laut.de-Kritik

Es gibt nur ein Gas: Vollgas!

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"Wir haben festgestellt, dass es erstmal wichtig ist, seine eigenen Fans, die Die-Hard-Fans, zu bedienen. Erst dann können wir schauen, ob wir auch noch weitere erreichen", erklärt Songwriter, Gitarrist und Bandgründer Maik Weichert. "Solche Fehler passieren Bands immer wieder. Ich z.B. bin riesiger Paradise Lost-Fan, aber die Phase, in der sie dachten, sie seien die neue große Popband, hätte ich nicht gebraucht. Und diesen Fehler wollen wir eben vermeiden."

Recht so. Und die erste Nummer, ein Mischling aus Intro und vollwertigem Song, gibt bereits eindrucksvoll die Marschrichtung vor: Erst baut sich eine unheimliche, dichte Atmosphäre auf, die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, bevor Sänger Bischoff ebendiesen unheilvoll hervorruft und sich die Wut von der Seele schreit. Wenn so "The Loss Of Fury" klingt, kann man sich ausmalen, was in den nächsten 50 Minuten auf einen einprasseln wird.

"Bring The War Home": Bassgewaltig und mit einer melodiösen Gitarre bewaffnet, bringt die Thüringer Brachial-Instanz den Krieg ins heimische Wohnzimmer. "All too soon / These children lost their fathers / And far too late I saw / That not for them I fought." Der Schreihals am Mikrophon wirkt beinahe so, als würde er dieses vor bodenloser Wut auffressen. "I never brought security / To those I wanted to protect / And only now I understand / There is no war to end all wars." Heaven Shall Burn prangern die Sinnlosigkeit von Kriegen an, machen auf die psychischen Strapazen aufmerksam, und auch skrupellose, sich an Elend und Tod bereichernde Rüstungsunternehmen kriegen ihr Fett weg. Der abwechslungsreiche Song, der aufgrund seiner vieler Facetten, Tempi-Wechsel und Brutalität nie langweilt, gehört mit zu dem Besten was der "Wanderer" im Gepäck hat.

"Passage Of The Crane" strafft zwar zu Beginn einen Spannungsbogen, den der Fronter aber mit einem dieser Mark und Bein erschütterndes Crawls zerstückelt und wie vom Wahnsinn getrieben ins Mikro faucht. Das hätte auch ein vormittelalterlicher gotischer Barbar nicht furchteinflößender brüllen können. Das Double Bass-Geholze von Neuzugang Christian Bass tut sein Übriges. Es gibt nur ein Gas: Vollgas!

Doch trotz dieser Brachialgewalt kommen die Melodien nicht zu kurz, sondern komplettieren die Songs zu einem stimmigen Ganzen. Hier und da tauchen kurze Gitarren-Soli auf, das Spiel mit dem Tempo baut Spannung auf und entlädt diese dann gewitterartig wieder. Der Fronter klingt sogar noch eine Spur fieser und druckvoller. "Wanderer" tritt zu keiner Zeit auf der Stelle, im Gegenteil: Die Saalfelder legen großen Wert auf Abwechslung, melodiöse Parts und Songwriting.

Um AfD und Konsorten keinen ganzen Song zu widmen, schreibt Weichert Tracks über von vielen vergessene, von anderen verschwiegene geschichtliche Themen wie den Völkermord an den Herero und Nama ("Extermination Order") unter dem wilhelminischen Kaiserreich. "They Shall Not Pass" behandelt den Marsch britischer Faschisten in London im Jahr 1936, dem sich Juden, Kommunisten, Sozialisten und andere betroffene Minderheiten entgegen setzten, so dass die Demonstration der Schwarzhemden schließlich abgebrochen werden musste. Mit dem Erinnern an diese Ereignisse versucht HSB ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie man aus Vergangenem lernen kann und sollte, anstatt plakativ mit der Tür ins Haus zu fallen.

Gott und Religion kamen bei Heaven Shall Burn, der Name ist Programm, noch nie gut weg. Und um dem nach Cannibal Corpse-klingendem Glaubens-Sargnagel "Prey To God" die nötige Durchschlagskraft zu verpassen, grunzt George "Corpsegrinder" Fisher im Duett mit Bischoff um die Wette. Auf Facebook betiteln ihn die Thüringer mit "the best and most brutal Death Metal voice out there" und liegen damit goldrichtig: Hier bleibt kein Stein auf dem anderen, der Song bietet der Headbanger-Rübe nicht einmal eine Ahnung einer Nackenmuskulaturentspannungsphase.

Insgesamt wirken die Songs sehr durchdacht. Aggression, Melodie und Gaspedal wechseln sich stimmig ab. Es steht ein Konzept hinter der Platte, die Songs gehen eher ineinander über als dass jeder für sich selbst stünde. Es gibt also keine großen Neuerungen, sondern eher kleinere Detailverliebtheiten im Vergleich zum Vorgänger. Wo Heaven Shall Burn drauf steht, ist eben auch Heaven Shall Burn drin. Und das ist gut so!

Trackliste

  1. 1. The Loss Of Fury
  2. 2. Bring The War Home
  3. 3. Passage Of The Crane
  4. 4. They Shall Not Pass
  5. 5. Downshifter
  6. 6. Prey To God
  7. 7. My Heart Is My Compass
  8. 8. Save Me
  9. 9. Corium
  10. 10. Extermination Order
  11. 11. A River Of Crimson
  12. 12. The Cry Of Mankind

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LAUT.DE-PORTRÄT Heaven Shall Burn

Unter dem Banner Consense raufen sich im Herbst 1996 ein paar Freunde aus der Saalfelder Umgebung in Thüringen zusammen und lassen die Gitarren schreddern.

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