laut.de-Kritik

Bei Herzog herrscht weiterhin Sucht und Ordnung.

Review von

Herzog kocht sein ganz eigenes Süppchen. Draußen mag vorgehen was will, in den eigenen, schalldichten vier Wänden hängt schwerer Dunst und ein gewohnt süßer Duft in der Luft. Aus alten Grundig-Boxen dröhnt "Die Letzte Bratze", Herzog und 86kiloherz drehen hochkonzentriert Joints. Holländisch versteht sich. Seit Stunden haben die Kiffer-Kompadres kein Wort mehr gewechselt, die Beats stehen, die Texte auch soweit, alles ist eingespielt. Doch irgendwas fehlt dem verstrahlten Adelsmann noch. Plötzlich Herzog: "Hänseln und bretzeln!"

Damit war das Projekt mit dem ikonischen Titel "Vollbluthustler" vollendet, ein Werk, das sich nahtlos in den Opus des Berliners einfügt und den herzlichsten Drogenbeauftragten der Rapublik erstmals in die deutsche Album-Top-5 katapultieren sollte. Für das kleine Independent-Label ein beachtlicher Erfolg. Denn ein kurzer rotäugiger Blick auf Tracklist und Clips genügt, inhaltlich macht der Herr keine Experimente. Wie gewohnt dreht sich auch auf der dritten Soloplatte alles um Aufzucht, Vertrieb und stets voran den Konsum von Cannabis.

86kiloherz und Herzog passen zusammen wie Chillum auf Wasserpfeife. Nur logisch also, dass der Producer nicht nur für den Feinschliff, sondern nunmehr für die gesamte Konzeption der Platte verantwortlich zeichnet. Man könnte meinen, der Berliner hätte bereits nach den letzten drei Releases den Markt mit "ABCannabis"-Tracks überflutet und die Verschallhornung deutscher Redensarten auf die Spitze getrieben, doch weit gefehlt. Wer sich von Herzog an die Hand nehmen lässt und die blinkenden Lichter der Großstadt sowie diverse Halluzinogene aus der Handfläche eines Atzen auf sich wirken lässt, wird von der "Aufwärtsspirale" nicht enttäuscht werden.

So monothematisch das Ganze wirkt, Herzog verpackt seine große Leidenschaft selbst nach acht Jahren Drogenrap noch mit bestechendem Wortwitz, flowt stets on point und presst seine Silben druckvoll ins Klangkorsett. Sprichwörtern einen drogenfreundlichen Anstrich zu verpassen stehen bei ihm nach wie vor hoch im Kurs: "Ich Kiffe Also Bin Ich (So Wie Ott Mich Schuf)". Halleluja! Im dazugehörigen Clip badet der liberale Verfechter des Rausches in einer Wanne voll grüner Knospen, wenn das mal nicht in der Ritze juckt.

"Nasskalter Schweiß auf der Stirn, geweitete Pupillen / Kieferkasper, wieder startklar für den nächsten Horrorfilm", beschreibt Herzog auch den leidvollen Teil seiner spannenden Welt. Pep, Weed, Haschisch und Ecstasy schlagen oft auf den Magen, da ist "Vollbluthustler" durchaus bekömmlicher. "Doch ich liebe diese Frau gerade weil sie wie'n Mann kifft", heißt es in "1a Kifferpärchen". Der Vollzeit-Job des Hustlers wirkt sich auf sämtliche Lebensbereiche aus, doch ohne Zweifel oder Reue zieht Herzog im wahrsten Sinne des Wortes sein Ding durch. Mit beachtlichem Erfolg, wie "Resümee" verdeutlicht. Seine Features bleiben in der Bombenprodukt-Familie, Sadi Gent, Dr. Surabi, Said, Tayler und PTK sind alles Label-Kollegen und bieten eine willkommene stimmliche Abwechslung. Jedoch wirken sie im direkten Vergleich zu den gewaltigen Lungenflügeln ihres Schirmherren etwas kurzatmig auf den treibenden Beats.

Obwohl die Platte am Stück doch einige Längen aufweist, hat Herzog mit seiner Posse ein unerwartet vielschichtiges Album gezaubert, das sich momentanen Trends widersetzt. "Vollbluthustler" ist mehr als nur eine simple Liebeserklärung an das grüne Gold. Es ist ein Trip an die Grenzgebiete der gutbürgerlichen Gesellschaft, wo verstockte Sachbearbeiter auf MDMA ihre Sorgen wegtanzen, wo der Bulle nach Feierabend mit dem Autonomen "Ein Kleines Näschen Am Rande" vernichtet und Herzog sich genüsslich ins Wachkoma kifft.

Trackliste

  1. 1. Blätter, Die Die Welt Bedeuten
  2. 2. Lang Lebe VBH
  3. 3. Kleines Näschen Am Rande
  4. 4. Ich Kiffe Also Bin Ich (So Wie Ott Mich Schuf)
  5. 5. Sucht & Ordnung (feat. Dr. Surabi)
  6. 6. Außen Weiß, Innen Grün
  7. 7. Resümee
  8. 8. Mit Dem Zweiten Zieht Man Besser (feat. Said)
  9. 9. Hotbox In Der U-Bahn
  10. 10. Eine Grasklare Angelegenheit
  11. 11. Viel Zu Früh (feat. Varak)
  12. 12. ABCannabis
  13. 13. Die Dosis Macht Das Gift (feat. Sadi Gent)
  14. 14. 1a Kifferpärchen
  15. 15. Hänseln & Bretzeln (feat. Tayler)
  16. 16. Aufwärtsspirale (feat. PTK)
  17. 17. Polytoxisch

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4 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Das ist uebrigens 'Die LETZTE Bratze', die da auf EHFD angeschmachtet wurde. ;)

    Haette nicht gedacht, dass das hier ueberhaupt besprochen wird, schoenes Ding. Mir sind ein paar Kifferlieder zu viel drauf, aber lieber sowas als dann noch solche Splatterfantasien wie 'Exzess All Areas' vom Debut (der Rufffiction-Mongo Crystal F hat dieses Jahr ein ganzes Album mit so einem Mist rausgebracht, wo man eigentlich denken sollte, dass das 2016 keine Sau mehr braucht). Allerdings sind mir Cone Gorilla und Krijo Stalka am Ende des Tages immer noch lieber als der unertraegliche Said.

    Vielleicht verschont uns der laut'sche Hip Hop-Erklaerbaer tastentoni hier ja mit seiner "Expertise", und labert anderswo weiter was vom "Strassengangethos" (lel) und moechte irgendwem Entstehung und Ursprungsmotivation von Hip Hop nahebringen - der Beitrag war immerhin pures Comedygold. Auch wenn ihn ausser nicolas_stolz keiner hier braucht. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, weniger zu haten, naja. Bei manchen Gestalten geht es einfach nicht anders.

    Es stellt sich natuerlich die Frage, wie viele Alben er noch mit diesem Thema fuellen kann. Entweder er macht irgendwann ein rein psychedelisch inspiriertes Album, oder er konzentriert sich mal auf die richtig schoenen Dinge wie GBL und Frauenbegegnungen. Dann kann auch Krijo Stalka gerne mal wieder einen raushauen. Mir persoenlich wuerde ein Konzeptalbum aus der Sicht eines Lorazepamsuechtigen gefallen.

    PTK uebrigens mit subtilem El-P-Gebite. Wer die line entdeckt, dem legt Herzog dann eine ordentliche. Aber nur von der Paste aus Polen.

    Ach ja: 86kiloherz fickt jeden von Flers Produzenten, sollte klar sein.

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Jahren

    Vor 3-4 Jahren hätte ich sowas sicherlich gefeiert, aber zum heutigen Zeitpunkt wirkt das sehr humorbefreit und soundtechnisch zu monoton. 3/5