laut.de-Kritik

Der Kurzabriss eines vielseitigen Repertoires.

Review von

Haiyti schiebt ihrem Album "Perroquet" eine EP nach, die schon gestalterisch nahtlos an die Pappaufsteller-Optik der LP anknüpft. Auf "Sansibar" scheint Ronja Zschoche nun auf dem Grund des ehedem prall gefüllten Pools, zumindest aber dem Fließenboden, der ihn umgibt, angekommen. Unachtsam liegen Badeutensilien um das ramponierte Abziehbild der gebürtigen Hamburgerin verstreut, abgehalftert klingt die EP aber keineswegs.

Der Opener "Kein Empfang" kommt mit seinen spartanischen Netzwüste-meets-digitalen-Sexualtrieb-Lyrics und einer bewusst unausgegorenen Struktur zwar wie eine hochwertige Skizze daher, ansonsten hat man es aber dennoch mit vollwertigen Tracks zu tun, die sich nahtlos ins restliche Werk Haiytis einreihen.

Als Beispiel hält der Titeltrack her. Haityi bewegt sich bekanntermaßen zwischen aggressivem Trademark-Geschrei und fragilen, balladesken Momenten - beides selbstverständlich garniert mit einer gehörigen Portion Autotune. "Sansibar" gehört eindeutig zur zweiten Kategorie, lässt den ostafrikanischen Inselstaat zum Sehnsuchtsort Atlantis werden.

Das passiert stilecht nicht ohne die Zurschaustellung der eigenen Verletzlichkeit: "Zu viel Ice um meinen Hals, mir ist so kalt, der Perlentaucher in mei'm Glas, er tut mir leid. Versuche was zu sagen, bin zu breit. Vielleicht sehen wir uns nochmal in diesem Life." Begleitet von molligen Chords öffnet Haiyti den Graben zwischen unverhohlenem Materialismus und unerfüllten emotionalen Bedürfnissen.

"Blind Vor Geld" geriert sich im Anschluss schon eher als Trap-Nummer im klassischen Stil, geizt in manchen Momenten aber trotzdem nicht mit offen zur Schau gestellter Nachdenklichkeit. Haiyti liegt es von Werk zu Werk mehr, das Narrativ des Conscious-Rapstars mit Hang zur fortwährenden, doch niemals vollendeten Problematisieren zu bedienen: "Ketten viel zu schwer, doch die Chains, sie stören nicht."

Auch "Mann Aus Eis" schlägt thematisch in eine ähnliche Kerbe und intensiviert den Trap-Sound. Erneut webt Zschoche typische Kausalketten, die sich von privaten Dilemmata über Drogenmissbrauch hin zum Epizentrum der Ticker- und Hip Hop-Kultur fortspinnen: dem Handy. "Zu viel von den Packages, mein Phone ist im Nightmode. Ich bin zu beschäftigt." All das gelingt aber ohne weinerliche Attitüde, sondern mit Wortwitz und überbordender Nonchalance.

"Trippy" rundet die EP schließlich in gelungener Manier und mit angezogenem Tempo ab, stellt sich mit seinem tiefgreifenden Beat als poppige Nummer für verliebte Armchair-Hustensaftler heraus. Insgesamt legt Haiyti mit "Sansibar" eine EP vor, die ihre Vormachtstellung zementiert und wunderbar an "Perroquet" anknüpft. Ihre Stärke: eine enorme Vielseitigkeit und die Vermengung von Hip Hop und zeitgeistigem Pop.

Trackliste

  1. 1. Kein Empfang
  2. 2. Sansibar
  3. 3. Blind Vor Geld
  4. 4. Mann Aus Eis
  5. 5. Trippy

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5 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Der Kurzabriss absoluter Wackness. Geh beiseite! 0/5

    • Vor 3 Monaten

      Hab das hier noch nicht gehört, aber Haiyti ist doch echt eine der ganz wenigen Guten hierzulande. Man muss halt auch hier auf die Stimme klarkommen. :D "Perroquet" war richtig gut und eines ihrer besten Projekte.

    • Vor 3 Monaten

      Bitte, was für eine Stimme?

    • Vor 3 Monaten

      Habe mir gerade mal zwei, drei Videos von Devin Townsend angeschaut, weil ich keine Ahnung hatte, wer das ist. Wir sprechen hier von Haiyti, guter Mann. Das ist die Dame, von der ich mir im Gegensatz zu Devin Townsend auch in Zukunft gelegentlich freiwillig Musik anhören werde.

    • Vor 3 Monaten

      Kann den ja auch nicht unbedingt ab. Er benutzt das, wenn, dann nur mit diversen Chorus- und Modulationseffekten, daß es einem nicht den letzten Nerv raubt.

      Was Hayiti und andere Kinderentertainer machen ist so beschissen retro, daß ich an Alleinunterhalter auf Betriebsfeiern mit ihren grausigen Endachtziger-/Neunziger-Keyboardsounds von Casio denken muß.

    • Vor 3 Monaten

      Sorry Icy, aber ich finde sie einfach endlos wack. Das ist mir Alles iwie zu gewollt und halt auch einfach zu schlecht. Ist jetzt nicht wie bei dem glatzköpfigen Ossi, bei dem es wirklich nur die Stimme ist, die mich vom feiern abhält. ;)

    • Vor 3 Monaten

      Stimme Bruder Craze zu, absolute Anti-Frau in allen Bereichen.

    • Vor 3 Monaten

      Ragism: Bin auch kein großer Freund von diesem Retro-Trend und bei vielen aktuellen Deutschrap-Songs, z. B. denen von RAF Camora oder KC Rebell, ist der Weg zu "Coco Jambo" oder "Bailando" echt nicht mehr weit. Mallorca-Auftritte von Deutschrappern sind ja keine Seltenheit mehr. Haiyti experimentiert an sich aber viel und da macht das nur einen Teil des Schaffens aus. (Übrigens den Teil, auf den ich ganz gerne verzichten kann. ;))

      Moori: Ich feiere auch bei weitem nicht alles von ihr und nach ein paar Songs reicht es mir meistens erstmal, aber auf eigentlich jedem ihrer Projekte finde ich vereinzelte Perlen und manchmal auch mehr. Die EP mit KitschKrieg war z. B. echt nice. Finde schon, dass da einiges an Talent hintersteckt, und sie gehört zu einer Handvoll Leuten, die ich hier noch gerne verfolge, da sie eigenständig ist. Aber Deutschrap und du, das ist ja generell eh ein wenig wie Kolle und Style. :D

    • Vor 3 Monaten

      Naja, ich kann das schon wohlwollend betrachten, dass sie ihr Ding macht und nicht nur stumpf auf irgendeinem LELELELE-Trend reitet um Patte zu machen, aber gibt mir persönlich halt GARNIX und ich muss es halt so ausdrücken um meinem Ruf gerecht zu werden und die Muppets zu befriedigen. :ill:

    • Vor 3 Monaten

      Jaja, ein Muppet muss tun, was es tun muss. :D

  • Vor 3 Monaten

    Wenn einer Autotune machen darf, dann Devin Townsend. Sonst klingt das nach übelster Endneunziger-Retrokacke, die damals schon bald kaum einer leiden konnte.

  • Vor 3 Monaten

    Sansibar ist eine Insel, aber kein Inselstaat. Sollte der Rezensent wissen. ;-)

    Die EP geht so, ich gebe sehr freundlich 3 von 5, wobei der Titeltrack eher gar nicht geht.

  • Vor 3 Monaten

    4/5 ist mit schlechtem musikgeschmack allein aber auch nicht mehr zu erklären.
    da muss halt iwas anderes noch gewaltig im argen liegen.

  • Vor 3 Monaten

    Ungehört 5/5 weil haiyti. Gehört 5/5 weil blind vor Geld und Mann aus Eis.