laut.de-Kritik

Mit Herbert Grönemeyer ins Tal der Tränen. Was soll das?

Review von

Gang Of Four bleiben sich treu. Das Quartett aus Leeds sorgt auch 2015 noch für Überraschungen. "What Happens Next" setzt diese Tradition beeindruckend fort. Niemals hätte man nämlich geglaubt, dass die Postpunk-Legende mal so ein fürchterliches Album veröffentlichen würde. Der Schreck sitzt tief, und man weiß eigentlich gar nicht wo man anfangen soll.

Vielleicht an der im Reunion-Zeitalter kaum erwähnenswerten Tatsache, dass die Gang Of Four im Kern nur noch eine Gang Of One ist, da sich 2011 auch das dritte Originalmitglied Jon King - leider auch noch Go4-Sänger - aus dem Staub machte und nur noch Last Man Hurting Andy Gill zurück ließ. King wusste wohl schon warum. "Content" besaß eine sehr eigenartige, dennoch drängende Substanz. Da spielte eine Band um ihren Ruf. "What Happens Next" klingt nach einer Band, die zum ersten Mal ein High-End-Studio betreten darf und in jede Richtung sinnlos drauflos holzt. Ulle, haste den Part auf Band? Geil. Ersma Kippenpause.

Ebenso unerklärlich, wie sich die eigentlich stilsichere The Kills-Furie Alison Mosshart für gleich zwei Songs dieser Begräbnisveranstaltung überreden ließ. Weil man einer alten Legende keine Bitte abschlägt? Weil Mosshart während der Arbeiten am neuen The Kills-Album auch zufällig in London weilte, wo "What Happens Next" entstanden ist? Nun, dort lebt ja praktischerweise auch Herbert Grönemeyer, der seit den Re-Releases der Neu!-Alben auf Grönland zu Reputation in ungeahnten Szenen kam.

Die Auswahl dieser Gäste harmoniert ähnlich wie das eröffnende Robert Johnson-Sample mit dem Rest des Albums. "What Happens Next" präsentiert eine Form von elektronischem Gothic-Metal, den man heute eigentlich nur noch Gary Numan durchgehen lassen möchte. Vor allem, weil der mit den Sound-Komponenten umzugehen weiß. Gitarrist Andy Gill erweist sich in diesem Punkt leider als talentbefreit.

Schon beim maximal katastrophalen Refrain im Opener "Where The Nightingale Sings", den der neue Sänger John Sterry auch betrunken eingesungen haben könnte, meint man es mit einem Audio-Beitrag von der Postillon-Seite zu tun zu haben. Ein düsterer Industrial-Brei, der verzweifelt Nine Inch Nails-Wucht erzeugen will, von dem aber eigentlich nur Drummer Mark Heaneys sinnlose Fills in Erinnerung bleiben. Vom unfassbar gelangweilten Beitrag des neuen Sängers mal ganz abgesehen. Doch im Vergleich zu allem Kommenden ist der Opener noch eine Lehrstunde in Sachen Subtilität.

Alison Mosshart macht im moderat rockenden "Broken Talk" schlicht gute Miene zum bösen Spiel. Leidenschaft klingt aber gerade bei ihr ganz anders. In "England's In My Bones" ist sie dann voll da, wie ohnehin der ganze Song klingt, als habe man ihn um ihre Gesangsmelodie herum geschrieben. Zu unser aller Wohlgefallen verzichtet Gill hier auch auf seine liebgewonnenen Fünftklässler-Soundeffekte, wodurch man fast schon von einem Album-Highlight sprechen kann - sagen wir Teelicht.

Grönemeyers neuester Englisch-Exkurs in "The Dying Rays" fügt sich nahtlos ins ziellose Gesamtpaket ein: Eine pathetische Elektro-Ballade mit Allerweltsrefrain, wie sie Grönemeyer selbst gerne mal unterläuft. Die deutsche Version "Staubkorn" folgt irritierenderweise am Ende der Platte, als müsste die raumgreifende Ideenlosigkeit dieses Nonsens-Projekts noch untermauert werden.

In "Graven Image" erwischt Drummer Heaney mal halbwegs einen Groove, auch die minimalistisch arrangierte Strophe verheißt noch Gutes, bevor erneut der übliche Soundmüll lospoltert und wieder mal ein achtfach gedoppelter, ins Nirgendwo eiernde Refrain einsetzt. Von dem schwer zu ertragenden Effekte-Gezwirbel ganz zu schweigen. Nur "Obey The Ghost" schafft es, die völlig überfrachtete Emo-Veranstaltung noch zu toppen. Dagegen klingen die letzten zwei Muse-Alben wie in sich gekehrte Lo-Fi-Produktionen.

"What Happens Next" als Fragestellung klingt daher wie eine ernsthafte Drohung. Der als Produzent nach wie vor erfolgreiche Andy Gill sollte den berühmten Bandnamen lieber ad acta legen anstatt auf entwürdigende Weise den Fred Durst des Postpunk zu geben.

"Es bleibt nur Staub", singt Herbert Grönemeyer zum Schluss. Damit trifft er einen Punkt: "What Happens Next" dürfte diesen recht schnell in Plattenläden rund um die Welt ansetzen. Ich blase ihn lieber einmal im Jahr von meiner "Entertainment"-Platte runter.

Trackliste

  1. 1. Where The Nightingale Sings
  2. 2. Broken Talk
  3. 3. Isle of Dogs
  4. 4. England's In My Bones
  5. 5. Dying Rays
  6. 6. Obey The Ghost Of The Colony
  7. 7. First World Citizen
  8. 8. Stranded
  9. 9. Graven Image
  10. 10. Dead Souls
  11. 11. Staubkorn

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