laut.de-Kritik

Helene zuzuhören tut nicht weh, macht aber betroffen.

Review von

Gleich im ersten Song "Volle Kraft voraus" thematisiert Frau Fischer, was Fans seit nunmehr vier Jahren unter den Nägeln brannte: Die Trennung von Florian Silbereisen. Selbstverständlich fällt der Name des Lieblingsmoderators nicht, es fallen nur die üblichen Pathosformeln von mutigen Trennungen und verlorenen Lieben. Sonst gibt's nix Neues, Helene singt von großen Emotionen, die ohne jegliche Reflexion auskommen. Hirnlos glücklich, hirnlos traurig, dem Leben ausgeliefert. Wer täglich schuften geht und jedes Halbjahr zwanzig Cent mehr für Raviolidosen und den Liter Diesel zahlt, der könnte sich so fühlen. Es igelt sich ein der Deutsche, bald ist wieder Weihnachten, irgendwer wird "Jingle Bells" singen, vielleicht Sasha, der mit neuer Galashow auf Tour ist.

Auch den lieben Herrgott nicht vergessen, bitte: In "Engel ohne Flügel" singt der Bevölkerung liebste Russlanddeutsche über Krankenhaus- und Heimpersonal. Seit Corona gibt's Vertrauen in die Wissenschaft und Vertrauen in die Medizin – eines Tages wurde sogar für die leidlich aus Osteuropa ins Land gelassenen Pflegekräfte geklatscht, aus Dankbarkeit. Unfreiwillig zynisch kommentiert Helene folgerichtig: "Er wird geliebt auf der Station und diese Liebe ist sein Lohn". An die Armen wurde in mehrerlei Hinsicht gedacht, das Preis-Leistungs-Verhältnis bei "Rausch", so der Name dieses achten Studioalbums, ist vorzüglich. Wohlfeil bekommt man entweder die reguläre CD mit 18 Songs, oder die Deluxe-Version mit 24 Liedern für durchschnittlich 89 Cent pro Komposition. Zweitere Ausgabe bietet gar fast anderthalb Stunden Material.

Schon nach dem fünften Gedudel aber hat der aufmerksame Hörer bereits sämtliche Phrasen, seien es lyrische oder musikalische, so verinnerlicht, dass er nichts mehr auseinanderhalten kann. Ob "Komm wir schaun uns wieder ins Gesicht, uns blendet nur das falsche Licht" ("Wann wachen wir auf") oder "Komm wir bleiben, lassen uns treiben" ("Liebe ist ein Tanz") oder "Wie im Rausch, bitte hör nie auf ("Rausch") oder "Bin dankbar, dass wir uns haben, ich kann's nicht oft genug sagen" ("Genau dieses Gefühl") oder "Kein Geld der Welt, keine Armee, die dich aufhält" ("Zeit") – alle diese Satzbausteine, ihre zugehörigen Akkorde und Arrangementspuren sind untereinander problemlos austauschbar. Die Profis hinter diesem Album, es sind ein paar Dutzend, kennen ihr Metier.

Sexy posiert die gelernte Musicaldarstellerin auf dem Albumcover an der Grenze zum Softporno. Gerade so, dass es noch diskussionsfrei durchgeht. Und weil es in der Bildzeitung keine Busenbilder mehr gibt, ist Mann dankbar für etwas Stimulation im grauen Alltag. Schlager ist Schlager, gibt's nicht doch irgendwas Neues? Wie gesagt: Nein. Sich 83,5 Minuten lang Helene Fischer anzuhören tut nicht weh, macht aber betroffen. Tröstend lässt Universal Music seine größte deutschsprachige Cashcow die öden Lebensumstände ihrer Zielgruppe so glatt und abstrakt wie möglich verhandeln. Produktionstechnisch gibt man sich keine Blöße, jeder Synthesizer sitzt so gut wie das knappe Cocktailkleid der Protagonistin. Funktioniert im Radio und im Tanzlokal und im Auto und bei der mit Steuerkohle finanzierten Samstagabendshow.

Im ZDF gibt es aktuell übrigens "Im Rausch der Sinne" zu sehen, eine staatseigene Doku über Helene Fischer, die eigentlich ein Promotionvideo für "Rausch" ist. Dort erklärt die Sängerin "Die Erste deiner Art" sei ein feministischer Song. Da anno 2018 bereits die Mutmachhymne "Regenbogenfarben" im Duett mit der lesbischen Queerperson Kerstin Ott auf den Markt kam, kaufen ihr das sicherlich auch Alice Schwarzer und Judith Butler ab.

Fazit: Keine Inhalte, immer auf der Seite des Guten, ein Sprachrohr für nichts, viel Verständnis für alle, ein Herz für die sozial Schwachen und dazu moderne Volksmusik. Helene Fischer sieht besser aus als Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Patrick Lindner.

Trackliste

  1. 1. Volle Kraft voraus
  2. 2. Wenn alles durchdreht
  3. 3. Vamos a Marte (feat. Luis Fonsi)
  4. 4. Null auf 100
  5. 5. Engel ohne Flügel
  6. 6. Danke für dich
  7. 7. Wunden
  8. 8. Wann wachen wir auf
  9. 9. Spiele
  10. 10. Liebe ist ein Tanz
  11. 11. Hand in Hand
  12. 12. Zuhaus
  13. 13. Rausch
  14. 14. Blitz
  15. 15. Genau dieses Gefühl
  16. 16. Die Erste deiner Art
  17. 17. Bis du wieder scheinst
  18. 18. Wir werden eins
  19. 19. Glückwärts
  20. 20. Alles von mir
  21. 21. Jetzt oder nie
  22. 22. Zeit
  23. 23. Luftballon
  24. 24. Nichts auf der Welt

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8 Kommentare mit 18 Antworten

  • Vor einem Monat

    Eindeutig das beste Album, das dieses Jahr erschienen ist. Da können alle internationalen Künstler einpacken.

  • Vor 21 Tagen

    Unklar, wie es überhaupt dazu kam, dass ich diese Kritik komplett gelesen habe, aber da es nun einmal passiert ist UND weil ich weiter oben in einem Kommentar den Eindruck hatte, der Autor sei tatsächlich hier auch aktiver User, der einer ernst gemeinten Frage möglicherweise sogar Rede und Antwort steht:

    An diesem Album gibt es doch offenbar (und möglicherweise auch zu Recht) so vieles am künstlerischen Produkt zu kritisieren - Warum ist es dann zusätzlich nötig, auf so überhebliche und tendenziell (ganz bestimmte) Menschen verachtende Weise die mutmaßliche Hörerschaft / deren Lebensrealität ebenfalls abzuwerten?

    Ich beziehe mich hierbei auf folgende Abschnitte:

    "Hirnlos glücklich, hirnlos traurig, dem Leben ausgeliefert. Wer täglich schuften geht und jedes Halbjahr zwanzig Cent mehr für Raviolidosen und den Liter Diesel zahlt, der könnte sich so fühlen."

    "...die öden Lebensumstände ihrer Zielgruppe..."

    Wie gesagt: Tatsächlich eine ernsthafte Frage, auch wenn solche in dieser Community eher keine Konjunktur haben, das weiß ich schon ;)