13. Februar 2013

"Aus London kommt eine Menge Mist"

Interview geführt von

Nach dem fulminanten Debütalbum "Antidotes" aus dem Jahr 2008 und dem nicht minder gehaltvollen Nachfolger "Total Life Forever", folgt mit "Holy Fire" endlich der dritte Streich der britischen Math-Rock-Fohlen.Knapp drei Jahre ist es her, seit die Foals mit ihrem Zweitwerk "Total Life Forever" abermals tausende Musikredaktionen in ihren Bann zogen. Seitdem ist im britischen Math-Rock-Gestüt nicht mehr viel passiert. Fans und Kenner der Band sind sogar dermaßen ausgedürstet, dass in Bezug auf das demnächst erscheinende neue Schaffen der Band schon von einem Comeback-Album gesprochen wird.

Wie schätzt das die Band selber ein? Wie sorgt man für ein druckfreies Arbeiten nach zwei bahnbrechenden Vorgänger-Werken? Und was halten die Jungs eigentlich vom aktuellen Lostprophets-Album? Es besteht Redebedarf. Wir treffen Sänger Yannis Philippakis und Gitarrist Jimmy Smith zum Gespräch in Berlin und bringen Licht ins Dunkel.

Hi, wie fühlt ihr euch vor der Veröffentlichung eures - Achtung - Comeback-Albums?

Yannis: (lacht)

Jimmy: Unglaublich, das habe ich gestern auch irgendwo gelesen.

Yannis: Wirklich?

Jimmy: Ja. Wie kommen die Leute nur auf so etwas?

Überall waren auch die Worte "endlich", "ersehnt" und "Vorfreude" zu lesen. Ich denke, dass es viele Leute einfach nicht abwarten können, bis "Holy Fire" endlich erscheint.

Jimmy: Ah, ich verstehe. Das ist ja dann ein Kompliment.

Yannis: Oh, cool. Und um deine Frage zu beantworten: Wir fühlen uns prächtig (lacht).

Es hieß auch, ihr hättet in den letzten beiden Jahren keinerlei Musik gehört.

Jimmy: Ein schlauer Mensch sagte einmal, man soll nicht alles glauben, was in der Presse steht.

Ja, da ist bestimmt was dran. Zum Glück habt ihr ja nun die Möglichkeit etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Jimmy: Dafür sind wir auch dankbar, denn wir haben definitiv Musik gehört, sogar ziemlich viel.

Yannis: Absolut. Ich habe aber auch schon von anderen Künstlern gehört, die sich regelrecht abschotten, wenn sie ein neues Projekt angehen, um sich auch ja nicht von äußeren Eindrücken beeinflussen zu lassen. Wir sind da wesentlich offener. Ich finde es auch wichtig, mich auf dem Laufenden zu halten. Außerdem kam in den letzten beiden Jahren unheimlich viel geiles Zeugs raus. Ich würde mich ziemlich ärgern, wenn ich von all dem keine Ahnung hätte.

"Wir wollten schon immer mal die Amps so richtig aufdrehen"


Welche Sounds waren denn am einflussreichsten hinsichtlich der Arbeiten an "Holy Fire"?

Yannis: Es ist schwer zu sagen, welche Klänge von außen letztlich auch irgendwie den Weg auf unser neues Album gefunden haben. Wir haben uns jetzt auch nicht bewusst mit der Frage auseinandergesetzt, was eventuell perfekt passen könnte.

Jimmy: Ich habe ziemlich viel Radiohead und Ty Segall gehört.

Yannis: Ja, die neue Ty Segall ist wirklich eine tolle Scheibe. Bei mir lief aber auch unheimlich viel Elektro-Kram zuhause und Gospel, sehr viel Gospel.

"Holy Fire" klingt meiner Meinung nach eher so, als hättet ihr ab und an ziemlich schwere und dreckige Kost gehört.

Yannis: Wir haben eigentlich ziemlich wenig harte Musik gehört, glaube ich. Aber du hast natürlich Recht in Bezug auf den Sound einzelner Songs auf dem neuen Album. Der ist teilweise schon ziemlich heavy.

Jimmy: Wir wollten schon immer mal die Amps so richtig aufdrehen (lacht).

Yannis: Ja, das stimmt. Aber irgendwie hat es auf den alten Alben nie so richtig gepasst. Diesmal haben wir den Schritt einfach gewagt, und es fühlt sich gut an.

Ihr habt zu Beginn eurer Karriere alle gemeinsam in einem Haus gelebt und gearbeitet. Vor ungefähr einem Jahr habt ihr dieses "Nest" aufgelöst. Was hat sich seit dem verändert?

Yannis: Unser Headquarter war früher wie eine schützende Burg für uns. Wir konnten uns dort quasi unter eine Glocke setzen und uns auf das Wesentliche konzentrieren. Das war eine tolle Zeit, keine Frage. Aber es engte irgendwann auch etwas ein. Für uns war der Schritt in die Freiheit sehr wichtig, vor allem hinsichtlich der musikalischen Entwicklung der Band. Einige von uns sind nach London gezogen. Dort bekommst du natürlich einen ganz anderen Input, als hier bei uns im kleinen Oxford.

Jimmy: Dennoch bezeichnen wir uns immer noch als eine Band aus Oxford. Hier ist unser eigentliches Leben. Hier arbeiten wir. Das soll auch so bleiben, denn aus London wird auch eine Menge Mist in die Welt transportiert (lacht).

Yannis: Absolut. Für die Aufnahmen waren wir ja auch alle wieder in Oxford zusammen. Wir haben uns ein kleines Studio eingerichtet und eigentlich genauso gearbeitet wie vorher auch.

Jimmy: Klein ist gut (grinst).

Yannis: Ok, das Studio ist schon ziemlich klein. Es hat in etwa die Größe dieses Hotelzimmers hier. Aber so läuft man auch nicht Gefahr, den Arbeitsplatz mit unnötigem Ballast zu füllen. Alles was drin war, wurde auch gebraucht.

"Das Business ist schon ziemlich oberflächlich und verlogen"


Gab es in punkto Studioauswahl keinen Druck von außen?

Yannis: Nein. Es mag sein, das die Leute vom Label es lieber gesehen hätten, wenn wir uns nach den beiden erfolgreichen Alben in ein glamouröses High-End-Studio eingemietet hätten. Aber für uns kam das nie in Frage.

Jimmy: Druck ist generell schlecht. Egal ob es um das Studio, die Musik oder die Außendarstellung geht. Sobald dir die Leute auf den Füßen stehen, stockt der kreative Prozess. Wir machen uns da nicht verrückt und lassen so gut es geht, alles an uns abprallen. Den einzigen Druck, den wir verspüren, ist der, den wir uns selber machen. Da kennen wir aber keine Gnade (lacht).

Aber ihr spürt schon eine gewisse Erwartungshaltung, oder?

Yannis: Ja, schon. Aber wie gesagt, die interessiert uns nicht.

Euer Keyboarder Edwin hat letzthin gesagt, dass ein produzierter Hype wie Fieber sei. Man werde krank.

Yannis: Genau. Deswegen sitzt er heute auch nicht hier (lacht).

Jimmy: Das waren seine berühmten letzten Worte.

Ihr beide fühlt euch aber rundum wohl?

Yannis: Ja, ich habe sogar das Rauchen aufgehört. Es gibt nach der Studiozeit immer zwei Phasen. Wenn die Scheibe im Kasten ist, fällt man erst einmal in ein Loch. Der ganze kreative Druck fällt ab und man weiß nicht so recht, was man mit sich selbst anfangen soll. Man ist ein bisschen orientierungslos, verstehst du?

Sobald dann aber die ganze Promoarbeit losgeht, tankt man wieder auf. Vor allem freut man sich dann über das erste Feedback. Wie finden die Leute das neue Material? Hören sie dasselbe wie ich? Oder kommt die Musik bei den Menschen ganz anders an, als bei einem selbst? Diese Phase ist unheimlich wichtig, denn sie bringt dich wieder zur Basis.

Wo du gerade von Feedback sprichst: Was haltet ihr beiden eigentlich vom neuen Lostprophets-Album?

Beide lachen.

Noch nicht gehört?

Jimmy: Das Thema ist mittlerweile durch.

Yannis: Diese ganze Twitter-Sache wurde total überbewertet. Wir (Yannis und Lee Gaze von Lostprophets, Anm. d. Red.) waren noch nie wirklich Freunde, insofern ist es mir eigentlich auch ziemlich egal, was er oder seine Band gerade treibt. Irgendwie fühlte ich mich damals dennoch genötigt auf sein Statement zu antworten. Das war aber eigentlich Kinderkacke.

Jimmy: Das Business ist schon ziemlich oberflächlich und verlogen und wenn man nicht aufpasst, landet man im selben Sumpf, wie all diejenigen, die sich darin auch noch wohl fühlen. Gerade im Rockbereich geben dir die Leute die Hand, klopfen dir auf die Schultern und drehen sich im nächsten Moment wieder um und fangen an über dich zu lästern. Das hat schon was von Spinal Tap.

Yannis: Das ist ja jetzt auch schon über zwei Jahre her. Seitdem haben sich schon längst neue Abgründe bei mir aufgetan.

Aha?

Yannis: Zum Beispiel die Arctic Monkeys (grinst).

Jimmy: Schluss, Aus, Ende: Es reicht jetzt (lacht).

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