laut.de-Kritik

Schlaflos durch die Apokalypse.

Review von

Es grenzt an eine Frechheit, dass Ghostpoet den dritten Track seines neuen Albums nicht vorab als Single veröffentlicht hat. Denn einen besseren Vorboten, um es zu bewerben, hätte er sich nicht aussuchen können. Vielleicht aber wollte der Brite mit nigerianischen Wurzeln den eingängigsten und mitreißendsten Tune seines fünften Longplayers auch für den ersten Durchlauf aufsparen, den seine Fans seit dem letzten Release im August 2017 sehnlichst herbei wünschten.

Der Titel "I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep" drückt die knapp 46 Minuten andauernde, düstere Mischung aus Electronica, Trip Hop und Alternative Rock recht gut aus, denn Ghostpoet klingt über weite Strecken müde. Doch seine Texte bleiben scharfsinnig. Er ist ein wachsamer Beobachter, der es sich nicht leisten kann, zu schlafen: "Who knows what will await if I fall too deep?", singt er auf dem Titeltrack.

Obaro Ejimiwe, wie der 37-Jährige eigentlich heißt, gehört zu den Musikern, die nicht gerne in Genre-Schublade gesteckt werden. Er bezeichnet sich selbst als "Künstler, der mit Sounds experimentiert und Gitarren liebt". Das wird auf "I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep" mehr als deutlich. Die Gitarre ist jenes Instrument, das sich durch die gesamte Platte hindurchzieht. Aber auch seine Experimentierfreudigkeit stellt er mit einer Vielzahl an Instrumenten und teils ungewöhnlichen Soundmischungen unter Beweis.

Das Intro "Breaking Cover" klingt beispielsweise eine geschlagene Minute lang mit Xylophon-Tröpfchen aus. Dem wirklich unangenehmen "Black Dog Got Silver Eyes" traut man fast zu, Panikattacken auszulösen. Wie er diese unbehaglichen Sounds erzeugt, und warum er es mit diesem disharmonischen Blasinstrument, das an jammerndes Hundegejaule erinnert, auf die Spitze treibt, bleibt sein Geheimnis.

Unbehagen lösen auch die Lyrics aus: "Dark feels frequent when I'm alone", berichtet Ghostpoet monoton auf "Black Dog Got Silver Eyes", bevor er den Hörer am Ende des Stücks mit gleichzeitig erklingenden Stimmen von allen Seiten umzingelt, während das Instrumental immer lauter wird. Auf "Rats In A Sack" untermalen düstere Streicher Ghostpoets gesellschaftskritischen Kommentar mit Verweisen auf den Brexit und die Sozialen Medien.

Glücklicherweise hat der Brite aber nicht nur Spaß daran, den Hörer zu quälen und durch die Abgründe seiner Seele zu führen. Er sorgt auch für angenehme Momente. Besonders das eingangs erwähnte "Humana Second Hand" macht durch sein lässiges Gitarrenriff, die mit dem Chorus einsetzenden Streicher sowie das von einer weiblichen Stimme bereicherte Outro richtig Spaß. Überhaupt bilden die über mehrere Stücke verteilten Vocals der Musikerinnen Art School Girlfriend, Delilah Holiday, Katie Dove Dixonder und SaraSara, deren zartes Französisch besonders auffällt, einen interessanten Kontrast zu Ghostpoets tiefer Stimme. Selbst angenehme Instrumentals stellen für ihn aber keinen Grund dar, weniger deprimierende Texte zu rezitieren: Das so cool klingende "Humana Second Hand" handelt von Antidepressiva, Langeweile und dem Gefühl des Verlorenseins.

Um die gewünschte Eindringlichkeit zu erreichen, nutzt Ghostpoet gerne das stilistische Mittel der Wiederholung. Auf "Nowhere To Hide Now", das mit der Skizzierung eines apokalyptischen Kriegsszenarios beginnt, wiederholt er ständig folgenden Satz, während das Instrumental seine Klimax erreicht: "I'll be damned if I let you get what you need". Über das gesamte Album hinweg verbindet der Künstler monotone Eindringlichkeit mit sanfter Melancholie.

Am hübschesten klingt die Produktion dann auf "When Mouths Collide". Offensichtlich ist der postapokalyptische Morgen angebrochen und die Vögel zwitschern. Eine subtile Aphex Twin-esque Klaviermelodie bereichert das Stück, auch wenn diese nur kurz zu hören ist.

Am Ende bleibt einem nichts mehr übrig, als Ghostpoet zu empfehlen, sich ab und zu selbst an das im Outro "Social Lacerations" erwähnte Motto "Ignorance is bliss" zu halten. Manchmal muss man seine düsteren Gedanken einfach hinter sich lassen. Dann klappt es vielleicht auch mal wieder mit dem Schlaf.

Trackliste

  1. 1. Breaking Cover
  2. 2. Concrete Pony
  3. 3. Humana Second Hand
  4. 4. Black Dog Got Silver Eyes
  5. 5. Rats In A Sack
  6. 6. This Train Wreck Of A Life
  7. 7. Nowhere To Hide Now
  8. 8. When Mouths Collide
  9. 9. I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep
  10. 10. Social Lacerations

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