laut.de-Kritik

Heilbad-Ode mit Anästhesie-Garantie - supergeil?

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Vor knapp einem halben Jahr ergötzte sich ein graubärtiger Berliner Lebemann an Produkten einer nicht ganz unbekannten Supermarkt-Kette. H-Milch, marinierter Dorsch, Limo mit Zitronen-Aroma: alles "supergeil".
Plötzlich schwangen Millionen Einkaufswütige vor den Lebensmittel-Kassen die Hüften. Für Friedrich Liechtenstein, den Hauptdarsteller des Werbe-Clips, begann im Anschluss an die Veröffentlichung des munteren Werbefilmchens eine regelrechte Schulterklopf-Tortur.

Sechs Monate später holt der gelernte Puppenspieler und Volksbühne-Schauspieler nun zum Gegenschlag aus: "Der nächste Job ist, das wieder loszuwerden", sagte der Hauptstädter bereits im Frühjahr. "Wär' schon schön, wenn noch etwas anderes kommt als 'Sag' mal supergeil!'"

Wie nicht anders zu erwarten stand, soll es die Musik richten. Ein bisschen Business-Erfahrung sammelte der selbsternannte Eremit in der Vergangenheit ja bereits: Seit 2004 hat er immerhin zwei Alben veröffentlicht. Mit "Bad Gastein" strebt der geheimnisvolle Berlin-Mitte-Flaneur nun den künstlerischen Befreiungsschlag an.

Natürlich wird die vom Berliner Produzententeam Heavylistening aufbereitete Easy-Listening-Dance-Klang-Kollage hier und da für kurzfristiges Aufsehen sorgen. Der "Supergeil"-Schuh ist schließlich noch nicht komplett ausgelatscht. Dass sich der Name Friedrich Liechtenstein allerdings über einen längeren Zeitraum in der Klingklang-Branche behauptet, darf man getrost bezweifeln. Zu plump und monoton vorgetragen, unterliegt das Album einem Wartezimmer-Soundtrack-Konzept mit Anästhesie-Garantie.

In Zeiten von Bits, Bytes und Huschihuschi eher auf schlurfende Kurort-Pferde zu setzen, ist ja eigentlich kein verkehrter Ansatz, wenn man, wie Liechtenstein, mit Sonnenbrille, schniekem Zweiteiler und Sorglos-Miene durchs Leben schwebt. Ähnlich chillig spazierte einst auch Manfred Lehman, besser bekannt als die deutsche Synchronstimme von Bruce Willis, mit einer Tube Sonnenschutz durch die Aftershow-Katakomben der High Society. Das besaß Charme und Witz. Liechtensteins Heilbad-Ode hingegen bietet nur wenig Amüsantes.

Einzelne Songs herauszufiltern macht nur wenig Sinn. Titel wie "Goldberg & Hirsch", "Das Badeschloss" oder "Elevator Girl" präsentieren sich lediglich als brüchige Stufen einer maroden Treppe, die man weder hoch- noch runterlaufen möchte.

Ein paar süffige Italo-Verse, vorgetragen von einer lasziven Frauenstimme, machen den Anfang. Liechtensteins sonores Organ steigt erst nach fünf Minuten ein. Von da an schwelgt der Hauptverantwortliche in kitschigen imaginären Sissi- und Kaiser Wilhelm-Erinnerungen. Dabei versucht er sich wahlweise als Pseudo-Crooner, Teleprompter-Champ oder Flüsterbarde.

Liechtensteins wirre Antik-Einwürfe unterlegen neuzeitliche Easy Listening-Beats, subtile Effekt-Einschübe und durchgehend einschläfernde Synthie- und Streicherflächen. Nach gut fünfundvierzig Minuten wandern Dutzende stolze Schimmel mitsamt Glöckchen, Tütü und ihren schneeweißen Kutschen wieder zurück in ihre Stallungen. Zurück bleiben jede Menge Pferdeäpfel und ein Protagonist, der augenzwinkernd und lächelnd sein Heimreiseticket löst. Armes Berlin. Supergeil? Nicht wirklich.

Trackliste

  1. 1. Die Auffindung Des Wildbades Gastein
  2. 2. Goldberg & Hirsch
  3. 3. Das Badeschloss
  4. 4. Elevator Girl
  5. 5. Kommissar D'Amour
  6. 6. Belgique, Belgique
  7. 7. Das Zimmer
  8. 8. (They Long To Be) Close To You
  9. 9. We Have All The Time In The World
  10. 10. Take It With Me

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