3. August 2011

"Zuerst mochte Bono seinen Spitznamen nicht"

Interview geführt von

Er ist vielleicht Irlands bedeutendster zeitgenössischer Künstler. Gavin Friday - egal ob als Frontman der Gothic-Pioniere Virgin Prunes, als Hip Hop-Score-Komponist für Fiddys Biopic 'Get Rich', als Maler, Schauspieler oder Bonos ältester Jugendfreund. Der Dubliner hat sich nie verzettelt.Das aktuelle Album "Catholic" ist die erste reine Soloplatte seit dem 16 Jahre zurück liegenden "Shaq Tobacco". Warum hat das so lang gedauert? Weshalb klingen die Stimmen von Gavin und Bono so verdammt ähnlich? Wer hat hier wem das Singen beigebracht? Und gibt es Hoffnung für eine Reunion der Prunes?

Fragen über Fragen, die Gavin in der ihm ganz eigenem Mischung aus warmherzigem Humor und angenehmer Bescheidenheit gern beantwortet.

Hey Gavin, du machst ja andauernd irgendein Projekt. Aber das letzte echte Gavin-Album "Shaq Tobacco" ist fast 20 Jahre alt. Wir haben Glück, dass die meisten Friday-Fans nicht zwischenzeitlich verstorben sind ...

Gut, 16 Jahre sind schon lang. Das gebe ich zu. Als Künstler denke ich aber nicht in solchen Kategorien. Egal ob ich jetzt etwas für einen Film mache oder ein echtes, sagen wir, Soloalbum oder was auch immer. Es stammt ja alles von mir, spiegelt meine gegenwärtige Kreativität und Interessen. Aber "Catholic" kommt nicht umsonst jetzt. Das hat einerseits etwas mit dem Business zu tun. Ich war damals bei Island-Records – neben anderen wie Tom Waits – denen nicht mehr so wichtig. Andere Richtungen wie Sugarbabes wurden gepusht. Hinzu kamen auch eigene gesundheitliche Probleme. Das Album ist also das eines erwachsenen Mannes. Ich bin jetzt über 50 und hätte so was nicht vor 25 Jahren schreiben können, verstehst du? Als mein Vater dann starb, war es für mich das Signal, wieder sehr persönliche Songs zu machen. Es ist deshalb auch ein sehr persönliches Wiedererwachen und eine Verarbeitung von Verlust gleichermaßen.

Du verarbeitest damit u.a. das tragische Scheitern deiner Ehe. Ich will dir jetzt auch echt nicht mit bohrenden Downer-Fragen zu den sehr bewegenden Lyrics kommen. Aber über das Artwork müssen wir sprechen. Du als aufgebahrte Leiche mit Catholic-Abzeichen an der uniformierten Schulter. Trägst du jetzt – stellvertretend für Irland – den gesamten Katholizismus als Aberglauben zu Grabe?

Das hat natürlich sehr viel mit der speziellen irischen Situation zu tun. Seit Jahrhunderten hat die Katholische Kirche hier eine Macht, die sie sehr genau und wilkürlich für eigene Interessen zu nutzen weiß. Auch heute noch. Das Statement richtet sich also ausdrücklich nicht gegen Religion als Oberbegriff. Es ist die Kirche. Und das Totenbett ist eine Anspielung auf Michael Collins, den irischen Unabhängigkeitskämpfer. Es gibt da ein Ölbild gleicher Art. Das kennt man natürlich nur in Irland.

Und der Hund auf der irischen Flagge? Wie beim Punk? Wird er sie zerfetzen oder beschmutzen?

Gott nein, so ist das ganz und gar nicht gemeint (lacht). Es sind Symbole von Sachen, die meinem Vater zu Lebzeiten viel bedeutet haben. Rein private Bedeutung.

"Das dunkle Element ist Teil meiner Stimmung"


Zur Musik: Stimmst du zu, wenn ich sage, die Platte fließt in einem Strom zeitlos gentlemanhaften Darkpops mit einigen Tupfern Spaß und Temperament?

Wie kann ich dir da nicht zustimmen, wenn du es so formulierst? Da steckt eben viel von mir und meinen Vorlieben drin. Die Art wie Roxy Music, Bowie oder Leonard Cohen die erwünschte Stimmung transportieren. Das dunkle Element ist hier einfach Teil meiner Stimmung und deshalb so sehr im Vordergrund.

Im Kontrast: "Perfume" und "Where D'Ya Go? Gone" sind geile Pop-Hits wie dein alter "King of Trash". Nur eben mit deinem typisch angedeuteten Black Music Groove. Wie kam es überhaupt dazu, dass ein bleicher Goth aus dem hohen Norden Europas ein Hollywood-Hip Hop-Score für das 50 Cent Biopic "Get Rich Or Die Trying" komponiert?

So spektakulär wie es aussieht, war das gar nicht. Ich war zu dem Zeitpunkt ja kein totaler Neuling im Biz. Immerhin hatte ich schon ein wenig gemacht. Mit dem irischen Filmemacher Jim Sheridan so einiges seit "In The Name Of The Father". Und so war es vor allem auch Jim, der den Studios gesagt hat, dass er mich auf alle Fälle dabei haben möchte. Wie du siehst, hatte sein Wort einiges Gewicht (lacht).

Es ist mir peinlich, aber ich muss zugeben, deine Lyrics auf "Perfume" auch gar nicht zu verstehen. Via Dolorosa vs. Paolo Conte? Was haben denn Kreuzigung und Italiens Jazzpapst gemein?

(Mit erhobener Stimme) Nichts!

Okay ...

(Lacht) Das ist auch eher eine Art Assoziationskette. Es gibt da einen guten Freund. Der ist religiös und auch Conte-Fan. Es geht da um Begriffe, die ihn ausmachen.

So viele tolle Postpunk/Gothic-Bands der ersten Stunde in GB und Irland. Für mich ist es das historische Verdienst deiner Virgin Prunes, dem Genre Brel, Brecht und Vaudeville gegeben zu haben.

Ach ich weiß nicht. Als wir die Prunes gegründet haben, war ich 17. Beseelt vom Punk und der Idee, mich unbedingt ausdrücken zu wollen. Ich mag das ganz alte Zeug bis heute sehr. Aber insgesamt würde ich sagen, bin ich jetzt viel mehr Musiker. Wir haben alle seitdem so viel über Musik gelernt. Damals lag vieles im Schwerpunkt eben auf Ausdruck und Darstellung. Chansons, Brecht. Das war schon immer mein Ding.

Du wirkst sehr bescheiden. Vor kurzem habe ich deinen alten Pionierkollegen Peter Murphy gesprochen. Während jener sich – wie immer – schillernd zwischen entspannter Selbstironie und offensivem Pathos bewegt, hälts du dich jenseits der Bühnen eher im Hintergrund. Bist du tatsächlich der einzige Gothpionier, der keine Diva ist?

Weißt du, Peter und ich sind ja nun wirklich auch zwei ganz unterschiedliche Typen. Ich bin mir meiner künstlerischen Bedeutung aber durchaus bewusst. Keine Angst. Aber eigentlich ist das mehr im Hintergrund. Die jeweiligen Projekte mit tollen Leuten zu machen, das ist der Kick. Das 'Machen'.

Auf dieser Platte ist es so, dass niemand "Kills The Thing He Loves" oder "Gets What He Wanted". Keine Lust mehr auf Lost Generation-Stoff und Chanson?

Die Lust darauf vergeht mir nie. Es hat dieses Mal aber einfach nicht gepasst. Die Besonderheit dieses Albums hat einfach einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Das kann sich bald schon wieder ändern. Vielleicht geht es ja ganz schnell und ich mache sehr bald wieder ein Album. Ich habe nicht vor, aufzuhören mit dem Schreiben.

Wo du das sagst: Mal wieder Lust, mit den alten Kumpeln zu arbeiten? Fast alle haben ihre alte Band reanimiert. Keine Chance für neuen Pflaumensalat mit der Kraft von Weisheit, Reife und Midlife Crisis?

Im Moment ist da nichts geplant. Wir verstehen uns ja alle persönlich und privat sehr gut. Aber künstlerisch und privat liegen die Gemeinsamkeiten heute eben auch nicht näher als früher. Jeder hat sich doch auf seine eigene Art entwickelt. Aber wer weiß?

"'Bono' geht auf einen Hörgeräteladen namens Bonavox zurück"


In "The Sun, The Moon and the Stars" – besonders im "Into-Part" – kann man deine Stimme nicht von Bonos unterscheiden. Gibs zu: Ihr habt beide seit eurer Jugend einen Heidenspaß, die Vocals zu switchen, wie Zwillinge.

Na klar. Für uns ist das ja lustig.

Der uninformierte Teil der Medien schreibt immer gern, du klängst wie U2. Wir beide wissen, es ist wohl eher umgekehrt. Hand aufs Herz – Du hast Bono den Künstlernamen verpasst. Hast du ihm das Singen beigebracht oder er dir?

Und du glaubst wirklich, ich werde dir darauf eine Antwort geben (lacht)? Also, erstens war ich das gar nicht alleine. Wir waren ja noch echte Kids um die 14. Spitznamen gab es in der Gang für alle. Für David gab es "Bono Vox of O'Connell Street". Das geht auf einen Hörgeräteladen namens Bonavox zurück. So richtig gut fand er den Nickname auch erst, als er merkte, dass es 'gute Stimme' bedeutet. Das ist aber alles längst nicht nur mein Verdienst. Den Spitznamen hat vor allem auch Guggi ihm verpasst. Weißt du, wer Guggi ist?

Den Prunes-Mitgründer kenne ich natürlich. Wir sind hier gar nicht so anders wie die typische irische Familie. Ich stehe total auf dein Zeug und meine Frau auf Bono.

(Staubtrocken) Gut, aber die typische irische Familie ist das nicht. Dort fährt meist zumindest ein Mitglied total auf U2 ab und keiner kennt mich. (Schweigen)

Und wie ist das nun mit dem Singen gelaufen?

Es war gerade nicht so, dass einer es vom anderen lernte. Wir sind einfach irische Jungs, die aus derselben Ecke in Dublin kommen und von denselben Sachen und Leuten gelernt haben. Die Ähnlichkeit im Timbre ist so außergewöhnlich aber nicht.

Du meinst, ihr klingt allgemein oder vereinzelt so ähnlich? Und dann quasi die gleichen Lehrer?

Eher so, ja.

Man sieht ja auch nunmehr erstmals die musikalische Verwandtschaft zwischen dir und U2. Dein "A Song That Hurts" und ein großer U2-Song wie "Love Is Blindness" von "Achtung Baby" sind doch ganz eindeutig Früchte desselben Baumes, oder?

Wir sind eben in vielem gänzlich unterschiedlich. Aber in vielen Sachen, die mit demselben Ursprung zu tun haben auch nicht. Das kann man gar nicht abstellen. Wozu auch?

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