laut.de-Kritik

Krachender Indie-Pop ohne Reißbrett – wer hätte das gedacht?

Review von

Popmusik, fuck yeah! Schon mit der letzten Paramore-Platte "After Laughter" bewies Hayley Williams, dass sie das verruchteste aller Genres auch ohne Rockgitarren-Begleitung beherrscht. Was sich auf den adoleszenten Emo-Punk-Ergüssen der Frühphase noch hinter Genrestandard-Riffs verbarg, spuckte sie einem damals schon mit der Vorabsingle "Hard Times" entgegen: Die nackte Lebensfreude, pur und tanzbar.

Drei Jahre (sowie eine Scheidung und eine äußerst depressive Lebensphase) später geht's weiter. Zum Beispiel mit dem bittersüßen "Dead Horse": "Skipping like a record / I sang along / a shitty never ending song." Klar, es bedarf Williams schon eines kleinen Augenzwinkerns, dieses vertonte Scheidungspapier über den instrumental wohl fröhlichsten Song ihres Solodebüts "Petals For Armor" zu trällern.

Tracks wie "Pure Love", "Watch Me While I Bloom" oder eben "Dead Horse" sind zwar ohne Frage mit einer nicht wirklich Weight-Watchers-konformen Zuckerglasur versehen, machen aber eben wirklich Spaß – und im Übrigen auch nur eine von vielen Seiten dieses klotzigen 56-Minuten-Tetraeders aus.

Nicht nur von Kritikern wurde Paramore in der Vergangenheit als ein um Hayley Williams herum gezimmertes Alibi-Bandkonstrukt bezeichnet. Doch völlig einerlei, was man nun von einem Alleingang der Frontdame erwartet hätte: Ein derartig kunterbuntes Indie-, ja bisweilen Experimental-Pop-Werk hatten wohl die wenigsten auf dem Zettel.

Also: Bitte nicht von tanzbaren Single-Auskopplungen abschrecken lassen. Gerade in der umtriebigen Produktion von Paramore-Kollege Taylor York (ach!) steckt so viel mehr. "Simmer" startet mit flüsternden ASMR-Vocals und sofort setzen diese furztrockenen Minimal-Drums ein, die "Petals For Armor" in der kommenden Stunde die nötige Kontinuität bescheren. Das erinnert dabei immer mal wieder an die Instrumentierung der letzten, ziemlich Albarn-beeinflussten Massive Attack-Platte "Heligoland". Mal auf 33, mal versehentlich auf 45 RPM gespinnt. Ist klar.

Die ganzen Trip Hop-Reminiszenzen (inkl. Topley-Bird-Intonation) gipfeln im Wohl stärksten Albumtrack "Roses/Lotus/Violet/Iris". "I think of all the wilted women / Who crane their necks to reach a window / Ripping all their petals off" – ein feministisch-introvertiertes Manifest, das man als wahrer Indie-Pop-Connaisseur alleine wegen der versteckten Björk-Huldigung und den Boygenius(!)-Backing-Vocals lieben muss.

Dabei ist es eigentlich die meist so klare Abgrenzung vom State-Of-The-Art-Indie-Pop der jüngst angebrochenen Dekade, die "Petals For Armor" den gewissen Frischegrad schenkt. Luftig, ja, doch immer bodenständig. Nur äußerst selten greift Williams zum generischen Gesäusel, an dessen Überfütterung die Szene manchmal zu ersticken droht.

Völlig anders als bei etwas complicateteren Pop-Punk-Sängerinnen der 2000er tut Williams verdammt gut daran, das straffe Korsett zu lockern und sich ungewohnten, komfortlosen Situationen auszusetzen: Hoppla, ich muss ja gegen gar keine Instrumente mehr ansingen. Und so machts doch hörbar mehr Gaudi mit Clean-Gitarren, E-Drums ("Sugar On The Rim") und seichten Rhodes-Spritzern ("Leave It Alone"). Da darf es zwischen drin auch einmal ein bisschen prätentiös wirr klingen.

Apropos prätentiös wirr: Natürlich wird "Petals For Armor" in den Jahresbestenlisten deutlich hinter Alben wie "Fetch The Bolt Cutters" und "Future Nostalgia" landen. Vergangenheits-Stigmata sei Dank? Egal: Gebündelt bringt diesen krachenden Indie-Touch, die entrückten Percussions und die fluffigen Daft Punk-Funk-Vibes 2020 nur eine aufs Tablett. Ladies and Gentleman: Hayley Williams.

(Und Taylor York!)

Trackliste

  1. 1. Simmer
  2. 2. Leave It Alone
  3. 3. Cinnamon
  4. 4. Creepin'
  5. 5. Sudden Desire
  6. 6. Dead Horse
  7. 7. My Friend
  8. 8. Over Yet
  9. 9. Roses/Lotus/Violet/Iris
  10. 10. Why We Ever
  11. 11. Pure Love
  12. 12. Taken
  13. 13. Sugar On The Rim
  14. 14. Watch Me While I Bloom
  15. 15. Crystal Clear

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