laut.de-Kritik

Die ehemalige Indie-Sensation erfindet sich komplett neu.

Review von

Die Pandemie als das Ende des Kulturbetriebes, wie wir ihn kannten. Die Pandemie als Befreier von Verpflichtungen und Wegbereiter für künstlerische Freiheit in den eigenen vier Wänden. Fotos-Sänger Tom Hessler ließ diese Möglichkeit der Selbstentfaltung jedenfalls nicht ungenutzt und produzierte praktisch in Eigenregie das fünfte Album der Band, die zu Zeiten ihres 00er-Jahre-Debüts als Maximo-Park-Kopie verkauft wurde, um dann doch lieber abseits des Mainstreams den eigenen Sound-Vision zu folgen.

Der Weg führte sie immer weiter weg von flirrenden Indie-Hits wie "Giganten" und stieß Fans vor den Kopf, die für ihre Studenten-Fete die immer gleichen musterhaften Songs zwischen Wir sind Helden und den nächsten Joy Division-Epigonen suchten. Doch anstatt krampfhaft an diesem Muster festzuhalten, erschuf sich die Band eine Nische, in der nun alles möglich scheint.

Space-Rock mit über elf Minuten Spiellänge wie "Silberne Maschine" erschaffen nur Musiker, die auf Erwartungshaltung und Druck nichts mehr geben. Den Krautrock-Klang von Can oder Neu! brachten gewisse Redakteure im Interview (ja, ich rede von mir) schon ins Spiel, doch viel mehr verortet Tom Hessler dieses Abdriften in psychedelische Sphären bei seinen Idolen von Spacemen 3, deren Chef Jason Pierce später mit Spiritualized auf dem Klassiker "Ladies and Gentlemen. We’Are Floating In Space" die Blaupause für modernen Psychedelic-Sound vorlegte. Im fernen Weltall schwebt auch dieses Lied, dessen synthetischer Modular-Sound nach einem Flug der Voyager außerhalb unseres Sonnensystems klingt. "Etwas Großes wird passieren", singt Hessler schon komplett entrückt und zeichnet die Flugbahn einer Band nach, die in ihrem Fluggefährt dem irdischen Standard-Pop entgleitet.

Mutig ist das und ganz sicher nicht typisch deutsch für unsere formelverliebte Musiklandschaft. "Rauschen" dringt noch weiter in diese psychedelische Galaxie ein. Ein pumpender Folktronic-Song, der selbst zaghafte Fotos-Hörer der allerersten Stunde mit auf diese Reise nimmt, für die das Rauschen im Hintergrund erst ein fremder, letztlich aber ein treuer Begleiter wird. Perfekte Gamma-Bestrahlung im trippigen Krautrock, respektive Shoegaze-Kosmos.

Auch "Nachtschattenglühen" stellt die Sonnensegel weit auf Psychedelica-Empfang. Erinnerungen an die seligen Witthüser & Westrupp und ihren verkifften Siebziger-Anarcho-Folk werden wach. In dem verspultesten Fotos-Song ever werden glühende Aale und singende Wale beschrieben. Nach dem Abgesang auf Mainstream-freundlichen Sound auch noch die Verweigerung gegenüber der neuen deutschen Gefühligkeit mit ihrer wichtigtuerischen Ernsthaftigkeit. Macht euch locker und inhaliert mal diesen Zug Verspultheit! Hätte den Vorteil, dass man für ein paar Sekunden keine wimmernden Feuerwerk-Jungbarden mehr ertragen muss.

"Auf zur Illumination" belegt, wie viel in der deutschen Musiklandschaft möglich wäre, wenn nicht die ständig gleichen Presets für diverse Studio-Auftragsarbeiten benutzt oder dem immer gleichen Gröl-Punk gefrönt würde. Angesichts dieser unerträglichen Monotonie sind Songs wie "Ausflug" oder das tolle "Meise" ein Segen. In letzterem wird noch einmal der eigene Standpunkt dargestellt: "Lieber verglühen als verrosten". Die Umlaufbahn ist nun verlassen, mögen die Fotos noch lange und zufrieden solche Alben veröffentlichen.

Trackliste

  1. 1. Rauschen
  2. 2. Silberne Maschine
  3. 3. Meise
  4. 4. Gegen die Wand
  5. 5. Das Verlangen
  6. 6. Auf zur Illumination
  7. 7. Ausflug
  8. 8. Nachtschattenglühen
  9. 9. Weisse Wellen

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