laut.de-Kritik

Pop ohne Pomp, Electro ohne Dance, Storytelling ohne Hippietum.

Review von

Gracie Abrams kommt direkt zur Sache, "I hate the way you love me". Manchmal will sie nicht geliebt werden, denn das tut ja nicht immer gut. "Friend" heißt der kleine Pop-Song. Klein ist auch das Format, eine Digital-EP mit schlanken 20 Minuten. Klein sind auch die Terzen ihrer Tonleitern, also Moll, "Minor", und zierlich wirkt auch die Stimme des jungen Talents.

Wenn sie das Jungsein in "21" betont (es geht um einen vergessenen Geburtstag), reißt sie aber nicht so wirklich mit. Auf der anderen Seite entfaltet Abrams diese gewisse introspektive Stimmung, die Cat Stevens einst auszeichnete: Das bewusste Formulieren jedes Worts in versöhnlicher Sanftheit, das Malen der Silben mit dem Mund, als entstünde ein Gemälde. Doch noch fehlen ihr die relevanten Themen.

Einige der Stücke, wie "Tehe" künden von einer interessanten, brüchigen und modulationsstarken Stimme mit ungewöhnlicher Atemtechnik. Gracie presst in ihrem angedeuteten Vibrato möglichst viel Luft aus sich heraus und wirkt dann besonders intensiv, wenn sie fast tonlos singt. Es entsteht eine spannende Balance aus scheinbarem Schluchzen und der Gewissheit, alles unter Kontrolle zu haben.

Dass Gracie Vorbilder wie Joni Mitchell und Carole King nennt, macht durchaus was her. Eine 21-Jährige müsste heute gefühlt wohl eher Lauryn Hill und Beyoncé nennen. Die Fallhöhe zu Carole und Joni mutet auch steil und schwindelerregend an, wenn man den reduzierten Electro-Pop sphärischer Prägung auf "Minor" an solchen Heroinnen misst. Trotzdem, da könnte etwas Vielversprechendes entstehen.

Sehr intensive Stücke wie "Long Sleeves" zeigen, dass die behutsame Abrams fähig ist, anrührende Stimmungen zu erzeugen. Die unerschütterliche, schlafwandlerische Wiederholung weniger Silben am Ende jenes Songs ist einer der Kunstgriffe auf dem Erstling.

Für eine perfekte Platte bräuchte es aber etwas mehr Varianz anstelle des beschriebenen One Trick-Ponys: intim, etwas piepsig, slow-mo. Eine kratzig-soulige Loserin gibt es ja bereits: Alessia Cara. Dass Gracie alles auf Miniballade auslegt, kann dennoch zum Alleinstellungsmerkmal reifen. Gerade, weil sie nichts von einer Lana Del Rey in der Stimme hat und man sie sich vergleichsweise schwer zu Klaviertönen vorstellen kann.

Und so sollte sie ihre Arbeitsprinzipien beibehalten: Snippet-Soundproben auf Instagram posten, kurze Songs auf Synthie-Beats rauslassen und das, was sie gut kann, machen - sich öffnen und das Mikrofon zum präzisen Spiegel ihrer Seele machen. Pop ohne Pomp, Electro ohne Dance, Synthies ohne tanzbar, Storytelling ohne Hippietum.

Trackliste

  1. 1. Friend
  2. 2. 21
  3. 3. Under Over
  4. 4. Tehe
  5. 5. I Miss You, I'm Sorry
  6. 6. Long Sleeves
  7. 7. Minor

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