laut.de-Kritik

Großartige Vorlagen, respektlos ge-remixt.

Review von

"I'm New Here", was für ein Blödsinn! Was als Titel seines letzten Albums wie ein schlechter Witz wirkte, erlangt in der Variation zu "We're New Here" wenigstens einen Anflug von Wahrheit. Gil Scott-Heron bleibt zwar weiterhin das Urgestein, das er immer war. Er war, ist und wird es immer sein: einer der Felsen, auf denen die ganze Rap-Tradition fußt. Als new guy geht in dieser Konstellation höchstens Jamie Smith durch.

Dem passt seiner Jugend zum Trotz das Grünschnabelkostüm aber auch nicht wirklich, fuhr er als Knöpfchendreher hinter The XX doch bereits reichlich Lorbeeren ein. Im erfrischendsten Sinne neu gestaltet sich allerdings, was zwei an Jahren, Erfahrung und musikalischer Ausrichtung so unterschiedliche Künstler gemeinsam erschaffen, sobald sie am selben Strang ziehen - wenn auch in komplett verschiedene Richtungen.

"I did not become someone different that I don't want to be." Dieser seiner Maxime bleibt Scott-Heron auch dann noch treu, wenn Jamie XX sein "I'm New Here" aus dem Blues-Kontext reißt und in eine verstörend synthetische Umgebung verpflanzt. Grelle Kälte schlägt einem plötzlich aus der ursprünglich so warmen Nummer entgegen, nahezu abstoßend erscheint der Plastik-Dancefloor-Sound, der einen zu ersticken droht.

Doch ehe man sich angewidert abwenden kann, naht sie schon, die Rettung, in Gestalt einer pumpernden, direkt aus fernen Dub-Gefilden importierten Bassline. Unvorhergesehene, pfiffige, zuweilen schlicht freche Winkelzüge wie diesen fährt "We're New Here" am laufenden Band auf.

Angesichts großartiger Vorlagen sollte man eigentlich in Ehrfurcht versinken, anstatt derart enthemmt Hand anzulegen. Zum Glück pfeift Jamie XX auf diese gängige Haltung. Er operiert mit erfrischender Respektlosigkeit und kreiert so Klanglandschaften, die man kaum für möglich gehalten hätte.

Der unerschrockene Remixer eröffnet Scott-Herons Spoken Word-Performances mit dem Brecheisen derber Kontraste endlos weite Räume. So flankieren in der neuen Version reichlich Hall und Percussion den berührenden Report aus einem "Broken Home", am Grunde lauert dunkel grummelnder Bass.

Die Kluft zwischen steriler Technik und erdigem, organisch gewachsenen Sound wächst sich gelegentlich bis zur Zerreißprobe fürs Nervenkostüm aus. Jamie XX zerrt, zurrt und zupft an den Axonen, nur um die gequälten Nervenbahnen dann wieder mit pumpenden Bässen zu massieren.

In "Ur Soul And Mine" misslingt das Experiment. Zu repetitiv erscheinen die zusammengeloopten Schnipsel, zu entwicklungsarm, als dass ich das Hinschlachten der Poesie des Originals für gerechtfertigt hielte. Es bleibt allerdings der einzige Ausfall.

Abgesehen davon exerzieren Gil Scott-Heron und Jamie XX Genre-Spagat der gelenkigsten Sorte. Eins von vielen gelungenen Beispielen: das unmerklich in eine so funky wie supersmoothe Elektronummer transformierte "I'll Take Care Of U". "We're New Here"? Was für ein Blödsinn!

[Das Album steht in voller Länge zum Anhören bereit, beispielsweise hier. Viel Vergnügen, d. Red.]

Trackliste

  1. 1. I'm New Here
  2. 2. Home
  3. 3. I've Been Me (Interlude)
  4. 4. Running
  5. 5. My Cloud
  6. 6. Certain Things (Interlude)
  7. 7. The Crutch
  8. 8. Ur Soul And Mine
  9. 9. Parents (Interlude)
  10. 10. Piano Player
  11. 11. NY Is Killing Me
  12. 12. Jazz (Interlude)
  13. 13. I'll Take Care Of U

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