laut.de-Kritik

Er reiht Wahnsinn an Wortwitz, nicht nur am Mittwoch.

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Auch Musik, die thematisch ernst oder auf den ersten Blick nicht unbedingt lebensbejahend erscheint, kann unterhalten. So auch Gozpels Debüt-Album: Das präsentiert die ganze Bandbreite von Lustigem bis hin zu Melancholie. Das zeigt schon der Titel "Sympathoz". Darin steckt neben der Sympathie, wie man sie von dem Rap-am-Mittwoch-Star kennt, auch für ihn eher untypisches Pathos.

Schon im "Intro" erweckt Gozpel den Eindruck, es falle ihm leicht, Musik zu machen: "Ich würd' mir Mühe geben, doch ist nur das Intro." Auf einem Piano-Sample beginnt alles mit einer raustimmigen Ansage. "GOZ, ich beschreib' mich mal selbst: Ich bin der Geilste der Welt."

"Ich werf' mit Schein', sammel' sie wieder ein, eigentlich werf' ich nur Schatten, doch das interessiert ja kein'." Solche Zeilen zeigen dann, dass da eine große Portion Selbstironie im Spiel ist - wie auch in "Geld". Der Beat der zweiten Videoauskopplung des Albums, lädt zum starken Kopfnicken ein.

"... aber füll' ich die Taschen mit Scheinen, brechen leider beide meiner Leisten" in Kombination mit einem Trap-Beat, das macht die Persiflage sehr deutlich. Die Story: Ich hab' Geld, aber eigentlich pose ich nur, um dich rumzukriegen. "Woher mein Geld kommt? Import/Export."

"Mein Kiez" erweckt ebenfalls den Eindruck einer Persiflage, dann aber wieder doch nicht: Hier besingt Gozpel seinen Heimatbezirk Berlin-Steglitz und stellt seine Hood vor: "Hier ist der IQ bei 200 und das Durchschnittsalter auch." Abgesehen davon, dass der Bezirk Steglitz-Zehlendorf als das Reichenviertel Berlins gilt, erscheint dieser Track als nichts Besonderes: Ein Rapper musiziert über seine Herkunft. So weit, so gut.

Der Witz an "Mein Kiez" steckt aber anderswo. Gozpel ist mittlerweile ins hippe Kreuzberg umgezogen und räumt nun auch der neuen Heimat ihren Platz ein: "Nun ist mein Kiez 61, die Frisen sind schief und die Liebe gleichgeschlechtlich." Der Track bekommt so dann doch mehr Tiefe, als man anfänglich vermutet.

"Sympathoz" erscheint durchaus live-tauglich. "Lalala" geht da direkt mit der Hook voran. Das "Lalalalalalalaaaa" stimmt Gozpel von Mal zu Mal gelallter an. Die Erzählung beginnt "Samstagabend, kein Erbarmen, ich werde heute nicht weggehen", führt auf eine Hausparty, "ungeniert wird der erste Shot runtergespült, denn fürs Nichttrinken wird nur Schwangerschaft als Grund akzeptiert", und findet, "will was schreien, aber mir fällt partout einfach mal kein Wort ein, und kotz' dann empört voll steif auf den Bordstein" ihr Ende.

Die Frage, die sich stellt: "Warum muss das immer ausarten? Aber vielleicht kann ich morgen doch noch ausschlafen." Gute Idee, bestimmt massentauglich.

"Pazifist? Ich fiste dich dich aus Respekt!" und "Wär' ich ein Hindu, verehrt' ich den Kuh'Damm": zwei von vielen Beispielen aus "Café". Die Anekdote dazu: Morgens, aufgedreht auf Kaffee, einfach mal einen Text schreiben. Auf einem Brett von Beat reiht Gozpel hier Wahnsinn an Wortwitz und zündet den Höhepunkt: "Motherfucker, deine Mutter singt die Hook, denn: "Ein Kaffee reicht, und ich phantasier'."

In rockigerem Gewand geht es weiter, der Beat erinnert an Caspers "Halbe Mille". In der Hook stellt Gozpel die Frage: "Warum glaubst du, dass du fresh bist?" Mit "Ich zieh' die Hose aus, deine Freundin verleugnet dich" oder "das mit deiner Schwester war eher ein Bruderkuss" macht er aber deutlich, dass ihn als "Rap-Rabauken" das eigentlich gar nicht interessiert.

"Fresh", die erste Videoauskopplung des Albums, erlebte die Uraufführung live bei Rap am Mittwoch. Zwischen Gozpels erstem Auftritt in der "realsten Cypher Deutschlands" und der Veröffentlichung von "Sympathoz" liegt ziemlich genau ein Jahr. Dass er weiß, wo seine Wurzeln sind, zeigt er auch in insgesamt vier Skits: Tonaufnahmen verschiedener Momente bei Rap am Mittwoch.

Gerade für die Leute, die Gozpel von dieser Veranstaltung kennen, gestaltet sich dieses Album interessant. Er kann eben nicht nur lustig mit Wortspielen, sondern auch ernst. Das zeigt er das erste Mal in "An Dem Tag".

Der Track beginnt mit einfachem Synthie-Klavier, gräbt sich dann aber mit einem tiefen Bass ein, gemahnt zwar an "Keine Liebe" von Prinz Pi, handelt jedoch nicht von Verschwörungstheorien, sondern entpuppt sich als der wohl persönlichste Track des Albums.

Mit ungewöhnlich viel Pathos hebt Gozpel an: "Wir woll'n was erreichen, woll'n etwas besonderes sein. Sky is the limit? Fuck it, wir woll'n zum Sonnenschein." Klingt nach dem üblichen "Ich will ganz schnell hoch hinaus", ist es aber nicht. Gozpel verzichtet auf eine Zeichnung von Glanz, wenn man es dann geschafft hat, sondern beschreibt stattdessen allumfassender. Darin schwingt auch mit, dass alles irgendwann auch wieder endet.

Gozpel macht sich schon in der Hook Gedanken zur Ehrlichkeit: "An dem Tag, an dem wir keine Zweifel haben, (…) an dem Tag, an dem wirs schaffen, nein zu sagen, fangt an, uns einzugraben." Die These "Niemand will 'ne weiße Weste haben, sieht scheiße aus" regt zum Nachdenken an und gefällt.

Dass es Gozpel nicht an Technik mangelt, beweist er in "Krasse Flows". Hier breitet er sein Repertoire aus, um gleich allen Kritikern zu zeigen, dass er es zwar kann, es ihm jedoch nicht so wichtig ist. Für Technikfans interessant, haut er in gewohnter Battlemanier eine Line an die andere und lässt vom Aufbau damit stellenweise an Kollegah denken.

Selbstironie in diesem Track? Natürlich: Zwischenbilanzen wie "2000 Silben, eigentlich nichts gesagt. Tze! Ist doch alles für den Arsch" oder "Doubletime, Hashtag nichts gesagt. Ist doch alles für den Arsch" rahmen das ganze Konzept ein und schaffen einen weiteren, sehr hörbaren Track.

Endlich ein mutiger Newcomer, der sich nicht auf eine Thematik einschießt und schon in den ersten Tracks Einiges von sich preisgibt. Erst im Laufe des Hörens aber zeigt er beeindruckend, was man auch ohne viel Vorlauf auf die Beine stellen kann.

Produziert von den Hijackers, liefern die Instrumentals die Grundlage, auf der Gozpel sich effizient und abwechslungsreich auslebt. Stellenweise strengt der Trapsound an, aber das Potenzial wird definitiv deutlich. Ein absolut solider Auftakt.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Skit
  3. 3. Fresh
  4. 4. Geld
  5. 5. Jede Frau
  6. 6. An Dem Tag
  7. 8. Mein Kiez
  8. 9. Mal Verliert Man Mal Gewinnt Man
  9. 10. Komm Mit
  10. 12. Niemand Ist Perfekt
  11. 13. Sie Weiss Es Nicht
  12. 14. Baby
  13. 15. Lalala
  14. 17. Café
  15. 18. Krasse Flows
  16. 19. Hunde
  17. 20. Ich Komm Zurück

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