laut.de-Kritik

Ein sowohl poetisches als auch berauschendes Fest für die Sinne.

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Aus dem Nichts erklingt ein einsamer Gitarrenton, der langsam in eine reduzierte Jam-Session übergleitet, während im Hintergrund fast unmerklich verschiedene Streichinstrumente eine flirrende Stimmung erzeugen. Darüber legt Finian Greenall seine mantraartigen Natur-Beschwörungen. Irgendwann ab Minute Drei kommt dann eine arabische Kamantsche dazu, nur damit sich kurze Zeit später die Struktur wieder im Ungreifbaren verliert. Fast schon verloren gleitet der Gesang in einen bedrohlichen kammermusikalischen Part über, der nur darauf wartet, sich zu entladen.

Und tatsächlich lassen ab Minute Sechs polyrhythmische Schlagzeug-Klänge jegliche Bedrohlichkeit zuvor vergessen. Es gesellen sich tänzelnde Violinen und kreisende Elektronik-Sounds dazu, die in den herrlichsten Farben erstrahlen und Trost spenden. Der Song hat endlich sein Ziel gefunden. Er heißt "We Watch The Stars" und könnte kaum eindrucksvoller verdeutlichen, wie sehr Fink mit "Bloom Innocent" der geistigen und musikalischen Philosophie des Talk Talk-Meisterwerkes "Spirit Of Eden" nahe stehen.

Es geht dem Projekt mit seinem aktuellen Album um das Verlassen konventioneller Song-Strukturen, um die Verweigerung jeglicher Zugeständnisse gegenüber der Industrie, um den Sinn für Details, um innere Einkehr und um grenzenlose Intensität. Ebenso wie bei Mark Hollis & Co. kann man sich der meditativen Stimmung nicht entziehen, die jederzeit ins Zerbrechliche kippen könnte.

Für die zeichnete vor allem Depeche Mode- und U2-Produzent Youth aus, der schon auf dem Vorgänger "Resurgam" von 2017 hinter den Reglern saß. Der agierte sowohl als Impulsgeber als auch als Sound-Designer und verpasste dem Werk letzten Endes einen Klang, der jedem Instrument genug Luft zum Atmen ließ. Mit Greenall, der sich bei den Arbeiten in seiner Wahlheimat Berlin so tief in die Idee des Studios als Instrument und des Albums als Artwork vertiefte, verband ihn seit jeher eine Faszination für außergewöhnliche Stimmungen.

Für die sorgte vor allem der Multi-Instrumentalist Tomer Moked, der nicht nur Streicher- und Piano-Arrangements beisteuerte, sondern auch arabische Einflüsse mit einbrachte. Am Ende ergibt das ein genauso poetisches wie berauschendes Fest für die Sinne.

Drummer und Perkussionisten Nicky Hustinx darf man auch nicht unerwähnt lassen. Der drückt nicht nur "We Watch The Stars" seinen besonderen Stempel auf. Auch in "I Just Want A Yes" fügt er gegen Ende der minimalistischen Struktur mit seinem wirbelnden und jazzigen Spiel etwas äußerst Lebhaftes und Farbenfrohes hinzu. Ansonsten herrscht überwiegend ein schwerer Grundton vor, singt Greenall doch oftmals mit brüchiger Stimme vom Verlust der Liebe und vom Hadern mit dem Glauben.

"Once You Get A Taste" kehrt mit standhaften Schlagzeug- und erdigen E-Gitarren-Klängen von Tim Thornton zur bluesigen Ausrichtung früherer Alben zurück. Dazu schraubt sich der soulige Gesang, begleitet von unheilschwangeren Background-Chören, immer wieder verletzlich in die Höhe. Ein ähnliches Bild gibt "Out Loud" ab, das ein knochentrockener Rhythmus in bester Tom Waits-Manier vorantreibt, unterstützt von nachdenklicher Piano-Arbeit und dunklen Cello-Tönen, die von Johanna Stein stammen.

"That's How I See You Now" fällt dagegen vergleichsweise sphärisch aus. Trotzdem schwingt durch die dronigen Saiten-Sounds immer etwas Beunruhigendes mit. "Rocking Chair" besteht lediglich aus einem statischen Ambient-Gerüst, auf das Brian Eno stolz wäre, durchkreuzt von dissonanten Streichern im Scott Walker-Stil und dezenten Loops, während Greenall passiv in seinem Schaukelstuhl verharrt: "Rainy days, rainy days make me sit back in my rocking chair." Kurz vor Schluss kippt die lyrische Stimmung ins Trostlose. Es heißt: "The sun will come back, you won't come back."

Da muten die sanften Liebes-Meditationen, die "Bloom Innocent" umranden, umso gefühlsbetonter an. Der Titeltrack malt mit sanftem Klavier, cineastischen Streichern, warmen Trip Hop-Beats und rotiererenden Elektronik-Schleifen das Bild vom unbeschwerten Beginn einer Liebe, als der tägliche Beziehungsalltag noch nicht das Gefühl des Verliebtseins trübt. Dazu streut Greenall, dessen Organ zum Teil verfremdet daherkommt, in bester R'n'B-Manier hier und da ein paar schmachtende Oh-Ohs ein.

In "My Love's Already There" benötigt er nur wenige Worte, um möglichst viele Emotionen zu transportieren: "Baby, don't you cry / I'll get there just as soon as I physically can / Baby, don't you lose your grip / My love's already there." Dabei kuschelt sich seine fragile Stimme zu verhalltem Piano unter Hinzunahme unauffälliger klanglicher Nuancen ganz nah ans Ohr. Am Ende bleibt nicht nur der wohl schönste Song, den James Blake nie geschrieben hat, sondern auch ein exzellentes Album, das mit nur wenigen Mitteln eine umso größere Magie entfaltet.

Trackliste

  1. 1. Bloom Innocent
  2. 2. We Watch The Stars
  3. 3. Once You Get A Taste
  4. 4. Out Loud
  5. 5. That's How I See You Now
  6. 6. I Just Want A Yes
  7. 7. Rocking Chair
  8. 8. My Love's Already There

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2 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    we watch the stars gefällt mir sehr. beste herbstmusik. danke toni!

  • Vor 11 Monaten

    Musik für Musiker, so würde ich das Album beschreiben. Poetisch ja, anspruchsvoll sowieso. Aber auch irgendwie anstrengend. So sind die Lieder häufig Ausdruck von Musikalität und präsentieren Hochleistung am Instrument statt Unterhaltung für den Hörer. Nicht schlecht, aber für mich so nicht angenehm zu hören. Das erste Lied war interessant, das zweite anstrengend und nach dem dritten Lied musste ich eine Pause einlegen. Kann man mögen, muss man aber nicht.