laut.de-Kritik

In Berlin ist ein Rap-Poet am Werk!

Review von

Zugegeben: Mit Galla haben wir nicht mehr wirklich gerechnet, nachdem sich die RAG nach dem Erfolg ihres zweiten Albums "P.O.T.T.ential" in eine "künstlerische Pause" verabschiedet hat. Was für eine Fehleinschätzung! Galla ist da, scharfsichtig und wortgewandt wie eh und je, gelassen und gereift wie nie zuvor.

Der Umzug nach Berlin hat dem Ruhrpott-Kind unüberhörbar gut getan. Dass er in Kreuzberg an den türkischen Hardcorerapper Fuat geriet, erweist sich als Segen: Es ist Fuat, der Galla ins Studio schleppt, und dessen Produzent Volkan, der Gallas Solostücke aufnimmt. Die Produktion von "Swing Kid" liegt größtenteils in den Händen von Illfaded Tre, der bereits für Brothers Keepers an den Reglern saß - und sie kann nur als durchweg gelungen angesehen werden. Satte, pumpende Beats treffen auf ausgetüftelte, trotzdem selten überfrachtete Instumentals; "V.I.P." und, noch besser, "Ich Brauche" geben veritable Kopfnicker-Tracks ab. Cutten kann Illfaded Tre ohne Zweifel auch; wer's nicht glaubt, der höre "Das Treffen" oder "Hollywood Hightech". "Wort drauf"!

"Swing Kid"s wahrer Reichtum liegt allerdings in Gallas Texten. Halleluja, es geht doch! Endlich wieder ein deutsches Rap-Album, bei dem es einem nicht den Stift aus der Hand schlägt, schreibt man von "Lyrics". Hier ist ein Poet am Werk, der in der Lage ist, die unzähligen kleinen Geschichten im täglichen Leben zu erkennen, herauszufiltern und ansprechend und technisch einwandfrei zu präsentieren. "So viele Stories gibt es zu erwähnen, so viele Stories weit weg von jedem Fame, von denen, die wissen, wie es ist, auf einem Bein zu stehen. Du musst nur hinhören, hinsehen sie erzählen" heißt es in "Holzfiguren und Leierkästen", einem ausgesprochen philosophischen Track. Die türkische Sängerin Sen schafft einen angemessen theatralischen Hintergrund, wohingegen man sich den überflüssigen Einsatz von Ex-Letzte Instanz-Mitglied Sebastian Lohse gerne erspart hätte.

Für insgesamt weniger gelungen halte ich einzig "Mama". Obwohl die Produktion stimmt, "Mama" liefert einen satten Reggae-Tune, der im Grunde nichts zu wünschen übrig lässt, nölt Jah Sesco doch eher nervtötend seinen Text daher; gut, dass hiermit gleich zwei Dinge abgehakt werden, ohne die ein Hip Hop-Album derzeit nicht auszukommen scheint: der obligatorische Reggae-Song und das Liebeslied an die Mütter der Welt im Allgemeinen und die eigene Mama im Besonderen.

Galla ist ein Dichter, der sich nicht scheut, Einblicke in seine Gedanken- und Gefühlswelt zuzulassen. Nur leicht melancholische Pianoklänge unterlegen "Türkischer Honig", eine nachdenkliche Nummer über die - gerade in Kreuzberg täglich präsente - Kluft zwischen den Kulturen. Ayaz Kapli sorgt mit türkisch gesungenem Refrain für orientalisches Flair. Eine derart gelungene Verbindung von Musikalität und Poesie habe ich in den letzten Jahren nur bei Curse gehört, an dessen Wortgewalt Galla durchaus heran reicht. "Ich muss auf Löschblätter schreiben, so heiß brennt's auf meiner Seele."

In "Der Siedler" reflektiert Galla seine eigene Situation, "von einem, der wegging und aufblühte wie Flieder", er "ging, um zu hören wie ich kling, wenn ich alleine bin". Keine Sorge, Galla: Klingt toll. Ich hab auch nur ganz kurz an Jan Eißfeldt, den näselnden Deutschrapper Nummer eins, denken müssen, als ich die Stimme wieder hörte. So lange Galla nicht versucht zu singen: kein Problem. Tracks, bei denen der Refrain eher gesungen als gerappt ist, etwa "V.I.P." oder "Wort drauf", offenbaren da doch erhebliche Schwächen.

Gegen die Raps ist allerdings nichts, aber auch gar nichts einzuwenden - weswegen der alte Ruhrpott-Hase auch nicht nötig hat, andere schlecht zu machen. Er kann es einfach besser, und Kings schreiben sich sowieso ihre eigenen Kronjuwelen. Statt dessen setzt Galla in "Das Treffen" lieber einen Gruß an die Breaker, Writer und DJs dieser Welt ab - da wird Hip Hop-Kultur noch als Ganzes begriffen. Wer einen weiteren Anspieltipp braucht, behelfe sich mit "Mein Schatz", eine überaus gelungene Kollabo mit Flowin Immo.

"Keiner braucht Rap, der klingt, wie das letzte Gnadenbrot."
Ganz recht.

Trackliste

  1. 1. G.A.L.L.A
  2. 2. Der Siedler
  3. 3. V.I.P. Feat. Ono
  4. 4. Türkischer Honig Feat. Ayaz Kapli
  5. 5. Ich Brauch
  6. 6. Holzfiguren Und Leierkästen Feat. Sebastian Lohse Und Sen
  7. 7. Hollywood Hightech
  8. 8. Mama Feat. Jah Sesco
  9. 9. Wort Drauf
  10. 10. Mein Schatz Feat. Flowin Immo
  11. 11. Das Treffen
  12. 12. Götterboten Feat. Susan Chanell
  13. 13. Türkischer Honig (Kraanz RMX)
  14. 14. Türkischer Honig (Volkan RMX)

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