laut.de-Kritik

Die perfekte Duettpartnerin für Tom Jones.

Review von

M People turnten in den 90ern mit fröhlichem Stil-Kauderwelsch durch die Pop-Radios. Die vielschichtigen Zwischentöne dieser elektronischen, tanzbaren, aber auch wieder anrührenden Musik waren Einflüssen des Acid-Jazz und House sowie den karibischen Wurzeln von Sängerin und Texterin Heather Small geschuldet. Insbesondere ihre Stimme festigte den Ruf der Band als starkes Entertainment. Die auch im TV omnipräsente Gruppe erreichte in ihrem Bestehen von nur sechseinhalb Jahren einen hohen Bekanntheitsgrad und beeindruckende Verkaufszahlen. Obwohl Heather sich von den M People bald emanzipierte, löste sie sich nie von den Melodien aus der Feder ihres Keyboard-Kollegen Mike Pickering.

Sie haftet gar so sehr an ihne, dass ihr Comeback-Album "Colour My Life", 16 Jahre nach ihrer letzten CD ("Close To A Miracle"), gleich sieben Mal auf Pickerings Kompositionskunst setzt. Wie der das findet, ist nicht überliefert, denn die beiden haben Smalls Vernehmen nach kaum noch Kontakt.

Die Platte kann man nun okay finden, wobei sie eher emotional punktet. Der gesamte Sound der zielt auf Nähe, Wärme, Zuneigung, Liebe, Empowerment. "Was hast du heute bereits getan, um dich stolz zu fühlen?", fragte Smalls erster Solo-Hit 2000, eigentlich ihr einziger: "Proud". Wie zeitlos die Nummer ist, sobald man sie mit Orchester einspielt, demonstriert Heather mit ihrer ersten selbstgeschriebenen Hymne.

Dass ein Stück Motivationspsychologie so sehr Popkultur werden kann, liegt wohl mehr an der Art, wie die Interpretin ihn vorträgt, als am Song selbst, den übrigens (wie auch die M People-Kompositionen) nie jemand gecovert hat. "Proud" ist wie "Search For The Hero" und "Moving On Up" ein Song, der an sie selbst appelliert, sich zu motivieren. Es gibt da auch eine tiefere Bedeutung, eine gesundheitliche: Small leidet seit ihrer Kindheit an Asthma sowie an Tierhaar- und Federallergie - schwierig, wenn man beruflich bedingt in Hotelbetten nächtigt und ein großes Lungenvolumen zum Singen braucht.

Die Künstlerin hat sich deshalb für einen sehr disziplinierten Lebensstil mit Sport und inzwischen veganer Ernährung, ohne Zigaretten und Alkohol entschieden, um sich so leicht es geht fortzubewegen: Jedes Kilogramm weniger auf den Rippen bedeute, trotz Asthma leichter eine Treppe hinaufzusteigen, betont sie.

Insoweit meistert sie den Alltag schon als Heldin und verkörpert einen ihrer Signature-Songs persönlich glaubwürdig: "Search For The Hero". Dank dieser Nummer wurde ich auf Heather aufmerksam. Stellen wir als Meilensteine oft solche Alben vor, die das Leben der Autor*innen verändert haben, veränderte dieser Song meines und ebnete mir den Weg zu einer stattlichen Zahl an Stilrichtungen, die da alle enthalten sind, R'n'B, Acid-Jazz, House, auch Drum'n'Bass im damaligen Smith & Mighty-Remix. In den alten M People-Fassungen startet der Track mit verschieden ausgedehnten, verspielten Keyboard-Intros mit Congas-Percussion und einem sehnsuchtsvoll gequiekten Saxophon-Motiv.

Heather ist ganz bei sich, während sie jedem einzelnen Menschen ins Gewissen redet: "You should keep on aiming high (...) Because you-ou-ou and only you alone / can build a bridge across the stream (...) You've got to search for the hero inside yourself / Search for the secrets you hide / Search for the hero inside yourself / Until you find the key to your life." Ein wahnsinnig schöner, reichhaltiger Text, strahlend, direkt und wichtig. "Du musst die Flamme der Wahrheit in dir weiter lodern lassen, bis du einen vermissten Schatz in dir selbst findest", predigt Small weiter, und du musst in dich selbst hinein horchen.

Kürzlich war ich bei einem Open Air-Konzert auf einem Festival, bei dem der Sänger für den letzten Song, ein Unplugged, um etwas Ruhe bat und mehrere Minuten lang das Publikum anflehte, doch mal nicht zu reden oder hin- und herzulaufen. "Es ist das Schwierigste für uns, sich mal ganz auf unser Inneres zu besinnen", meinte er. Und wie wichtig das ist, besagt Heathers Stück, das immerhin einmal ein ganzes EM-Stadion in seinen Bann zog.

Im Gegensatz zum orchestralen Re-Work anderer alter Stücke hier, kehrt die Sängerin auf "One Night In Heaven" den Eurodance/House-Anteil des hervor, kombiniert die Beats aber mit putzigem Streicher-Pizzicato, im letzten Drittel des Tracks verleiht sie ihrem Klassiker einen sowohl feierlich-weihnachtlichen als auch karibisch-tropikalen Anstrich. Insbesondere "How Can I Love You More?", ein unscheinbares, aber sehr warm, liebevoll, subtiles Stück und der erste Hit für M People, verbreitet eine sakrale Atmosphäre, setzt die Streicher-Sektion ein.

"Excited" ist derweil ein eher weniger bekannter Song aus der Band-Geschichte, zumal er nur nachträglich auf einigen Pressungen des Debüts "Northern Soul" kursierte, darüber hinaus dann meist in einem langen Acid-Trance-Remix. Die Neufassung trimmt ihn auf klassischen Early-80ies-Electrofunk und kehrt die malerische Melodie heraus.

"Sight For Sore Eyes" bearbeitete im Original das Fell der Snare Drums mit Schraubenschlüsseln. Heather tauscht sie heute gegen Drum Programming aus und betont die Worte mehr, etwa wenn der Herzschlag im Anblick der 'Augenweide' ("Sight For Sore Eyes") beim auf-den-ersten-Blick-Verliebtsein hochschießt: "Time stops, everything drops, boom boom boom."

'Neue' Lieder finden sich ebenfalls, wobei diese nicht innovativ daherkommen. Etwa das Cover "You Do Something To Me", das Paul Weller kürzlich selbst mit Symphonieorchester neu vertonte, ein Song von 1995. Man schlug ihr den Song einst vor, inzwischen liebt sie die Nummer. Das von Weller brüchig vorgetragene Lied geht auch die sonst eher stimmgewaltige Small mit Zurückhaltung an. Sie steigert sich zwar mal in ein, zwei Zeilen hinein, wird lauter und fester. Meist pendelt sie aber zwischen einer weich-cremigen, einer fragilen und einer tiefen, zutraulichen Stimmlage. Alleine, wie sie das Lied moduliert, macht das Drumherum vergessen, man muss es mehrmals hören um die Instrumentierung überhaupt wahrzunehmen.

Das schon seit einigen Monaten releaste "Love Me Or Not" punktet in den Strophen und in den Vocals, biedert sich aber in der Hook ein bisschen dem allgemeinen Trend der letzten zehn Jahre zu einpeitschend schrillen Dancepop-Refrains an und lässt Heather ungewohnt hoch, sogar in einer zu hohen Tonlage, wirkungslos um einen neuen Klassiker kämpfen. Schlecht ist das Lied nicht, wird aber bald wieder vergessen sein.

Aus dem Soul-Evergreen "Don't Look Any Further" - bekannt durch Dennis Edwards ("Day-o day-o / mombajee ai-o") - kitzelt die 57-Jährige, trotz Eins-zu-eins-Übernahme des M People-Tracks, eine lebhaftere Darbietung heraus, indem sie von einer arienhaft gespielten Viola umschmeichelt wird. Mit Alfie Boe hat Heather allerdings einen in puncto Souligkeit recht blassen Duettpartner, der aus der Klassik stammt, er bleibt neben Heathers Charakterstimme blass.

Heather Small ist nun jedenfalls zurück. So angenehm, so sympathisch, dass man sich die LP nicht lange warm hören braucht. Ihre Aufnahmen funktionieren weitgehend in einem schnörkelreichen Umfeld genauso, wie sie es in den houseigen Versionen der Neunziger taten. Bleibt zu hoffen, dass die Londonerin künftig etwas findet, woran sie sich reibt bzw. was sie heraus fordert.

Während The KLF gerade ihren alten Katalog ausschlachten, könnte man sich für eine etwaige Rückkehr Heathers Stimme dazu gut vorstellen. Oder falls Tom Jones mal eine Duettpartnerin braucht? Wie sehr sich Elektronik und Klassik-Soulpop in der Überkreuzung gegenseitig befruchten, beweist "Search For The Hero" von 2:41 bis 3:10 Minuten.

Und auch, wenn man Heathers Worte früher schon remixte und zerhackte - eins bleibt immer: Small kehrt beim Singen ihre Seele nach außen. Während man das jetzt besonders auf den Album-Magneten "Proud", "How Can I Love You More?", "You Do Something To Me" und "Sight For Sore Eyes" spürt, bleibt diese Eigenartigkeit, diese Aura: Heathers Vocals könnten als Mehrzweckwaffe noch Karriere machen.

Trackliste

  1. 1. Moving On Up
  2. 2. Love Me Or Not
  3. 3. How Can I Love You More?
  4. 4. Proud
  5. 5. One Night In Heaven
  6. 6. Excited
  7. 7. Don't Look Any Further
  8. 8. Search For The Hero
  9. 9. Sight For Sore Eyes
  10. 10. Colour My Life
  11. 11. You Do Something To Me

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Small,Heather – Colour My Life [Vinyl LP] €22,99 €3,00 €25,99
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Heather Small – Colour My Life - Red Colored Vinyl [Vinyl LP] €24,72 €3,00 €27,72

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Heather Small

17.700 Euro kostet Heather Small Stand 2022, wenn man sie buchen will. 30.000 mit einer Sechs-Mann-Band. Ihre tiefe, feste, soulvolle Stimme ist sowieso …

2 Kommentare mit einer Antwort