14. April 2010

"Horror ist wie Rock'n'Roll!"

Interview geführt von

HIM-Frontmann Ville Valo spricht u.a. über seine Vorlieben für alte Gruselfilme und den Einfluss der achtziger Jahre.Vor dem Gesprächstermin mit Ville Valo ist noch Zeit, und spaziere daher ein wenig über die Hamburger Reeperbahn. Auch am Docks komme ich vorbei, über drei Stunden vor dem Einlass zum abendlichen HIM-Konzert. Bereits zu dieser Zeit windet sich eine Besucherschlange, die die Tausendergrenze längst überschrittenen hat, über die angrenzenden Wartemöglichkeiten der Vorplätze. Dass der Event längst ausverkauft ist, war mir bekannt - doch es ist faszinierend zu beobachten, wie die Finnen immer wieder ihre Fans mobilisieren.

Im verabredeten Hotel führt nimmt mich ein Betreuer in Empfang, und wir entern einen weiträumigen, ruhigen Lounge-Bereich, wo in gedämpftem Licht Ville Valo bereits wartet. Schlank ist er geworden, wirkt beinahe asketisch. Den Kopf ziert eine anthrazitfarbene Strickmütze. Trotz des herannahenden Konzerts gibt sich der Sänger aufgeräumt und unaufgeregt - von einem unnahbarem Dunkelmann keine Spur.

Ich bin vorhin noch ein wenig herumspaziert auf der Reeperbahn - da warten schon Heerscharen von Fans auf euch!

Tatsächlich? Jetzt schon? Tolle Sache! Lacht Ja, Hamburg ist immer ein gutes Pflaster. Wir haben bereits öfter z. B. in der Großen Freiheit gespielt, hier läuft das einfach immer gut für uns.

Wie kamst du auf das Begriff "Screamworks" für das neue Album? Mich erinnert das ein wenig an eine Verballhornung von "Dreamworks" ...

Ja, es ist ein Wortspiel, das sich in erster Linie auf Spielbergs Firma Dreamworks bezieht. Aber ebenso auf Edvard Munchs berühmtes Gemälde "Der Schrei", das ich da ebenfalls vor Augen hatte. Ich mag es, wie Worte wirken, wenn man sie - aus bekannten Bereichen heraus - in einen neuen, anderen Kontext mit einbezieht, sie gewissermaßen variiert und ihnen so einen neuen Sinn verleiht.

Du hast einmal angemerkt, dass für dich Geschichten und Bilder wichtig sind, was das Schreiben und spätere Erleben deiner Songs angeht. Wie ist das zu verstehen?

Es gibt für mich in der Musik nicht nur das reine Hören, es ist ebenso wichtig, dass dabei auch Bilder entstehen. Man muss gleichermaßen Ohren wie Augen öffnen. Mir ist es wichtig, da nicht nur eindimensional zu verfahren, sondern in den gesamten Prozess viele verschiedene Dinge einzubringen, sie miteinander zu kombinieren. Songs schreiben, einzuspielen und auch beim Hörer etwas auszulösen, sind für sich genommen ja ganz unterschiedliche Dinge. Und ich versuche, aus all diesen verschiedenen Zutaten etwas in sich Stimmiges, Rundes zu bilden. Keine Einbahnstraßen, sondern mehr Wege, die sich kreuzen und schon mal zu etwas völlig anderem hinführen. Ich liebe es, wenn Musik etwas Bildhaftes sein kann. Oder auch Farben, meinetwegen - beim Songschreiben habe ich manchmal auch Farben in meinem Kopf. schmunzelt

Und die sind nicht ausschließlich dunkel?

Oh nein. Pink ist da auch sehr stark vertreten! Ich las einmal eine verrückte Geschichte von einem Burschen, der einen Kuchen in seinem Kopf hatte. Und der sah Farben, aber gleichzeitig auch Zahlen, alles, was ihm im Leben begegnete, wurde in abstrakte Eindrücke umgewandelt. Musik ist ebenfalls einfach Leben, in diesem Falle mein Leben, ganz klar. Ich setze die Eindrücke, die mich angehen und in mir entstehen, auch immer ganz unterschiedlich um, gerade, was die Bilder im Kopf zum jeweiligen Song angeht. Es hat irgendwie was von einem Kompass, dessen Nadel sich bewegt. Jeder Sound, jedes Gitarren-Riff kann mich mich an etwas erinnern oder auf etwas hinweisen, etwa an ein altes Photo, da sind so viele Sachen. Du kannst immer etwas finden, an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit, was dich besonders berührt und mit dir in Verbindung steht. In gewisser Weise sehe ich mich da als Sammler.

"Was Musik angeht, mag ich Aggression"


Der Alben-Vorgänger "Venus Doom" ist im Vergleich zu "Screamworks" härter ausgefallen. "Screamworks: Love In Theory And Praxis" knüpft da mehr an "Dark Light" an. Warum die Rückkehr zu vergleichweise eingängigeren Klängen?

Im Vergleich dazu bedienen wir tatsächlich ein anderes Segment vom HIM. "Venus Doom" war sicher aggressiver. Ich mag Aggression - was Musik angeht, weil man damit ganz besondere Stimmungsbilder erzeugen kann, und in dem Falle ist der Begriff für mich nicht negativ besetzt. Unsere Musik wirkt in erster Linie durch die Gitarren und die Drums. "Dark Light" war ein sehr erfolgreiches Album für uns, das mir persönlich auch sehr gefällt, gerade was die Atmosphäre angeht. Das wollte ich gern fortsetzen, aber nicht als eine Wiederholung von früheren Arbeiten. Schau, du arbeitest z. B. rund zwei Jahre an einem kompletten Album. In der Zwischenzeit gehst du auf Tournee, spielst viele ganz alte Sachen, und wirst dadurch auch immer ganz neu damit konfrontiert. Und dir kommen so wieder neue Ideen - das Vergangene inspiriert dich und du denkst: Mensch, da ist ein ganz neuer Faden, der sollte aufgenommen und weitergeführt werden! Und dann notiere ich in mir das in einer Art imaginärem Notizbuch. Ich mag es, wenn Leute einen ihnen unbekannten Titel hören, und dann erkennen: "Das sind HIM!" Wiedererkennungswert ist für mich nichts Negatives - nimm doch einfach ein Album von U2, da läuft das ähnlich. Auch wenn man die Titel vielleicht nicht kennt, hört man doch heraus, hey, das sind U2.

Ich las einmal, dass du ein großer Fan von Horror-Filmen bist. Ist da was dran, und in welchen Bereichen? Ich persönlich mag sehr die klassischen Schinken wie etwa die alten Hammer-Movies mit Christopher Lee und Peter Cushing.

Horror ist wie Rock'n'Roll! Da sind sind auch so viele Stillrichtungen, da gibt es harte Gitarren-Riffs ebenso wie romantische Momente. In dem Bereich sind gerade die Sachen mit Peter Cushing höchst interessant, auch diese vielen Streifen von Roger Corman, der es verstand, mit kleinem Budget Mittel stimmungsvolle Filme zu gestalten. Gerade in Zusammenarbeit mit Vincent Price, den ich sehr schätze. Die beiden - das passte einfach zusammen! Z. B. ein Film wie "Masque Of The Red Death" (dt.: "Satanas - Schloß Der Blutigen Bestie"). Klassisches Erzählkino - und so unterschiedlich zu anderen Filmen des Genres. Spannend ist auch, wie im Laufe der Jahrzehnte die Stoffe aus unterschiedlicher Sichtweise erzählt werden. So wie mit "Nosferatu", der durch Werner Herzog und Klaus Kinski ja eine interessante, und, wie ich finde, sehr gelungene Neuauflage erfuhr. Das war alles so surreal, so spooky. Auch der Gegensatz zwischen dem damaligen Schwarz/Weiß und dem heutigen Farbfilm gibt der eigentlich identischen Geschichte einen besonderen, eigenen Touch. Und ich liebte damals Isabelle Adjani ... so eine wundervolle Frau!

Kennst Du vielleicht die "Dracula"-Version von Ende der Siebziger mit Frank Langella?

Huh, nein, das sagt mir jetzt gar nichts. Aber wenn es ein Tipp ist, dann her damit, auch in dem Bereich bin ich gern Sammler! Gerade all diese unterschiedlichen Dracula-Versionen - es gibt da einen Film, "Zoltan - Hound Of Dracula" (dt.: "Zoltan - Draculas Bluthund", der höchst unterhaltsam ist. Ebenso wie "Blacula", das war die erste Version mit einem farbigen König der Vampire. Und dann gab es noch "Spermula" ...

"Spermula"? Was ist das denn? Klingt so pornomäßig.

Als ich den entdeckte, arbeitete ich gerade in einem Sex-Shop. Die hatten natürlich eine Menge Core-Zeug unterschiedlichster Thematiken. Der Streifen ist zwar nicht sonderlich gut, auch kein eigentlicher Horror, aber war so was von schräg und überdreht. Meine Güte, was man sich im Lauf der Zeit so alles anschaut ...

Unsinn muss sein! Hier bei uns gibt es dieser Tage eine DVD-Veröffentlichung mit dem vielversprechenden Titel "Lesbian Vampire Killers", den ich mir schon auf den Notizzettel gesetzt habe ...

... klingt gut! Kann nur ein guter Film sein! Lacht

"Ich bin ein Kind der Achtziger"


HIM behaupten sich nun schon über zehn Jahre in einem harten Business. Was ist das Geheimnis eures Erfolges?

Das weiß ich wirklich nicht. Ich glaube, das hat was mit der Magie des Rock'n'Roll überhaupt zu tun. Da sind so viele Bands, die im Lauf der Jahrzehnte gestartet sind, und die immer noch da sind, irgendetwas Besonderes steckt immer dahinter. Aber was es nun ist, eine Formel, oder ein Rezept - keine Ahnung. Und die Zahl derer, die nach einer gewissen Zeit noch immer da ist, ist fraglos geringer als die, auf einmal für kurze Zeit ganz groß auftauchen - und ebenso rasch wieder verschwinden. Auf jeden Fall gehört eine ganz loyale Fan-Basis dazu. Ich glaube, dass das Ganze etwas mit einer Art von Mystery zu tun. Es ist schwer, so etwas eigentlich Mysteriöses wie Erfolg ganz genau aufschlüsseln und definieren zu können. Auch für sich selbst. Und: wonach und wie will man so etwas überhaupt messen? Warum sind z. B. Coldplay über einen so langen Zeitraum erfolgreich? Das Geheimnis ist das Geheimnis selbst, und ich glaube, man sollte es auch ein Geheimnis sein lassen. Es gibt nichts Schlimmeres als Entzauberung.

Wie läuft das mit den Fans in verschiedenen Ländern bei euren Konzerten? Gibt es da spezielle Unterschiede?

Ja. Die gibt es, was daran liegt, dass unterschiedliche Länder unterschiedliche Kulturen haben. In Deutschland ist es so, dass die Leute bei den Konzerten Bier trinken, mitsingen und einfach nur ausgelassen feiern. In Amerika findet mehr Stage-Diving statt. In Südeuropa ist der Mitsingfaktor besonders hoch, und speziell in Mexico City ist das Ganze einfach von vorne bis hinten nur laut, die ganze Zeit über. Das macht schon Spaß, zu beobachten, wie die Musik auf die unterschiedlichsten Leute wirkt. Entscheidend ist, das man die Besucher erreicht, aber es ist schon eigenartig, wie unterschiedlich sich das dann äußert. Aber Party ist eben etwas, was die Fans erwarten, wenn sie ihr Ticket gekauft haben. Und das ist ihr gutes Recht.

Auf dem neuen Album sind - im Gegensatz zu früheren Werken - eine Menge Eighties-Einflüsse zu hören. Hat das einen speziellen Hintergrund?

Das liegt daran, dass ich ein Kind der Achtziger bin. Aufgewachsen mit David Hasselhoff und seinem "Knight Rider", "Miami Vice" habe ich sehr gern gesehen, "Beverly Hills Cop" und all diesen wunderbaren Unsinn. Dann die dazugehörige Film-Musik, etwa von Jan Hammer. Und viele Sachen, die Jean-Michel Jarre gemacht hat. Sehr beeindruckt haben mich Ultravox, Nik Kershaw, Depeche Mode und natürlich A-ha. Du konntest dem nicht entfliehen, ob nun in einem Club, beim Radiohören oder sonstwo. Ich halte die Achtziger nicht für ein vertanes Jahrzehnt im Bereich Musik, wie heute viele Leute meinen. Von vielen der genannten Künstler habe ich schließlich auch selbst Platten gekauft. Kiss habe ich sehr bewundert, das waren richtige Vorbilder für eine ganze Weile, eben wegen der ganzen Atmosphäre, die diese Band umgab und immer noch umgibt. Weil diese ganzen Einflüsse in mir immer noch drinstecken, lag es nahe, einiges als Remininiszenz zu bringen, aber schon in einem zeitgemäßen Style. Und: ich habe in den Achtzigern auch begonnen, meine ersten eigenen Sachen zu schreiben. Diese Erinnerungen stecken einfach immer in einem drin, und warum soll man sie nicht in seine eigene Musik mit einfließen lassen?

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