleicht so ein halbes Jahr. Ja, das nächste Album würden wir gern in Island aufnehmen, das wäre der Hammer. Aber wahrscheinlich wird es doch Hiddensee oder Hamburg. Nee, ich denke mal, es wird auf Hamburg hinauslaufen. Aber das wäre ein Traum, da haben Philipp und ich in Island oft von geschwärmt: Wir stehen irgendwo mitten im Nichts, das Haus in dieser Mondlandschaft sieht aus wie ein deutsches Gartenhäuschen, echt hübsch, ein bisschen größer natürlich, und dann ganz in Rot. Einfach ein süßes Haus mitten in der Pampa, daneben ein Wasserfall, Rauch und Geysire, so ungefähr. Wir würden uns dann Freunde einladen, dann ist es zwischendurch nicht so einsam.

Später beim Konzert ist "Happy Virus" tatsächlich völlig anders als auf Platte: Die Popmomente treten in den Hintergrund, der Song wirkt wesentlich experimenteller, düsterer, elektronischer und trotzdem genauso wunderbar wie der Rest der Setlist und Performance. Das Studio 672 ist proppevoll, der Funke springt von der Bühne herunter und bahnt sich seinen Weg von Kopf zu Kopf und Ohr zu Ohr, bis auch der letzte Zuhörer in der letzten Reihe verzaubert ist. Evas Gesang, Philipps Klavierspiel und die knisternde Elektronik dazu muss man live erlebt haben. Für mich eines der schönsten Clubkonzerte des Jahres.

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