laut.de-Kritik

Elf ganz legale Indielectro-Aufputschmittel.

Review von

Freitag, 22. Dezember 2006, 1:30 Uhr im Ancienne Belgique in Brüssel. Goose betreten im Rahmen des Exit 2006 Festivals die Bühne. Als erstes steht Dave Martijn hinter seinem Synthesizer und schlägt dem Publikum in übermäßiger Lautstärke ein paar heftig schlingernde Noten um die Ohren. Das geht über eine Minute lang so und schon toben die Zuschauer. Der gleiche Sound eröffnet "Bring It On", das Debütalbum des Quartetts aus Kortrijk.

Hier steht der arg verzerrte Synthie-Klang allerdings nur ca. zwei Sekunden allein, bevor die anderen Instrumente einsetzen. Die Band zelebriert einen treibenden Sound, der sich nur schwer irgendwo zwischen Indielectro, Dance und Kraftwerk auf Speed einordnen lässt. Allein die Stimme von Sänger Mickael Karkousse fehlt auf dem Opener, der in 2:35 Minuten ziemlich genau die Marschrichtung vorgibt: Bewegung, Bewegung, Bewegung.

Es folgt "British Mode", hierzulande als Single ausgekoppelt und seinerzeit auch in der Redaktion gebührend gefeiert. Hier kommt die volle Instrumentierung der Gruppe zum Tragen, ein eigentlich reguläres Stück mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang garnieren die Jungs vorzüglich mit Tasteninstrumenten. Wer hier noch keine Schweißperlen auf der Stirn stehen hat, heißt Chuck Norris.

Das Rezept von Goose ist denkbar einfach, und vielleicht klappt es auch deshalb so gut: Stücke, die eigentlich auch als Rocknummern funktionieren, unterlegen oder besser: überpinseln sie dermaßen solide mit Synths, bis die Tanzgranate steht. So avanciert selbst eine eher langsame Nummer wie "Girl" zwischendurch zum Floorfiller. Jeder, der nur ein bisschen Rhythmusgefühl besitzt, muss "Bring It On" unwiderstehlich finden. Diese Platte ist nix für Leute, die sich an die Bar klammern. Kopfnicker spüren ihre Nackenmuskeln, das einzige, was Erlösung verspricht, ist tanzen. Einfach mal dem Drang nachgeben.

So auch beim Titeltrack, zusammen mit dem großartigen "Modern Vision" Höhepunkt des Albums. Hier setzt der totale Synthie-Overkill ein. Live legen sich bei diesen Stücken alle drei Tastenmänner voll ins Zeug. Heftiger und verzerrter gehts kaum. Und wenn am Ende von "Bring It On" sogar eine Double-Bass ertönt, möchte man fast von Synthie-Metal schreiben.

Danach wirkt "Slow Down" mit seiner cheesy Hookline wie ein Downer, aber schon beim kurzen "Check", in dem Basser Tom Coghe und Drummer Bert Libeert hetzen, merkt man, dass die Flamen ihr Album wie eine Achterbahnfahrt konstruiert haben: Wer den Spaß der Abfahrt erleben möchte, muss erst einmal nach oben gelangen. Abrupt stoppt die Fahrt und die ersten Takte von "Modern Vision" führen wieder auf einen Gipfel, von dem der Hörer abtaucht in ein Tal des Tasten-Exzesses.

Gitarre und Synthesizer ergänzen sich bei diesem Track (wie auch auf "3T4") in Perfektion, auch hier muss man dem Tanzdrang nachgeben. "Low Mode" hält den wohl eingängigsten Refrain der Platte bereit, auch wenn das Stück eines der eher langsameren auf "Bring It On" ist. Mit "Everybody" gehts noch einmal in die Vollen, das Schlagzeug stampft, die Tastenmänner holen die ganz tiefen Töne aus ihren schwarzen Kisten. "Safari Beach" beschließt das Album fast besinnlich, mit einem weichen Teppich an Tönen, bevor die zweite Hälfte noch einmal die rockige Seite der Gans zum Vorschein bringt.

Hier tönen die Rolands und Korgs erstaunlich reduziert und im Hintergrund, dafür sind Gesang und Saiteninstrumente verzerrt ohn' Unterlass. Und dann ist ganz plötzlich alles vorbei, und man will nur eins: noch mal, noch mal, noch mal! "Bring It On" ist derzeit so ziemlich das zuverlässigste Aufputschmittel, das legal erhältlich ist.

Trackliste

  1. 1. Black Gloves
  2. 2. British Mode
  3. 3. Girl
  4. 4. Bring It On
  5. 5. Slow Down
  6. 6. Check
  7. 7. Modern Vision
  8. 8. 3T4
  9. 9. Low Mode
  10. 10. Everybody
  11. 11. Safari Beach

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