laut.de-Kritik

Das beste Werk der besten Frauen-Rockband der Welt.

Review von

Anfang der Achtziger Jahre begann die rotzige, energische Punk-Welle, die die prähistorische Welt der damals verachteten 'Rock-Dinosaurier' zumindest vorübergehend hinweg geschwemmt hatte, so langsam zu verflachen, sich in verschiedene Stile zu verästeln und teilweise in die etwas mehr ambitionierte und manchmal recht weinerliche New Wave überzugehen.

Die rohe und direkte Energie der ersten Punkbands aber blieb in erster Linie in den damals neu aufkommenden Bands erhalten, die man gemeinhin der legendären New Wave Of British Heavy Metal, kurz NWOBHM, zuordnet. Einige dieser wilden und ungezügelten Gruppen haben es zu Weltruhm gebracht. So zum Beispiel Iron Maiden, Judas Priest, Saxon oder, obwohl nicht unbedingt in diese Schublade passend, die mächtigen Motörhead.

Zwischen all diesen mit Testosteron und Adrenalin überreichlich aufgeladenen Macho-Truppen drängelte sich unerschrocken eine reine Frauenband namens Girlschool durch und trat schon mit ihrem ersten Album "Demolition" den von sich selbst überzeugten Herren mächtig in den Hintern. Denn den vier Amazonen Kelly Johnson, Kim McAuliffe, beide am Mikro und an der Gitarre, sowie Enid Williams (Bass und Gesang) und Denise Dufort am Schlagzeug war damenhafte Zurückhaltung eher fremd.

Stücke dieses Auftaktes wie der gitarrengeile Alarm-Opener "Demolition Boys", der Boogie-Rocker "Take It All Away", das leicht spacige, an die guten alten Hawkwind erinnernde "Nothing To Lose", die souveräne, entschlackte Umsetzung des Gun-Titels "Race With The Devil" oder das später auch von Motörhead gespielte "Emergency" waren schon überragend und sorgten für rote Köpfe und Respekt bei vielen männlichen Kollegen. Der Nachfolger "Hit And Run" aber übertraf das Debüt noch um einiges, sowohl in punkto Songwriting, als auch bei der Geschlossenheit und der Härte.

Apropos Motörhead. Bandleader Ian 'Lemmy' Kilmister und seine zwei Genossen Fast Eddie Clarke und Phil 'Philthy Animal' Taylor hatten wohl von Anfang eine sehr enge Beziehung zu dem flotten Vierer, Gerüchten zufolge in jeglicher Hinsicht. Das bewirkte unter anderem, dass sich immer wieder Elemente des Motörhead-Sounds in den Stücken der Ladies wiederfinden und führte darüber hinaus dazu, dass sich der damalige Produzent des wüsten Trios, Vic Maile, auch um den Zweitling von Girlschool kümmerte. Eine glückliche und gelungene Kombination.

Genug der Präliminarien. Rein in das gute Stück. Eine Handvoll unsortierter Gitarrenlärm geht über in donnernde Drums, die den sinnhaft mit "C'mon Let's Go" betitelten Opener zum Rollen bringen. Und der rollt gleich mal mit einer Menge Speed und PS unter der Haube über den Highway. Nach etwas mehr als zwei Minuten drückt ein kurz angebundenes Gitarrensolo im Stile von Fast Eddie mächtig aufs Gas. Start gelungen! Danach kommt "The Hunter", dessen schwere Riffs an die obskure Kultband Holocaust erinnern und somit die NWOBHM-Bindung von Girlschool wieder einmal verdeutlichen.

Das nach Art der Ramones mit "One, two, three, four" eingezählte "I'm Your Victim" nimmt zum ersten Mal deutliche Motörhead-Farben an und überzeugt mit Drive und einem melodischen Refrain. "Kick It Down" an Nummer vier klingt dann stark nach straightem, schnökellosen Kraftfutter, wie es beispielsweise die gloriosen Tygers Of Pan Tang auf ihren ersten Platten produzierten. Girlschool halten die wilden Biester mit diesem Knaller aber mühelos in Schach. Weiter geht es mit dem rhythmisch etwas vertrackteren "Following The Crowd", das den Pfad der Geradlinigkeit einmal verlässt und angenehme Abwechslung bietet. Ein Geheimtipp!

Auch auf ihrer zweiten Platte wollten Girlschool nicht auf ein Cover verzichten und nahmen sich den ZZ Top-Klassiker "Tush" vor. Keine Angst vor großen Tieren! Vom Präriestaub befreit und mit entfesselten Gitarren aufgepeppt, entsteht aus dem Song der Rauschebärte ein regelrechtes Heavy Metal-Stück. Klasse! Das stampfende, hoch melodische Titelstück der Platte beschäftigt sich mit dem Scheitern einer Beziehung, Protest und Aufbruch und berührt deshalb nicht nur mit seinen schönen Gitarrenlinien, sondern auch mit seiner versteckten Melancholie.

Die wird aber schon im folgenden, trotzig-kämpferischen "Watch Your Step" abgeschüttelt. Ein Punk-Kracher mit wiederum deutlicher Motörhead-Attitüde, der leider viel zu früh ausgeblendet wird. Das Ding würde auch sieben Minuten lang mit drei oder vier Gitarrensoli drin funktionieren. Tja, man kann nicht alles haben. Der bluesige Midtempo-Rocker "Back To Start" ist weniger überzeugend. Er schleppt sich etwas dahin und ist somit das schwächste Stück der Scheibe.

"Yeah Right" gibt dann aber wieder ordentlich Gas und klaut dafür ganz ungeniert das Eröffnungsriff von "Tear Ya Down", einem der stärksten Songs vom zweiten Motörhead-Album "Overkill". Aber unter Freunden ist das ja erlaubt. Sehr witzig der kurze eingebaute Dialog zwischen besorgter Mami und renitenter Tochter. Es nützt aber alles nichts. Die Tochter geht trotzdem mit ihren Freundinnen rocken und saufen. Die können das auch ganz gut.

Der letzte Track "Future Flash" ist auch der längste und quasi ambitionierteste des Albums und rundet das Ganze höchst unterhaltsam ab. Nach elf Stücken endet ein sehr selbstbewusstes und überzeugendes Rock- und Metal-Album, das mühelos den Test der Zeit übersteht und auch heute noch jederzeit schmerzfrei aufgelegt und gespielt werden kann. Folgerichtig enterte "Hit And Run" im April 1981 auch die britischen Charts und kletterte bis auf den fünften Platz.

Eigentlich muss man die beiden ersten Platten der vier britischen Rock-Ladies fast als gleichwertig ansehen. Die schenken sich wenig und sind bis heute zum heutigen Tag auch ihre besten Veröffentlichungen. Jeder aufrechte Rocker und natürlich jede Rockerin sollte die Teile in ihrer Sammlung haben. "Hit And Run" wurde übrigens im Jahr 2011 in einer neu eingespielten und mit vielen Extra-Tracks versehenen Version auf CD wieder herausgebracht. Leider wurde das alte Cover, das farblich schöner und ein wenig selbstironisch rüber kommt, durch ein neues, banaleres ersetzt.

Girlschool haben sich über viele Jahrzehnte bis zum heutigen Tage auf dem Schlachtfeld des harten Rock wacker durch viele Höhen und Tiefen geschlagen und treten auch heute noch regelmäßig auf. Zudem hatten sie es nie nötig, übermäßig mit ihren weiblichen Attributen für sich zu werben. Sie waren und sind einfach eine coole, gutaussehende Frauenband in T-Shirts und Jeans, mehr nicht. Und ihre Musik hat immer für sich selbst gesprochen. Das ist bis heute so.

Auf dem letzten Bang Your Head Festival im Juli dieses Jahres ehrten die Unverwüstlichen bei ihrem leider etwas zu frühen und zu kurzen Auftritt ihren verblichenen Freund und Gönner Lemmy mit ihrem neuen Song "Take It Like A Band" von aktuellen Album "Guilty As Sin". Das war sehr berührend und beeindruckend. Auch wenn ihr absoluter Meilenstein "Hit And Run" schon eine Weile her ist, ist es schön, dass Girlschool immer noch unter uns sind, alive and kicking!

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. C'mon Let's Go
  2. 2. The Hunter
  3. 3. (I'm Your) Victim
  4. 4. Kick It Down
  5. 5. Following The Crowd
  6. 6. Tush
  7. 7. Hit And Run
  8. 8. Watch Your Step
  9. 9. Back To Start
  10. 10. Yeah Right
  11. 11. Future Flash

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LAUT.DE-PORTRÄT Girlschool

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3 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Beste Frauenrockband? Naja, da halte ich die Runaways entgegen. Das Album ist ok, ich fand die Band niemals so spannend und es hat auch das Problem vieler Alben der Zeit: Man hört genau das es Anfang der 80er Jahre aufgenommen wurde. Trotzdem, ein schönen Stück Heavy Metal.

  • Vor 3 Jahren

    popkulturell aufgrund des toughen pionierstatus ein musikhistorisch wichtiger meilenstein. gerade in diesem so maskulin dominierten genre. keine frage.

    musikalisch werden girlschool der eigenen historischen position aber nicht ganz gerecht, finde ich. auch nicht aus der zeit betrachtet. die songwriterische und textliche klasse wie die obig zum vergleich angegebenen kollegen a la priest oder maiden haben sie nicht entfernt. und auf der rotz-ebene kommt man an lemmy nicht heran.

    auch die im comment hierüber erwähnten runaways haben bessere songs am start gehabt. auch später solo waren jett und ford hier reicher an substanz. zumindest empfinde ich das seit jeher so.

  • Vor 3 Jahren

    Den Runaways fehlt schon mal die Beständigkeit. 5 Jährchen und ständig Zickenkrieg. Und die Qualität der Songs war auch ziemlich durchwachsen. Nun gut, mehr Reizwäsche haben sie gezeigt, das ist wahr. Auch ein Kriterium :-)