laut.de-Kritik

Angriff auf die Gute-Laune-Diktatur.

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"Waldbrand", "Stechpalmenwald" oder "Graue Luft": Schon die Songtitel auf dem zweiten Album der Münchener Post-Punk-Band Friends Of Gas klingen garstig und nach ständigem Angriff der Natur auf den Menschen. Bleischwere Musik machte bereits den Reiz des Vorgängers aus, mit dem zweiten Album und Olaf Opal regiert endgültig die Gravitation.

"Olaf hat eine dunkle Seite", verriet Patrick Wagner im Gewalt-Interview. Wie Recht er doch behält. So viel sei schon jetzt verraten: Zusammen mit den Münchener hat er einen düsteren Monolithen erschaffen, der noch lange seinen gewalt(ät)igen Schatten auf das Musikjahr legen wird.

Angriffe auf die Gute-Laune-Diktatur der deutschen Poplandschaft gab es zuvor genug. Die Nerven beschworen sogar "Explosionen", genützt hat es anscheinend nie viel. Die Grundpfeiler aus maximaler Vereinfachung und Fake-Emotionen bleiben auch 2020 überraschend stabil in der hiesigen Musiklandschaft verankert. Dennoch muss die Revolution weitergehen: mit massiven Bass-Läufen, mit heiserer Wut der Sängerin Nina Walser und unbarmherzigen Drone-Rock, der den Hörer stets vor sich her treibt.

Das Wort "Waldbrand" assoziiert verbrannte Erde. Genau die bleibt nach der Noise-Attacke auf weichgespülte Hörgewohnheiten übrig, und doch ist dort im Orkan ein kurzer Moment der Ruhe. "Inhalieren/Exhalieren", singt Nina in einem Mantra, das an Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten erinnert. Eine letzte Warnung, das letzte Schnappen nach Sauerstoff, kurz bevor der Ascheregen niedergeht.

"Graue Luft" hebt die Intensität weiter. Über Minuten steigert sich die Sängerin so in die nervöse Atmosphäre den Songs hinein, bis man bei der ständigen Wiederholung des Wortes "Schwindel" selbigen verspürt. Eine Panikattacke von einem Song, die Schmerzen im Trommelfell verursacht und die Erinnerungen an die Zeit zurückbringt, in der die Queens Of The Stone Age noch gefährlichen Rock produzierten.

Woher kommt eigentlich das wunderschön-brutale Wort "Stechpalmenwald"? Eine Recherche führt zum österreichischen Schriftsteller Peter Stephan Jungk und seinem Werk "Stechpalmenwald – zwölf Drehbuch-Szenen aus der brüchigen Wirklichkeit Hollywoods". Passt! Auf "Kein Wetter" herrscht der ständige Abbruch, der Einsturz einer bisherigen (Schein)-Ordnung und der Zerfall eines Systems.

So endet der finale Song "Selber Keine" nicht in einem versöhnlichen Abschluss. All die brodelnde Wut, der sengende Hass baut sich noch einmal zu einem Monstrum auf, das im Gitarreneffekt-Gewitter endgültig alles dem Erdboden gleichmacht. Krautrock im Nervenzusammenbruch. Dieses bittere Gefühl, dass hier irgendwas nicht mehr stimmt, brodelte schon lange, endlich existiert es nun auch auf Albumlänge.

Trackliste

  1. 1. Waldbrand
  2. 2. Schrumpfen
  3. 3. Blaiberg
  4. 4. Graue Luft
  5. 5. Felder
  6. 6. Stechpalmenwald
  7. 7. Abwasser
  8. 8. Teilchen
  9. 9. Im Bad
  10. 10. Selber Keine

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