22. Januar 2014

"Ich bin ein beliebter Sündenbock"

Interview geführt von

Wir Deutschen haben einen seltsamen Ruf in der Welt. Wir laufen alle in Lederhosen herum, essen Sauerkraut und trinken Bier. Wir sind pünktlich, sauber, fleißig und zudem noch ziemliche Spaßbremsen.

Wie um gleich eines dieser Vorurteile zu bestätigen, ruft Heinz Rudolf Kunze, für viele der deutscheste aller Deutsch-Rocker, wie verabredet punktgenau um 10 Uhr zum Interviewtermin an. "Wie kann ich ihnen helfen", fragt der Mann, dessen erstes Album "Reine Nervensache" bereits 33 Jahre auf dem Buckel hat. Während eines kurzen Smalltalks vorab einigen wir uns darauf, uns während des Interviews zu duzen.

Im weiteren Gespräch über seine letzten Alben, Europa, Carmen Nebel, die Radioquote, Christian Wulff, hippe Schnurrbärte und Brillen erweist sich der Musiker trotz manch unterschiedlichen Meinungen als angenehmer und freundlicher Gesprächspartner.

Auf deinem Facebook-Account bin ich über ein Gedicht gestolpert, das ich zu Beginn auszugsweise zitieren möchte: "Da draußen sind Verrückte unterwegs / die drehen dir das Wort im Munde um / die haben ein Gehirn aus Butterkeks / sind niederträchtig, ahnungslos und dumm / Interview / der Honk spielt mit dir Blindekuh / er hört dir sowieso nicht zu / beim Interview." Du darfst mich gerne Honk nennen. Ich biete dir hiermit höflich das Honk an.

Heinz Rudolf Kunze (lacht): Es kommt auf deine Fragen an. Es kommt immer darauf an, ob derjenige, der mich etwas fragt, Grund hat, das auf sich zu beziehen. Es gibt ja auch gute Interviews. Ich bin der letzte, der das leugnet. Das ist einfach mal ein lustiger Wutausbruch gewesen. Ich habe das selber schon als Interviewer erlebt. Ich habe die große Ehre gehabt, in meinem langen Leben berühmte Leute, auch aus England und Amerika, interviewen zu dürfen. Ich bin auf sie zugegangen und habe Randy Newman, Neil Young oder Phil Collins gefragt, woran es liegt, dass sie bei manchen Presseorganen so einen schlechten Ruf als Journalistenfresser haben. Da haben die mir geantwortet, was ich sehr gut nachvollziehen kann: "Weißt du, lieber Heinz, du machst selber Musik. Wenn dich einer zum tausendsten Mal fragt, was dein Lieblingsgericht oder deine Lieblingsfarbe ist, dann wird man schon mal gereizt." Deswegen freut man sich über jede Sachfrage, wo man merkt, der Interviewer hat sich mit der Musik beschäftigt. Dann sind wir auch nicht so. Wenn man den Leuten, auch wenn sie sehr berühmt waren und sehr sehr viele Interviews in ihrem Leben gegeben haben, sinnvolle Fragen stellt, dann tauen die alle auf und werden alle ganz zugänglich. Ich glaube, so bin ich auch.

Bei den letzten Kritiken war ich nicht sonderlich nett zu dir. Hast du diese mitbekommen?

Nein, ich glaube nicht.

In den letzten zwei Jahren habe ich vier Alben von dir besprochen. Das ist eine große Menge

Das würde ich auch mal sagen. Ich habe im Moment einen hohen Output.

Bereits bei dem wirklich guten Räuberzivil-Album "Hier rein, da raus"...

Das ist in der Tat eine meiner besten Platten. Besser kann ich nicht.

Bereits dort hatte ich bemängelt, dass es ein viel besseres Album geworden wäre, wenn du dich mehr auf den Punkt konzentriert hättest. Natürlich war es irgendwo eine Spielwiese, aber man hat gemerkt, wenn man gewisse Sachen weglassen würde, dann hätte ein noch besserer Longplayer herauskommen können. Da hätte ich mich auch mal getraut, durch die Redaktion zu laufen und zu sagen: "Schaut, der Herr Kunze kann es wirklich." Warum nimmst du dir zuletzt so wenig Zeit?

Weil ich so viel Material habe, das raus will. Ich habe einen ständig funktionierenden Springbrunnen. Ich kann ihn gar nicht abschalten. Und ich möchte, dass noch möglichst viel von mir unter die Menschheit kommt, denn ich werde allmählich älter und ich habe nur einen gewissen Zeithorizont vor mir, in dem ich noch tätig sein kann. Ich hoffe, dass der Horizont noch hell ist und noch weit von mir entfernt liegt. Ich habe schon noch viel vor und ich möchte den Leuten noch viel anbieten. Deswegen halte ich mich nicht an die branchenüblichen Rhythmen. Nach dem Motto: "Mach mal höchstes alle zwei Jahre ein Album, sonst verstopfst du den Markt." Das war eigentlich nie mein Wunsch. Ich habe mich lange daran gehalten, weil die Plattenfirmen es gar nicht anders zugelassen haben. Aber ich selber hatte immer das Gefühl, ich würde eigentlich lieber wie Frank Zappa drei Platten pro Jahr machen.

Abgesehen davon: Dieses Argument habe ich schon sehr häufig gelesen bei anderen Doppelalben von Kollegen. Wie oft liest man da den Satz, eine Platte wäre noch dichter gewesen. Der Witz ist eben, es ist ein Doppelalbum und die Spielwiese, wie du richtig sagtest, gehört halt dazu. So dass viel angeboten wird, und man kann sich eben etwas herauspicken. Es wäre sicher möglich gewesen, das Album zu verdampfen auf eines, aber dann hätte mir der eine oder andere Ausflug doch gefehlt. Das Besondere an Räuberzivil ist eben, dass man alles machen kann, was einem in den Sinn kommt. Ich mache das ja auch nicht bei meinem Hauptlabel, sondern bei Phil Friedrichs in Münster, bei einem Independent-Label. Phil ist einfach so ein wunderbarer Plattenboss, der mir alles erlaubt und der auch nie eine Vorgabe macht. "Du musst jetzt an eine Single denken. Das muss im Radio laufen." Wir dürfen einfach alles tun, was wir wollen. Das ist eine große Freunde. Man muss da nicht so strategisch denken wie bei den Sony-Alben. Das haben wir einfach nach Herzenslust ausgetobt.

Mit dem Hintergrund, dass mir von "Hier rein, da raus" mehrere Songs gefielen, bin ich an "Stein vom Herzen" gegangen und wurde sehr enttäuscht.

Da bist du einer der ganz wenigen, denn die Kritiken sind durch die Bank euphorisch.

Neben meiner habe ich im Nachhinein aber auch noch einige andere weniger begeisterte gelesen. Ich stand nicht alleine mit meiner Meinung da. Zudem bekomme ich normalerweise bei einer recht deutlichen Kritik vom Fanlager eins auf die Mütze. Diesmal habe ich aber sogar sehr viel Zustimmung bekommen. Ich war selbst erstaunt.

Das wundert mich sehr, denn ich kriege ja auch den ein oder anderen Pressespiegel. Ich habe eigentlich nur euphorische Stimmen gehört. Das tut mir natürlich leid, dass dir die Platte nicht gefällt, aber ich kann es nicht ändern.

Ich finde, es zeigt eine ganz andere Seite als der Räuberzivil-Ausflug. Was ich mich dann frage: Wenn du einerseits die Spielwiese bei einem kleinen Label hast und bei Sony, dem großen, auf andere Dinge achten musst, was ist dir dann eigentlich lieber?

Beides! Räuberzivil ist vor fünf, sechs Jahren richtig ins Rollen gekommen als ein Outlet für die Dinge, die zu meiner Verstärkung-Band nicht so passen, die ich aber trotzdem mit anderen Musikern gerne ausleben möchte. Deswegen genieße ich das sehr, dass ich da hin und her pendeln kann. Es ist aber immer noch so, dass mir die Hauptband, die elektrische Band, die auch mal laut wird, fehlen würde, wenn ich sie nicht hätte. Ich bin noch nicht vollständig auf dem Altenteil angekommen, unplugged und ruhig, sondern ich möchte auch noch mal Krach machen mit den Jungs. Das ist bei "Stein vom Herzen" auch sehr schön gelungen. Die Freude, die ich empfunden habe, als Jens Carstens und Zoran Grujovski dieses Album mit mir produziert haben, die war für mich unglaublich spürbar. Das war das erste Mal, dass die beiden mit mir produziert haben. Klar, ich werde dich jetzt nicht vom Gegenteil überzeugen können, über Musik kann man lange reden, aber man kann Leute nicht umschwenken lassen. Ich finde, sie haben ein Kunststück darin vollbracht, eine sehr sorgfältig gearbeitete Platte doch so klingen zu lassen, dass man sich das beim Hören gleich auf der Bühne vorstellen kann. Ich finde, es hört sich sehr kompakt an, wie ein wirklicher Sänger mit Band, die zusammen etwas ausgeheckt haben. Es hat eine große Kraft und es hat bei den beiden vor allem - bei den anderen beiden der Band natürlich auch – wieder mal richtig Spielfreude heraus geholt, die ich bei dem Album davor, "Die Gunst der Stunde", nur teilweise empfunden habe. Hier hatte ich das Gefühl, alle fünf sind richtig bei der Sache, geben auch bei den Balladen richtig Gas. Für mich war das ein sehr glückliches Album. Ich schätze es ziemlich hoch ein, weil ich finde, es klingt einfach toll. Wenn es mir gelingt, eine hartgesottene Hard-Rock-Hörerin aus meinem Bekanntenkreis durch den Song "Stein Vom Herzen" zum Heulen zu bringen, dann habe ich, finde ich, irgendetwas richtig gemacht. Dann bin ich ein bisschen stolz.

Ich finde es ganz interessant, dass du von euch fünf sprichst und dich in die Band mit einbeziehst.

Das ist bei Heinz Rudolf Kunze und Verstärkung auch eher das Gefühl, das ich beim Musik machen habe. Ich bin der Sänger und natürlich auch der Hauptautor, aber ich habe eine Band, die mir sehr wichtig ist und ohne die ich das gar nicht machen könnte. Dieses Gemeinschaftsgefühl von der Verstärkung war mir über die Jahrzehnte, egal wer dabei war, immer sehr wichtig. Ich habe ja auch immer so lange es ging an Musikern festgehalten. Ich bin kein hektischer Umbesetzer. Klar, es bleibt nicht aus, wenn man 34 Jahre lang Musik macht, dass die Besetzungen wechseln. Aber die Phasen, in denen wir zusammen gearbeitet haben, waren immer recht lang.

"Leider ist Mike Leckebusch einstweilig tot."

Wenn ich mich an einen deiner Kommentare zu "Kunze: Macht Musik" erinnere, fast schon zu lange. Da hast du davon gesprochen, dass ihr zu diesem Zeitpunkt schon sehr zerstritten wart.

Dieses Album war eine gute Spätblüte. Da hat man die klassische Kunze-Band noch einmal gut eingefangen. Das Album fand ich sehr stark, aber ich merkte dann auch, in diesem Team ist alles gesagt. Das Album kennen heute ja gar nicht mehr so viele Leute. Aber gerade weil du es kennst, weißt du, dass wir im Laufe von 34 Jahre eine Menge Experimente gemacht haben. Ich würde mal behaupten, ich habe mehr experimentiert als jeder andere im Deutsch-Rock. Dinge wie "Goethes Banjo", wer macht den so was im Deutsch-Rock? Da kannst du lange suchen. Das gibt es höchstens im Independent-Bereich.

Ein klasse Song, den ich wirklich mag. Aber gerade wenn wir bei "Macht Musik" sind: Ich habe mir das gestern noch einmal angehört. Gerade hier sind die Bilder, der Textfluss und die Reime deutlich stärker.

Ich weiß nicht. Finde ich nicht. Es war eine Phase, in der ich sehr verschlüsselt und dunkel geschrieben habe. Das ist so eine Lebensphase gewesen. Im Moment ist mir mehr nach klar und deutlich.

Ziemlich deutlich gehst du ja in "Europas Sohn" auf "Stein vom Herzen" vor.

Allerdings!

Dir ist es also wichtig, dass das gegenseitige Zerfleischen, das mehr und mehr zwischen den europäischen Ländern einsetzt und in dem viele Menschen zum Beispiel in Griechenland nur noch einen bösen Schmarotzer sehen, ein deutliches Kontra bekommt?

So ein Gedanke wie das Problem Europa beschäftigt uns ja nicht erst seit kurzer Zeit. Das geht ja nun schon fünf, sechs Jahre lang. Ich denke, spätestens seit der Bankenkrise ist dieser europäische Gedanke zerbrechlich geworden und viele Leute mäkeln an ihm herum. Es hat bei mir halt ein paar Jahre gedauert, bis daraus ein Lied werden wollte. Ich habe diese Dinge in meinen Sprechtexten immer wieder über die Jahre angesprochen. Das ist ja auch etwas anderes. Da kann man auch kabarettistisch, schnell und akut auf Dinge reagieren. Aber bis das ein Lied werden will, braucht es halt manchmal seine Zeit. Das kann ich nicht erzwingen. Ich habe mich schon sehr gefreut, dass die Zeit neulich fast eine ganze Seite gegeben hat, und der Aufhänger war "Europas Sohn". Da habe ich doch offenbar etwas angestoßen, was selten in diesem Land gesungen wird. Die meisten Kollegen, die ich so um mich herum wahrnehme, äußern sich merkwürdig wenig oder gar nicht zu solchen Problemen. Das hat mich immer sehr irritiert, dass es zwar zum guten Ton in Deutschland gehört, dass sich die Autoren und Sänger in Interviews und in Talkshows politisch gebärden, aber dass man das in ihrer Musik kaum wiederfindet. Ich möchte das weniger auf Spruchbändern abhandeln, sondern, wenn es geht, in Liedform. Nach dem Motto: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Mit der Zeile "Denk nur an Amerika / Wie pervers sind die denn da?" hast du ja fast punktgenau auf den Tag mit der Veröffentlichung von "Stein vom Herzen" den Abhörskandal um Merkels Handy getroffen.

Das ist natürlich Zufall. Mich hat die ganze NSA-Geschichte nicht wirklich überrascht. Sie hat mich natürlich empört und sie muss einen ja auch empören. Aber für mich kam das nicht aus heiterem Himmel. Ich denke mir, der Fluch der modernen Technik ist an den Segen der modernen Technik immer eng gekoppelt. Alles, was man machen kann, wird, gerade bei Geheimdiensten, auch gemacht. Es ist relativ kurios, wenn da jetzt Entrüstung öffentlich bekundet wird und wenn die Deutschen ihren kleinen Zeigefinger erheben, nach Amerika winken und sagen: "Du du du, das macht man aber nicht." Es wird nur das nicht gemacht, was man unterbinden kann. Alles andere wird gemacht. Da kann man mit dem Zeigefinger in der Luft herumfuchteln, so sehr man will.

Trotzdem wurde das Ganze von der Regierung schön heruntergespielt und jetzt, wo endlich wieder DSDS und das Dschungelcamp im Fernseher laufen, interessiert das von der breiten Masse eh keinen mehr. Ist das nicht frustrierend?

Ja, aber war das nicht immer so? Das ist auch nichts Neues, dass am nächsten Tag wieder eine neue Sau durchs Dorf gejagt wird. Damit müssen wir schon lange leben. Das ist die Schattenseite der Medienwelt.

Was mich ein wenig schockiert hat, war ein Kommentar von dir zu deinem "Ich Bin"-Album. Damals hattest du gesagt: "Eigentlich sollte das Album schon zu Weihnachten da sein und mit einem Auftritt in der Fernsehsendung 'Willkommen bei Carmen Nebel' gestartet werden. Aber das Schicksal wollte es, dass die Sendung im Dezember schon dicht war. Deshalb mussten wir noch etwas warten." Ist man da mittlerweile so sehr auf diese Plattform angewiesen, dass man die Platte nahe an die Show koppeln muss? Ich finde den Gedanken etwas gruselig.

Das ist so. Das geht ja auch nicht von mir aus, sondern von der Plattenfirma. Die Plattenfirma schiebt den Rhythmus einer Veröffentlichung möglichst nahe an eine Hauptabendfernsehsendung ran. Nun habe ich schon viel über Carmen Nebel diskutieren müssen. Natürlich ist das keine Sendung, die zu meinen Lieblingssendungen gehört. Wer mich kennt, dürfte das ahnen. Andererseits aber gehen da BAP und Karat und andere Deutsch-Rock-Gruppen auch hin. Die Gegenfrage muss immer lauten: Wo soll ich denn sonst hin? Was gibt es denn noch? Es gab einen empörten Fan auf Facebook, der mich angeklagt hat dafür, dass ich mich in diesen Schlager-Sumpf verirre. Dazu kann ich nur sagen, immer wieder, Carmen Nebel ist eine nette Frau, ist eine gelernte Lehrerin aus dem Osten, und gehört als Person zu meinem absoluten Stammpublikum. Sie ist Kunze-Fan seit Jahrzehnten. Ich werde dort ab und zu eingeladen und fände es sehr unhöflich, so eine Einladung abzuschlagen. Natürlich würde ich lieber, habe ich dem Mann dann zurück gepostet, bei Mike Leckebusch im Beat-Club auftreten, aber leider ist der Mann einstweilig tot.

Ich sehe das Problem definitiv. Es gibt nicht mehr so viele Plattformen da draußen, auf denen man sich im Fernsehen einer Öffentlichkeit präsentieren kann. Da verstehe ich, dass man dann auch 'Willkommen bei Carmen Nebel' aufgreift.

Sagen wir es doch ganz hart. Es gibt überhaupt keine Hauptabend-Sendung im deutschen Fernsehen, wo die Musik stattfindet, die ich selber sammle. Das ist einfach ein Faktum. Da kann ich nichts gegen machen.

"So eine Hetzjagd hat es in der BRD noch nie gegeben"

Nervt es eigentlich arg, nach fast zwanzig Jahren immer noch als das Sprachrohr der deutschen Radioquote wahrgenommen zu werden und immer wieder darauf angesprochen zu werden?

Ja!

Immerhin wahren seinerzeit auch Grönemeyer, Reinhard Mey, Lindenberg aber auch Max Herre und Jan Delay zu Anfang mit an Bord. Ich habe diese Frage noch nie in einem Interview mit Jan Delay gelesen.

Ich bin ein beliebter Sündenbock. Ich bin Kummer gewohnt.

Aber du bist damals im Spiegel-Interview auch sehr nach vorne geprescht.

Sie haben mich sozusagen als Pressesprecher dieser Initiative bestimmt. Ich habe das gemacht und war dann hinterher sehr, sehr enttäuscht und verbittert über die mangelnde Solidarität der Kollegen, die mich dann schön damit alleine gelassen haben. Ich würde das auch nie wieder tun. Das ist eine bittere Lernerfahrung meines Lebens. Ich würde mich nie wieder für einen Musiker-Anliegen öffentlich zur Verfügung stellen, weil Musiker unsolidarische Leute sind.

Du warst in deiner Wortwahl aber auch sehr laut. Dazu hatte dich ja keiner gezwungen.

Ich weiß nicht, ob ich sehr laut war. Ich war vielleicht sehr konkret. Ich habe aber auch nie einen Hehl daraus gemacht, gerade in den Medien, die mich fair behandelt haben, zum Beispiel der Spiegel, zum Beispiel Kienzle und Hauser im ZDF, zum Beispiel Küppersbusch in der ARD, meine Zweifel an der Sache zu äußern. Damals schon, nicht erst später, habe ich kund getan, dass ich von der ganzen Sache wenig halte, weil wir in Deutschland nicht in Frankreich sind. Dort kann das ein Kultusminister mit einem Federstreich regeln. Hier laufen Kultur und Kulturpolitik und kulturpolitische Entscheidungen ganz anders. Föderalistisch, nämlich. Ich habe darauf die Kollegen auch intern hingewiesen, dass das so einfach nicht ist. Aber wenn Musiker sich aufregen wollen, dann wollen sie sich aufregen. Dann wollen sie auf die große Pauke hauen. Beziehungsweise schicken sie einen vor, der es für sie tut. Wie gesagt, ich würde es nicht wieder tun.

Am Ende hat sich ja auch ohne einen solchen Eingriff vieles zum Positiven gewandelt. Leute, die du damals im Interview angeführt hast, Element Of Crime, Die Sterne und die mittlerweile von uns gegangenen Blumfeld gehörten ja kurz darauf ganz von allein und ohne Quote schnell zu den Aushängeschildern der deutschsprachigen Musik.

Ja, das hat sich von alleine geregelt und der ganze Zirkus war ein ziemlich sinnloser Sturm im Wasserglas.

Im Grunde spielt das Radio heute ja auch keine all zu große Rolle mehr bei der jüngeren Generation. Die findet ihre Musik über Spotify und Soundcloud. Wie stehst du dieser Entwicklung entgegen?

Schöner Versprecher gerade von dir. Wie stehst du dieser Entwicklung entgegen.

Ah, ja!

Das sagt schon eine Menge. Ich komme aus einer anderen Zeit. Mir ist das alles sehr fremd. Ich bin ein jahrzehntelanger Schallplatten- und CD-Sammler. Ich kann mit diesen virtuellen Medien, runterladen, sich ein Gerät voll einzelner Songs laden, nichts anfangen. Musik, die ich mag, die kaufe ich mir und die sammle ich und die will ich im Regal haben und anfassen können. Es ist aber natürlich auch sinnlos, gegenüber dem Meer eine Sandburg zu bauen.

Wie wirkt sich denn Spotify bei dir aus? Bekommst du einmal im Monat eine Abrechnung und darfst dir dann abends mal für das 20.000 mal gespielte "Dein ist mein ganzes Herz" eine Salami-Stulle mehr gönnen?

Ja, das ist ein bekannter Musiker-Witz: Ob das wohl reicht, von diesen Abrechnungen einmal die Band einzuladen. Natürlich wirkt sich das aus, weil das einfach viel zu wenig ist. Man wird auf diese Weise schleichend enteignet. Das ist ein Skandal. Ich sehe bloß keine Abhilfe. Wir müssen einfach weitermachen und unser Angebot so gut machen, wie wir können.

Du hast dich im TV sehr direkt auf die Seite deines Freundes, den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, gestellt und dafür auch einiges an Kritik eingesteckt. Ist es da eine kleine Genugtuung, wenn selbst die Heute-Show jetzt den Prozess über 700 Euro durch den Kakao zieht, obwohl das Geschrei damals sehr groß war?

Nein. Dafür habe ich mit meinem Freund Christian Wulff zu viel Mitleid. Es ist keine Genugtuung. Es ist eher ein Ekel vor dem deutschen Satire-Betrieb, der so schnell sein Fähnchen hier hin und dann da hin in den Wind hängt. Die gleichen Leute, die noch vor einem Jahr Hohn und Spott über Wulff ausgegossen haben, rudern jetzt zurück. Das befremdet mich nur gegenüber den Comedians. Das, was die Leute angerichtet haben, im Leben und im Schicksal dieses Menschen, ist nicht wieder gut zu machen. Selbst, wenn er jetzt einen Freispruch erster Klasse bekommt, wird es immer noch ganz viele im Lande geben, die sagen: "Na, da wurde doch wieder mal gemauschelt" und "Die da oben, die packt man nie". Auch wenn er sich in einem juristischen Sinne nichts zu Schulden lassen kommen hat, bleibt etwas an ihm kleben. Seine Ehe ist zerstört, sein Beruf ist zerstört und seine Ehre ist zerstört. Das ist irreparabel. Diese Hetzjagd auf einen Prominenten hat es meines Wissens in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Das können natürlich Menschen nicht verstehen, denen das persönliche Erleben da fehlt. Ich kann nur sagen, wenn einer das mal erlebt, dass ein enger Freund von ihm so im Rampenlicht steht und so durch den Dreck gezogen wird, dann sieht man das anders. Allein die Vorstellung, was seine Kinder auf dem Schulhof durchmachen mussten.

Im SWR1 hattest du bereits gesagt, was für mich Freundschaft an sich sehr schön umschreibt. "Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Und wissen sie was? Und hätte er sich was zu Schulden kommen lassen, wäre er trotzdem mein Freund."

Ja, klar! Ich bin im Gegenzug dazu mal sehr gespannt, was mit Herrn Hoeneß passiert, diesem Volksheld.

Dein typisches Wiedererkennungsbild, sozusagen dein Trademark, das sich aus den Achtzigern verfestigt hat, ist die dicke Brille und der Schnurrbart. Wenn du jetzt aus deinem Fenster schaust und die Straße laufen jugendliche Männer mit Schnurrbärten und dicker Brille herum, dienst du heute quasi als optisches Vorbild und Ur-Hipster. Gibt das einem ein gutes Gefühl?

(Lacht) Also, der Schnurrbart ist seit zwanzig Jahren immer mal wieder dran und immer mal wieder ab. Er war auch nicht so markant, dass die Leute den Unterschied merken, wenn er mal ab ist. Zur Zeit ist er wieder ab. Aber die Leute denken sozusagen immer noch den Schnurrbart mit. Das mit der Brille war in der Tat in den Achtzigern noch sehr selten. Es gab ganz wenige Musikanten, die damals eine Brille aufhatten. Da musste man sich immer auf John Lennon, Elton John oder Buddy Holly beziehen. Aber das hat sich in der Tat sehr geändert. Viele junge Musiker oder auch junge Fernsehmoderatoren tragen heute sogar das gleiche Modell wie ich. Das scheint irgendwie in Mode gekommen zu sein. Das hat mit mir ja nichts zu tun. Ich glaube nicht, dass ich ein Role Model war. Seitdem ich zur Schule gehe, seit der Mittelstufe im Gymnasium, habe ich eine Brille gehabt und nie die Lust, das zu verheimlichen. Kontaktlinsen waren für mich nie ein Thema. Dieses Herumgefummel am Auge fand ich immer sehr unangenehm. Ich habe einfach die Brille gehabt, das gehörte zu mir, das war gar kein Style-Element, sondern das war Teil meiner Person und ganz natürlich. Ich habe ja dann mal, als mich andere darauf aufmerksam machten, dass diese Brille so etwas Markantes sei, damit herum gespielt. Mit verschiedenen Brillen in den späten Achtzigern und in den Neunzigern. Mit sehr exaltierten Brillen à la Elton John habe ich es ab und zu versucht. Aber das fand ich alles letzten Endes Blödsinn. Ich mag keine kleinen Brillen. Ich mag gerne ein großes Sichtfenster. Darum bin ich bei diesem schwarz gerandeten, großem Exemplar auf Dauer auch geblieben.

Hat sich ja dann auch durchgesetzt. Aber wird auch wieder gehen. Wie jede Mode.

Das wird gehen, ich werde bleiben!

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3 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    Ähem ... Erstes Album "Mildernde Umstände"? So einen Einstieg in den Text zu verkraften ist reine Nervensache ... ;)

  • Vor 5 Jahren

    "Mein Freund Christian Wulff"... Da schüttelts einen ja schon. Ne danke.

    • Vor 5 Jahren

      Ist vielleicht Taktik? Vielleicht hat er was von Christian Wulff geschenkt bekommen und möchte die nächste Untersuchung provozieren ...?
      Gruß
      Skywise

    • Vor 5 Jahren

      Quatsch, die sind halt einfach befreundet. Soll vorkommen, da beide in H wohnen und sich oft über den Weg laufen. Kennt ihr CW oder HRK persönlich? Finde dieses CW-Bashing nur immer peinlich. Als ob es keine anderen Probleme gäbe...

    • Vor 5 Jahren

      @obiwan2000:
      CW-Bashing? Hier? Wo genau?
      Gruß
      Skywise

    • Vor 5 Jahren

      Na ja, also ich habe Dragnets Post so verstanden. Oder wie interpretierst Du den?

    • Vor 5 Jahren

      Im Kern als Spott gegenüber Heinz Rudolf Kunze, der es offensichtlich nötig hat, den Freundschaftsstatus so deutlich zu betonen, und im weiteren Verlauf natürlich auch als Naserümpfen bezüglich Christian Wulff, wobei aus der Äußerung nicht klar hervorgeht, ob das Naserümpfen der Person oder der Affäre und der damit verbundenen Aufarbeitung durch die Medien gilt.
      Keine Ahnung, ob das schon als "bashing" durchgeht; ich bringe mit dem Begriff eher "vom Leder ziehen" in Zusammenhang.
      Gruß
      Skywise

    • Vor 5 Jahren

      Ich bashe hier niemanden. Mir ist einfach diese gewollte Nähe zu so einem Trashpolitiker zutiefst zuwider. Ich bezweifle auch, dass dahinter eine ach so dicke Freundschaft steht. Das ist einfach so ein Klüngel, der sich auf zweifelhaften Sektempfängen öfters übern Weg gelaufen ist. Beste Gesellschaft von Ferres, Maschmeyer, Scorpions etc... Kein ernstzunehmender Künstler gibt sich freiwillig mit solchen Personen ab.

    • Vor 5 Jahren

      @Dragnet:
      "Kein ernstzunehmender Künstler gibt sich freiwillig mit solchen Personen ab."
      Och, wahrscheinlich mehr als Du denkst ... letzten Endes ist es auch eine Frage, wer sich von diesen Personen bei seinen Touren erwischen läßt und wer später als Sieger aus dem ganzen Sumpf steigt und den Geschichtsschreibern seine Sicht der Dinge ins Schulbuch diktieren darf.
      Gruß
      Skywise

    • Vor 5 Jahren

      Ich weiß jetzt nicht, was der Status als Künstler mit den Freunden oder Bekannten desselben zu tun hat.
      Aber gut...Ich verteidige Wulff gar nicht, finde aber die Sprüche gegen ihn eher armselig und opportunistisch...
      Da gehört ja nichts zu, da die Mehrzahl der Stammtische Deutschlands sowas super findet.
      Und ja, Wulff als Bundespräsident war eine Fehlbesetzung, da er viel zu schwach war (und dann auch noch Libido-gesteuert). Ob aber der jetzige besser ist bezweifel ich mal stark. Unerträglich menschelndes Gelaber ohne Aussage! Ist aber natürlich OT...:-)

    • Vor 5 Jahren

      Wulff hat ausgesorgt und hat dafür rein gar nichts getan, und damit ist er in Deutschland in bester Gesellschaft, die von vielen auch noch bewundert oder zumindest toleriert wird. Das sind keine Fehltritte von einzelnen, die man getrost verzeihen kann, wie Kunze es bei seinem Freund so gerne hätte. Natürlich schade, dass Wulff jetzt als Sündenbock herhalten musste, aber er hat sich nunmal auch besonders dämlich verhalten (Lifestyle+seine Frau usw.). Irgendwann ist Gras über die Sache gewachsen und er freut sich immer noch über 10.000 Tacken im Monat und dann wird er denken: "Das wars mir wert". Deine Meinung über Gauck teile ich ürbigens.

    • Vor 5 Jahren

      "Ich bezweifle auch, dass dahinter eine ach so dicke Freundschaft steht. Das ist einfach so ein Klüngel, der sich auf zweifelhaften Sektempfängen öfters übern Weg gelaufen ist"
      Aber das ist doch in allen leicht höheren Kreisen so, oder nicht? Also auch bei dir oder mir im Ort bei den Rotariern, Freimaurern oder im Lions Club, wo auch jeder nur versucht, über den Kontakt zum anderen besseres Business zu machen (oder gemeinschaftlich Steuern zu hinterziehen, siehe Gustl Mollath). "Netzwerken" heißt das doch heute so schön, was die selbsternannte Elite da betreibt.

    • Vor 5 Jahren

      wulff hat sich ja auch bei den goths angebiedert und tauchte pseudoundercover beim wgt auf...der hat die nähe zum showbiz schon recht deutlich gesucht.
      ...aber das machen andere politiker ja auch...

  • Vor 3 Jahren

    Der Mann ist mir sympatisch. Besonders der Wunsch, möglichst viel noch zu veröffentlichen, mit der Erlaubnis zur Auswahl, hat seine Berechtigung. Einzig allein die Stimme ist nicht nachträglich verbesserbar. Alles andere kann man später immer noch befeilen.
    Ich bin jedenfalls sehr dankbar für so einige der Texte. Geschundene Seelen brauchen das manchmal. Hörbar: Brille, Es Wird Ein Gutes Leben, Der Clown Schreit Feuer, Hallo Himmel, uvm.