laut.de-Kritik

Angst, der Motor unserer Zeit, in Musik gekleidet.

Review von

Wie die Liebe ist auch die Angst ein universelles, fundamentales Gefühl. Nachdem sich Konstantin Gropper beim letzten regulären Get-Well-Soon-Album "Love" dem ersten dieser Gefühle angenommen hat, ist jetzt letzteres an der Reihe. Auf "The Horror" spannt Gropper den Angstbegriff allerdings existenzialistisch allumfassend: Zunächst gibt es drei Kernstücke, in denen er drei Albträume nacherzählt und weiterdenkt.

Der erste davon: Aufwachen in der Apokalypse, Endzeitstimmung und weit und breit niemand um einen herum. Albtraum Nummer zwei: Treffen mit Hermann Göring. Und last but not least, Albtraum drei – ohne gesellschaftlichen Bezug, sondern einfach nur auf einer Urangst basierend: Erwürgt werden.

Es geht aber auch um ganz konkrete Ängste: Zum Beispiel um die, dass all das, was wir heute als selbstverständlich ansehen, ganz locker als Ruine enden könnte. Ist schließlich in der Vergangenheit tausendfach passiert, warum sollte es diesmal anders sein? Das thematisiert Gropper auf "Future Ruins (Part II"). Dafür arbeitete er mit der tunesischen Sängerin Ghalia Benali und baute das Stück rund um die Melodie von "Lama Bada Yathatanna", einem arabischen Lied aus dem Mittelalter.

Musikalische Dystopien? Mitnichten. Vielmehr hat Gropper mit "The Horror" sein perfektes Crooner-Album geschaffen, auf dem er seiner Liebe zu Frank Sinatra freien Lauf lässt. Freilich mit etwas verschrobeneren, gerne im Moll verhafteten Klangkulissen. Dass Gropper ein Talent für große und abwechslungsreiche Arrangements besitzt, zeigte er zwar schon in der Vergangenheit, "The Horror" untermauert dies einmal mehr.

Angst ist der Motor unserer Zeit und die Konstante in der Evolution. Wir fürchten uns alle zu Tode, mitten rein in die Depression und in die kulturelle Regression. Get Well Soon stellt dem Horror und den Dystopien große Orchesterklänge entgegen. "Ich wollte keinen Horror-Sound machen, sondern eher eine Art schwelgerischen Traum-Soundtrack, in dem hin und wieder, ganz selten, das Unbehagen durchbricht, in dem hin und wieder die Idylle bröckelt", erklärt Gropper selbst sein Werk. Es ist vielleicht sein Meisterstück.

Trackliste

  1. 1. Future Ruins (Pt. 2) [feat. Ghalia Benali]
  2. 2. The Horror
  3. 3. Martyrs
  4. 4. Nightmare No. 1 (Collapse)
  5. 5. An Air Vent (In Amsterdam)
  6. 6. Nightmare No. 2 (Dinner At Carinhall) [feat. Sam Vance-Law]
  7. 7. The Only Thing We Have To Fear
  8. 8. Nightjogging [feat. Kat Frankie]
  9. 9. A Misty Bay (At Dawn)
  10. 10. Nightmare No. 3 (Strangled)
  11. 11. (How To Stay) Middle Class
  12. 12. (Finally) A Convenient Truth

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LAUT.DE-PORTRÄT Get Well Soon

Konstantin Gropper ist auf der Flucht vor seiner Vergangenheit. Insbesondere sein Herkunftsort Biberach scheint dem 82er-Jahrgang ungenehm bis peinlich.

7 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    allein für die Songtitel sollte es 5/5 geben :D
    wirklich unfassbar gutes Album,
    trifft aber auch genau meinen Geschmack

  • Vor 2 Monaten

    Bleibt der King of German Indie.

    Ein Mensch, der es auf unheimliche Weise versteht, einem Album unter einem zuvor gesteckten thematischen Rahmen die passende atmosphärische Musik zu verpassen. Es sind nicht immer meine Themen, entsprechend konnte ich mit dem bewusst eher "seicht" gehaltenen "Love" nicht so mitgehen, hier wird jedoch meine Anspruchshaltung wieder vollends bedient.

    Finde auch diese eklektische Herangehensweise, dass neben der Musik auf dem Album auch das Artwork, die Videos, Texte und ggf. Pressefotos stets in die gleiche thematische Kerbe schlagen, immer wieder positiv erwähnenswert.

  • Vor 2 Monaten

    Angst, der Motor unserer Zeit..... bemerkenswert und richtig. Die Konzernmedien treiben die Leute vor sich her, dazu die ganzen Filme mit Endzeit- und anderen Angstszenarien. Wenn es Parasiten gäbe, die von Angst leben bzw. davon profitieren- die Medien könnten denen gehören ;-)