laut.de-Kritik

Hochstapler-Rap mit Ambiente und Sitzheizung.

Review von

Es gibt zwei erste Eindrücke, die Guapdad 4000 macht. Einmal ist es dieser alberne "hat Rap das jetzt auch noch gebraucht?"-Eindruck, der bleibt, wenn man erstmals seinen Namen, seine Geschichte und seine Tracktitel hört. Ein Gefühl, wie es das 6ix9ine-Meme hinterlassen hat, das ihn den "Endboss der Soundcloud-Rapper" genannt hat. Der zweite Eindruck, wenn all das dann gegen den ersten Verse kracht, den man von ihm hört. Man wird sich fragen: Warum verkauft sich dieser endlos charismatische Finesser mit butterweicher Stimme unter dem Namen eines dreizehnjährigen Counterstrike-Spielers und albernen Geschichten über Scam-Rap?

"Dior Deposits" ist die Selbsterkundung eines Newcomers, der schon tief genug im Game steckt, um zu wissen, dass er eigentlich alles tun könnte, sich aber noch nicht ganz festlegt. Es tapst durch verschiedenste Strömungen des zeitgenössischen Hip Hops, führt sie alle mit Bravour aus und zeigt immenses Potential, so dass man ihm den etwas inkohärenten Stil mit Kusshand verzeiht.

Er kann zum Beispiel den luxuriösen Pop-Rap so leichtfüßig und selbstbewusst, dass man ihn jederzeit neben einen Drake oder ein Rick Ross stellen kann. "Stuck With It" mit Tory Lanes rollt auf 808s mit Maybach-Hydraulik und einem Flow wie einem Samtkissen, dass man am liebsten direkt seinen Job an den Nagel hängen und Instagram-Influencer von den Bahamas würde. Auch "First Things First" funktioniert in dieser Sparte so gut, dass sogar G-Eazy ansprechend genug klingt, nicht mit seiner Persönlichkeit zu nerven.

Gleichzeitig gibt es auf "Dior Deposits" Unmengen an Westcoast-Worship. Zum Beispiel wenn er auf "Rolex Rockstar" mit Buddy die Bay Area-Party aufdreht oder auf "Doing Too Much" das smoothe Gegenstück zum Bounce von SOB x RBE, Blueface oder 1TakeJay präsentiert. Noch namhafter wird es, wenn mit E40 eine Westside-Legende neben ihm ans Mikrophon tritt.

Neben diesen zwei Konstanten finden sich ein paar Experimente mit wechselhaftem Ausgang. "Izayah" mit KEY!, Maxo Kream und Denzel Curry ist ein brutaler Underground-Florida-Banger mit Kenny Beats-Produktion, aber etwas herrenlos auf dieser Platte. Würde man Guapdads Part hier streichen, würde niemals jemand auf die Idee kommen, dass er irgendetwas mit diesem Song zu schaffen hätte. Einen wirklich schlechten Song gibt es lediglich mit "Gucci Pajamas": Einem nervigem Konzept mit irritierendem und inkohärentem Narrativ über eine Frau, die ihm und seinen Gästen teure Schlafanzüge klaut. Besonders ein völlig unmotivierter Chance The Rapper liefert einen Part ab, der so unauthentisch und erzwungen klingt, dass man sich ein bisschen verhohnepipelt vorkommt. Pop-Rap, wie er selbst für ein DJ Khaled-Album zu pointless wäre.

Es ist ein bisschen irritierend, dass Guapdad 4000 so sehr versucht, seine Vielseitigkeit zu beweisen, sind die besten Momente der Platte doch so eindeutig er selbst. "Scammin" mit Mozzy spielt zwar in das Betrüger-Image, das schon bei Teejayx6 eher Klamauk als Substanz war, überzeugt aber mit bedrohlichen Piano und erdrückendem Bass, während "Can't Stop Finessing" ein absolut überragend klingendes Stück Hip Hop ist, opulent ausproduziert, wundervoll performt und die Melancholie über die eigene Ambition und das eigene Potential ist ein spannendes Thema, um es auf diese Weise zu erkunden. Man sieht hier einfach unweigerlich, dass hinter dem Album ein talentierter Songwriter steckt, der mit Atmosphäre, mit Dramaturgie und auch mit Beatwechseln und Instrumentation vielversprechend umgeht.

"Dior Deposits" ist demnach ein Album, das über den Namen seines Interpreten hinaus überraschen wird. Es zeigt einen wahnsinnig musikalischen und vielseitigen Newcomer. Seine Vielseitigkeit ist aber vielleicht auch die eine Schwäche dieser Platte, denn ein paar Umwege finden sich doch zu viel, um die kohärente Ästhetik, die Guapdad verspricht, wirklich scheinen zu lassen. Nichtsdestotrotz: Es hat einen Grund warum dieser Kerl auf J. Coles "Dreamville"-Compilation so viele Parts auf das Endprodukt gebracht hat. Einen Grund, den dieses Album ziemlich ausführlich erklärt.

Trackliste

  1. 1. Doing Too Much (feat. Slimmy B)
  2. 2. Stuck With It (feat. Tory Lanez)
  3. 3. First Things First (feat. G-Eazy & Reo Cragun)
  4. 4. Gucci Pajamas (feat. Chance The Rapper & Charlie Wilson)
  5. 5. Going Through It (feat. E-40 & Nef The Pharoah)
  6. 6. Scammin (feat. Mozzy)
  7. 7. Izayah (feat. Key!, Maxo Kream, Denzel Curry & Kenny Beatz)
  8. 8. Jigga Juice`s Prayer
  9. 9. Iced Out Gold Chain
  10. 10. Can't Stop Finessing
  11. 11. Rolex Rockstar (feat. Buddy)
  12. 12. Prada Process (feat. 6lack)
  13. 13. Stunt On Ghosts (feat. Mansa & Terrence Martin)

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