laut.de-Kritik

Erwachsener Rap. Oder doch zu glattgebügelt?

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Seit Gimma 2006 mit "I Gega d'Schwiiz" der Durchbruch gelang, sind nicht weniger als sechs weitere Solo-, Kollabo- oder Crewalben erschienen. Die Veröffentlichungen offenbarten dabei verschiedenste Facetten des Bündners – von Battlerap über unglaublich persönliche Lyrics bis zu Klamauk, Gewaltfantasien oder Popausflüge.

Nach dem fragwürdigen Popalbum "Hippie" und dem provozierend gedachten, aber schlussendlich reichlich zahnlosen "Unmensch", erscheint nun "Mensch Si" - gemäß Pressetext ein "erwachsenes, ernstes und persönliches Album".

Auch wenn Gimma gerne als der Raprüpel hingestellt wird, und er dieses Image auch nur zu gerne pflegt, hatte er einige der stärksten Momente seiner Karriere mit nachdenklicheren Tracks. Wieso dem so ist, lässt er auf "Mensch Si" mehrfach erkennen. Gimma versteht es, mit seinen Texten Bilder zu erzeugen und vor allem die beschriebenen Emotionen stimmlich wiederzugeben.

Es gelingt ihm einfach, die introspektiven bis selbstzerfleischenden, wütenden, kritischen und auch beklemmenden Texte glaubhaft rüberzubringen. Doch nicht nur inhaltlich wollte Gimma einen deutlich anderen Weg einschlagen als auf vorherigen Veröffentlichungen - auch soundtechnisch sollte Neuland betreten werden.

Aus diesem Grund ließ er die Kompositionen der beiden Beatbastler Sad und Claud von renommierten Musikern live einspielen. Das Soundbild wird somit von zumeist unaufdringlichen Gitarrenriffs, sanften Pianoklängen und Streichern dominiert. Dass sich Gimma explizit von einem reinen Rapalbum distanzieren will, zeigen auch die vielen gesungenen Hooks sowie rockige Ausflüge.

Wenn sich ein Schweizer Rapper dieser Tage den Stempel "Erwachsen" aufdrückt, drängen sich unweigerlich Vergleiche mit dem Meisterwerk von Baze auf. Bei Gimma um so mehr, da er sich den Albumtitel von Baze, "D'Party Isch Vrbi", sogar tätowieren ließ.

Inhaltliche Vergleiche anzustellen ist jedoch müßig, nähern sie sich dem Thema doch auf unterschiedliche Weise an. Vergleicht man die beiden Alben aber aus rein musikalischer Sicht, offenbaren sich deutlich zwei verschiedene Formen des 'Erwachsenwerdens'. Baze' Platte reflektiert gemachte Erfahrungen und den daraus resultierenden Mut, Neues zu probieren und Grenzen auszuloten.

"Mensch Si" zeigt einen ganz anderen Effekt, der bei diesem Thema häufig eintritt: Anpassung. Auf den elf Songs wird zwar die Stimmung der Texte gut eingefangen, doch fällt das musikalisch meist zu brav und glattgebügelt aus. Kaum ein Song, der nicht auch dem durchschnittlichsten Radiohörer ins Ohr flutscht.

Natürlich verstehen alle Beteiligten ihr Handwerk, so dass kein Song wirklich abfällt. Doch sind die Höhepunkte wie das druckablassende "USA" oder das retrospektive "Äscha Zu Äscha" zu spärlich gesät. Zudem stört mancher Refrain das Hörvergnügen, auch wenn einige Hooks, wie etwa der des Titeltracks, wirklich hängen bleiben. Doch unterm Strich hätten die Texte eine weniger auf Radioairplay schielende musikalische Untermalung verdient.

Trackliste

  1. 1. Auga Us Glas feat. Adrian Sieber
  2. 2. Get The Future Started!
  3. 3. Unique (Skit)
  4. 4. Nur Für Mi
  5. 5. Mensch Si feat. Carlos Leal & Lou Zarra
  6. 6. Haigoh, Juno
  7. 7. Lönd Mi Aifach Si
  8. 8. Drunk (Skit)
  9. 9. USA feat. Breitbild
  10. 10. UT
  11. 11. Millionär
  12. 12. Äscha Zu Äscha
  13. 13. Mora Stömmer Wider Uf

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