laut.de-Kritik

Verheizter Bossa Nova trifft unterkühlten K-Pop.

Review von

Auf dem sechsten Mini-Album von Heize ist alles leise. Leiser noch als sonst, denn auch in der Vergangenheit wurde die südkoreanische Sängerin auf "Late Autumn" oder "She's Fine" nie laut. Auf diesem Projekt kühlt sie bisherige Pop-Flirts noch stoischer aus. Stattdessen isoliert sie die introvertierten Sounds aus Jazz, Bossa Nova und Hip Hop, um sie in ein kompromisslos in sich gekehrtes Projekt zu stauchen. "Lyricist" kann mit den besten Indie-Projekten ihres Landes mithalten.

Der Titeltrack steigt wie eine Brise ein. Die klassischen rhythmischen Figuren aus dem Bossa Nova spielt die koreanische Produktion clean. Aber mit verschwommenen Soundfetzen, nach Vintage-R'n'B klingenden Backing-Vocals und einem kristallklar kalten Piano schneiden viele Ideen durch den bekannten Groove. Das Ergebnis ist trotz aller Schichten schlicht und subtil, unterkühlt und bittersüß. Die Produktion reflektiert die Präsenz von Heize, die sich gleichzeitig so überhaupt nicht aufdrängt und doch das nicht in Frage stehende Zentrum der Songs bildet.

Ihre Delivery gleitet beiläufig auf den Instrumentals wie bei Nara Leao in den besten Tagen, später fühlt man sich an City Pop-Größen wie Taeko Ohnuki oder Akiko Yano erinnert. Die gesamte Platte handelt von Beziehungen, die erkalten: Dem Versuch, sich vor ungelösten Konflikten zu flüchten, sie dann doch wieder aufzugreifen und anders zu verarbeiten.

Der zweite Song, "Things Are Going Well" beschreibt Heize dabei, Nächte durchzuarbeiten und persönliche Ziele zu verfolgen, bis der falsche Moment sie wieder in die falschen Gedanken zurückwirft. Der Song, der zwischen Lo-Fi-Hip Hop und bedrücktem R'n'B pendelt, bildet ein Gegenstück zum Titeltrack. Der setzt sich inhaltlich mit der Paradoxie von Kunst als Arbeit auseinander. Will sich Heize nämlich aus Flucht vor dem Privaten in die Arbeit stürzen, stellt sie dort nur fest, dass der Job eines "Lyricist" daraus besteht, ihr Privates mit dem Stift noch einmal neu zu durchleiden. "Sometimes I think I'm cursed" zieht sie dann zum Fazit, ohne Pathos, aber auch ohne Ironie.

"Your Name" und "1/1440" verlassen sich inklusive der Gastrapper Ji Chanel und Ash Island noch deutlicher auf den Hip Hop-Einfluss, gerade ersterer ist der einzige Rückfall in die unangenehmeren Register des K-Pop-Balladen-Kitsches, den Heize bis dahin sicher umschifft hat. Weniger sie ist das Problem, die sie weiterhin mit der emotionalen Greifbarkeit einer Eisstatue vor sich hinsingt, eher ist es die etwas schwülstige Produktion mit dem etwas überkandidelten Ash Island, die hier mit Ach und Autotune gegen die Stimmung arbeitet.

Wenn aber das träufelnde "1/1440" ins instrumentale Outro "Not To See You Again." überschlägt, fühlen sich die fünfzehn Minuten von "Lyricist" trotzdem wie eine ganze Mahlzeit an. Heize findet eine Balance aus Schwermut und Erschöpfung, der sie mit ihrer fast schroffen Unabhängigkeit die Waage hält. Sie zeichnet sich als eine Insel, als ein Arbeitstier, das die Gesellschaft mit einer Hand spielen kann und deswegen gelernt hat, ihre Wünsche und Sehnsüchte in sich selbst zu fressen. Da schwelt eine Tragik, wie sie schon IU in ihrem Klassiker "Modern Times" vereinzelt durchschimmern ließ. Auch in vielen weiblichen Perspektiven der zeitgenössischen koreanischen Literatur taucht sie immer wieder auf, sei es bei E.J. Koh, Shin Kyung-sook oder Theresa Hak-Kyung Cha. Es ist eine Tragik der Stille, eine Musik zum Verheizen und Auskühlen zugleich.

Trackliste

  1. 1. Lyricist
  2. 2. Things Are Going Well
  3. 3. Your Name (feat. Ash Island)
  4. 4. 1/1440 (feat. Ji Chanel)
  5. 5. Not To See You Again.

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