laut.de-Kritik

Kalt lässt diese Doku des Grauens niemanden.

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Groveton, New Hampshire, in den späten 50ern: Der Mann, der im schummrigen Keller seiner stromlosen Bruchbude Gräber für die gesamte Familie aushebt, glaubt, Herr über Leben und Tod seiner Familie zu sein. Merle Colbin Allin sr. ist ein fanatisch religiöser Soziopath, der seine Kinder von der Außenwelt abschirmt, während Gewalt und Missbrauch an der Tagesordnung sind. Einen Sohn - von dem Gott ihm verkündet habe, er sei auserwählt - tauft er tatsächlich Jesus Christ; Spitzname "Jeje". Dieser GG Allin wird später als Antichrist, meistgehasster und verachteter Mann in die Musikgeschichte eingehen. Das hatte Allin sr. sich sicher anders vorstellt.

Die Doku "Gehasst Extrem - der meist gehasste Mann des Punk" von Todd Phillips ("Hangover", "War Dogs") gibt Aufschluss über das Phänomen GG Allin. War er ein großer Erneuerer und Messias des Rock oder lediglich ein polymorph perverser Psychopath? Todd Phillips macht in seiner bereits 1993 entstandenen Reportage, die nun als DVD erscheint, alles richtig und überlässt die Antwort dem Zuschauer.

Das ist nicht leicht und verdient höchste Anerkennung. Denn egal wie man zu GG Allins Wirken stehen mag: Kalt lässt diese Doku des Grauens niemanden. Man schwankt von Minute zu Minute zwischen Mitleid mit und Zorn auf diesen Mann, während man sich simultan des Ekels und Abscheus erwehrt.

Eines jedoch steht fest und kommt angemessen deutlich zum Ausdruck: Wenn Green Day und ihre Brut das harmlos-poppige Ufer des Punk sind, so befindet Allin sich am ganz anderen Ende der Nahrungskette. Sein erklärtes Ziel: "Den Rock'n'Roll wieder so gefährlich machen, wie er sein muss!".

Er verletzte sich auf der Bühne gern selbst, griff das Publikum an, entleerte sich, bewarf die Zuschauer mit Kot, aß seine Exkremente, die er teils mit eigenen Blut vermischte und tickte komplett ab. Mag dies alles für tolerante Geister noch als Exzentrik und Eigenwilligkeit durchgehen - die Doku macht aus dem Kuriositätenkabinett schnell reinen Horror. Im Regal gehört diese DVD weniger in Richtung Marilyn Manson platziert. Eher in der Nähe von Charles Manson.

Denn Allin sorgt selbst dafür, dass man es so schwer hat, hier zwischen Kunst und Künstler zu trennen. Er propagiert in seinen Songs Nihilismus, Rassismus, Vergewaltigung und obsessive Gewalt. Parallel lebt er vieles davon aus. So wird er unter anderem wegen unsittlicher Entblößung vor Kindern verurteilt und macht dazu ein Stück namens "Expose Yourself To Kids." Er wurde zu Lebzeiten über 50 mal verhaftet. Unrühmlicher Höhepunkt ist eine 15-monatige Haftstrafe wegen Kidnapping, Vergewaltigung und Misshandung einer Frau, was er allerdings stets bestritten hat. Im Knast schrieb er sein philosophisches Bekenntnis, das GG Allin-Manifesto.

Es passiert mithin überfordernd viel in dieser knappen Filmstunde. Man bleibt ratlos zurück. Allin selbst sah Teile des Films wenige Tage vor seinem Tod. Das Ende erblickte er nie. Er musste vor der Polizei fliehen, weil er während der Vorstellung eine Besucherin mit seiner Bierflasche verletzt hatte.

Trackliste

  1. 1. Documentary

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