laut.de-Kritik

Vom Hadern mit Gott und den ganz normalen Menschen.

Review von

Nach mehr als einem Jahr Funkstille veröffentlicht der selbsternannte "rockende Dichter und Denker" Heinz Rudolf Kunze nun wieder ein Album. "Schöne Grüße Vom Schicksal" lässt (zumindest stellenweise) mit guter Musik und intelligent formulierten Botschaften aufhorchen.

Zunächst aber schmeißt sich Kunze in Rockerpose, es geht "Raus Auf Die Straße". Über seine Arbeit als Musiker reflektiert er in diesem nach vorne gehenden Song mit markanter Pianobegleitung: "Ich erfinde neue Welten, dafür werd' ich bezahlt." Um nicht die Bodenhaftung zu verlieren, wendet er sich in dem Track als deutschsprachiger Bruce Springsteen-Imitator der wahren Realität auf dem Asphalt zu.

Deswegen streift er als Taugenichts im anschließenden "Komm Mit Mir" beschwipst "die Straße runter". Dazu klingt er im Gegensatz zu der Nummer davor mehr nach Buddy Holly als nach dem Boss, wenn er und seine Band namens Verstärkung "Wake Me Up Before You Gogo" von Wham! ein leicht Rockabilly-mäßiges Gewand verpassen. Das allerdings vermittelt einen ziemlich hüftsteifen, aufgesetzten Eindruck.

Am Ende bleiben "Die Ganz Normalen Menschen". Ihnen widmet der in der Nähe von Hannover lebende Sänger, Songwriter und Texter dieses Stück. Nur unterscheidet er sich textlich in dem Track nicht grundlegend von den simplen Befindlichkeiten Herbert Grönemeyers, wenn es heißt: "Sie haben ganz normale Wünsche, sie haben ganz bescheidene Ziele." Zudem verliert sich die Nummer zum Schluss mit ihren "Oh-oh-oh"-Chören zu sehr in pathetischer Hymnenhaftigkeit. Bei HRK muss im Grunde genommen alles immer ein bisschen too much sein.

Dazwischen finden sich trotzdem so manche Lichtblicke. Die sorgen dafür, dass diese Platte aus dem umfangreichen Kunze'schen Gesamtkatalog positiv herausragt. Die Klavier-Ballade "Schäme Dich Nicht Deiner Tränen" setzt sich mit nostalgischem Blick mit den verpassten Chancen im Leben auseinander. Zusätzlich hat sich Kunze für dieses Stück einige der schönsten Zeilen seiner ganzen Karriere aufgehoben.

"Denk' an Figuren, die keineswegs wussten, dass sie dein Schicksal vorausspielen mussten", hadert er mit der Religion. Trotzdem sucht er Trost in ihr, wenn er anfügt: "Denk' an die göttlich-ausschließliche Liebe und ihr Verschwinden im Alltagsgetriebe." Mit seinen Fehlentscheidungen in seiner langen Künstlerlaufbahn dürfte er allmählich Frieden geschlossen haben. Jedenfalls strahlt er auf diesem Album viel Ruhe aus.

Demzufolge vermittelt Kunze als Texter mehr Zuversicht als auf seinen vorhergehenden Werken. Als Mitglied der evangelischen Kirche hält er es nicht für unmöglich, dass ein höherer Sinn existiert, erzählte er kürzlich der Teleschau. Daher kann man das Schicksal durchaus als das übergeordnete Thema dieser sowohl inhaltlich als auch musikalisch vielseitigen Scheibe betrachten.

In "Immerzu Fehlt Was" fasst Brille, wie in "Bestandsaufnahme", das ganze Leben in einem Song zusammen. Im Gegensatz zum Closer seines Meisterwerkes "Reine Nervensache" von 1981 kommt dieses Stück jedoch ohne beißende Ironie daher, sondern voller Sehnsucht. Zu den bluesigen Klängen der Verstärkung zeigt sich Kunze von seiner gelassenen und coolen Seite. Überdies erklärt er im midtempolastigen "Herzschlagfinale" in zehn Strophen seiner Ehefrau seine Dankbarkeit und Liebe. Auf die gemeinsame Zeit schaut er in dieser Nummer wortgewandt und feinfühlig zurück.

Nichtsdestotrotz überzeugt diese Platte gerade in ihren dunklen und wütenden Momenten. In "Der Vogel Der Nach Süden Zieht" gibt sich der singende Poet der trüben Wintermelancholie zu treibenden Fusion-Jazz-Klängen hin. "Der Vogel, der nach Süden zieht, hat im Gepäck sein eigenes Lied und braucht bestimmt nicht meines", singt er im Refrain. Er ergänzt: "Ich leg' mir einen Vorrat an, aus dem ich singe, dann und wann."

Letzten Endes wirken diese autobiographischen Zeilen über die eigene Fehlbarkeit mutiger als jede aufgeblasene Geste. Man kann als Hörer nur hoffen, dass sich HRK mittlerweile nicht die drei Worte aus dem blutleeren "Luft Nach Oben" auf die Fahne schreibt: "Jetzt wird abgehoben."

Gegenüber diesem Song und weiteren Belanglosigkeiten wie den schlageresken "Ich Sag's Dir Gerne Tausendmal" und "Nie Wieder Besser" stellt sich das breitbeinig rockende "Hartmann" als ein wahres Glanzstück heraus. Hier befasst sich Brille aus der Ich-Perspektive mit der Biographie eines Bundeswehrsoldaten, der nach der Rückkehr in seine Heimat für seine Taten keine Anerkennung erfährt und aus diesem Grund nie wieder zur Waffe greift. Die Nummer lässt sich ohne Weiteres als ihres Urhebers persönliches Bekenntnis zum Pazifismus lesen. Demnach reagiert Kunze in dem herrlich-abgründigen "Wie Tut Man Denn Sowas" hinsichtlich des religiösen Terrors zu erdigen Nick Cave-Sounds mit offenen Fragen: "Glaubt er wirklich an Gott?"

Bei der Entstehung von "Schöne Grüße Vom Schicksal" haben Heinz Rudolf Kunze offenbar die richtigen Geister tatkräftig zur Seite gestanden. Eigentlich rechnete man nicht mehr damit, dass er auf Solopfaden überhaupt noch einmal die Klasse seiner früheren Klassiker erreicht. An manchen Stellen auf diesem Album schafft er es dennoch. Angesichts dessen lässt sich die letzte Verkunzung deutschsprachiger Hits gewiss verschmerzen.

Trackliste

  1. 1. Raus Auf Die Straße
  2. 2. Komm Mit Mir
  3. 3. Ich Sag's Dir Gerne Tausendmal
  4. 4. Schäme Dich Nicht Deiner Tränen
  5. 5. Schorsch Genannt Die Schere
  6. 6. Luft Nach Oben
  7. 7. Immerzu Fehlt Was
  8. 8. Schieß
  9. 9. Nie Wieder Besser
  10. 10. Hartmann
  11. 11. Der Vogel Der Nach Süden Zieht
  12. 12. Herzschlagfinale
  13. 13. Wie Tut Man Denn Sowas
  14. 14. Zitadelle
  15. 15. Die Ganz Normalen Menschen

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11 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Dieser Kommentar wurde vor einem Jahr durch den Autor entfernt.

  • Vor einem Jahr

    Man kann von Kunzes Aussagen ja halten, was man will. Ich unterstütze sie sicherlich auch nicht immer. Ist ja bekannt, dass er öfters mal ins Fettnäppchen tritt, aber mich würden einige Kommentare zur musikalischen und lyrischen Qualität dieses Werkes durchaus mehr interessieren.

  • Vor einem Jahr

    Ein wirklich prima Album. Das Herr Kunze leider nur selten eine Linie durchhält: egal - da sind wirklich gute Songs dabei. Immerzu fehlt was, Herzschlagfinale, Wie tut man denn sowas. Klasse. Die Uptempo-Numern sind besser, als der Kritiker schreibt. Und ... ja nun ... die Schlagerscheißnummern - wenn man die ein bißchen erdiger produzieren würde ... richtig schlecht sind die nicht - Texte gut, Melodie gut - naja - Maurenbrecher weiß sowas gerade besser. Womöglich nicht für die Charts - aber für die Ewigkeit. Und ... Herr Kunze ... ist doch mal ein Auftrag. Ansonsten, nach dem wirklich unsäglichem Coveralbum: Kaufen, hören und Lieblingssongs in die Playlist.