laut.de-Kritik

Unterbietet jede Deine-Mudder-Line von Farid Bang.

Review von

Vor nicht einmal zwei Jahren blickte Ferris MC im Interview zurück: "Früher", sinnierte er da, gab es das wüste Gegeneinander innerhalb der Rap-Szene nicht. "Wir haben uns nicht gegenseitig zerfleischt, sondern unterstützt." Früher war besser. Damals, als die Gummistiefel noch aus Holz waren, die Rapper solidarisch untereinander und Ferris lange der einzige auf weiter Flur, dem ich die plakativ vor sich her getragene Underdog-Attitüde voll und ganz abgekauft habe.

Yesterday's gone, und das schon seit 2006, als Ferris MC seinen Abschiedsbrief auf den Tresen rotzte. Ach, hätte er es doch nur dabei bewenden lassen und sein Brot weiterhin als Schauspieler oder meinetwegen in den Reihen von Deichkind verdient. Die (Nacht-) Mär vom Reimemonster im Zeichen des Freaks, sie wäre heute größer als Gott. Stattdessen machte er es - in diesem speziellen Fall wirklich kein Kompliment - wie Falco mit dem schlimmen "Jeanny"-Sequel "Coming Home": Er reißt seine kunstvoll konstruierte düstere Legende mit dem Arsch ein.

Das hat eigentlich schon das maue Comeback "Glück Ohne Scherben" erledigt. Doch nun schlägt der "Asilant" auch dem allerletzten Fangirl die rosarote Nostalgiebrille von der Nase, tritt sie in den Dreck und fährt dann noch zweimal mit dem Bulldozer drüber. "Lange her, dass ich ausgeteilt hab'", zeigt gleich der eröffnende Titeltrack, wohin der alte Hase diesmal rennt: kopflos, ohne einen einzigen Hakenschlag, auf Konfrontationskurs mit allen und jedem in der hiesigen Hip Hop-Landschaft.

"Ich töte meine Feinde mit purer Ignoranz." Schön wärs gewesen. Von Größe, Überlegenheit, möglicherweise sogar von Altersweisheit hätte es gezeugt. Statt sie zu ignorieren und irgendetwas besser zu machen, erschöpft sich Ferris MC darin, die Konkurrenz zu schmähen - und das so langweilig, dass es eigentlich verboten gehörte: als Kinder, Fitnessjunkies, verbogene Konsumhuren, Blogger, YouTube-Fotzen, Studentenrapper, Hurensöhne, Ficker, Pussys, Behinderte, Schwule, Schwanzlutscher, "Schafe Im Wolfspelz", allesamt peinlich, diese eierlosen Fotzen. Öh, ja.

"Ich hab' mich nicht um meine Hater gekümmert", behauptet er in "R.I.P. Hater", dabei tut er ein ganzes Album lang nichts anderes. Gnade vor seinen Augen findet einzig Sitcom-Partner Eko Fresh, mit dem zusammen Ferris "Welcome 2 The Jungle" heißt. Bloß, dass es im Urwald dieser beiden Veteranen nichts, aber auch gar nichts Originelles, Kreatives oder auch nur halbwegs auf der Höhe der Zeit Befindliches zu entdecken gibt. Ferris' Stimme: immer noch speziell. Aber sonst? Null Inhalt, vorgetragen im Flow von vorgestern über Produktionen von gestern. Aus "Weißes Gold" knarzt tatsächlich Dubstep. Den haben inzwischen ja sogar die Createurs d'Automobil-Werbespots wieder zu den Akten gelegt.

Passt aber bestens zu "Asilant": Das Album entpuppt sich sich als eine erschreckende Demonstration völliger Abgehängtheit. Das Gefühl, das mich während der kompletten Spieldauer im Würgegriff hält, kenn' ich gut - aus vielen, vielen Jahren des zweifelhaften Genusses von "Deutschland sucht den Superstar". Wenn sich dort selbstwahrnehmungsgestörte Jugendliche zum Horst machen, wie oft hab' ich mich da gefragt: Hat dieser Mensch keine Familie, keine Freunde, die ihn vor dieser öffentlichen Selbstdemontage bewahren, ihm die Blamage ersparen könnten?

Ferris fehlt entweder ein funktionierendes soziales Netz (was ich traurig fände). Oder er scheißt auf jeden wohlmeinenden Rat, dann ist ihm wirklich gar nicht mehr zu helfen. Sein "Mortal Comeback" wirkt jedenfalls wie ein einziges, recht verzweifeltes Selbstmordkommando. "Wie Phoenix aus dem Aschenbecher" will Ferris steigen. Vielleicht hat er sich dort den ranzigen Geruch eingefangen, der "Asilant" umwabert.

"Ich bin anders als die anderen anders sind." Stimmt leider. Andere haben Spaß an dem, das sie tun. Feuer. Hunger. Wenigstens ein bisschen Selbstironie. Etwas zu sagen. Keine Spur von alledem hier. Ferris zitiert sich unentwegt selbst, am enthemmtesten in "Lifestyle Kamikaze", wo er seine eigenen Zeilen aus "Nie Nett" vom Beginner-Meilenstein "Bambule" auf meinen Deichkind-Hasstrack Nummer eins, "Remmidemmi", treffen lässt. Doch selbst den wünsch' ich mir zurück, gerne auch mit dem zwanzigsten Rückgriff auf vordem errungene Lorbeeren.

Neue wird Ferris so schnell nicht ernten, jedenfalls nicht so: "Alle euren krassen Rapper waren früher Klassensprecher." "Klassensprecher", aua, das birgt ja eine ähnlich vernichtende Beschimpfung wie "Studentenrapper". "Rap ist keine Wissenschaft. Ich sag' euch mal, was Wissen schafft." Ich bin ehrlich gespannt. "Euer Rap ist eine Schwuchtel, denn er hat immer Schicht im Schacht." Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Öh, ja.

"Ihr wollt Beef? Hier, lutscht den Penis, dann habt ihr was im Kopf wie dumme Mädchen." Von derlei Beleidigungen fühle ich mich langsam tatsächlich beleidigt: Wie lahm und ausgelutscht gehts denn bitte noch? Die größte künstlerische Leistung auf dieser Platte steckt tatsächlich darin, einen ganzen Track mit "Deine Mudder"-Witzen zu füllen, und verdammtnochmal jeder einzelne davon unterbietet jede grottige Deine-Mudder-Line, die Farid Bang jemals in die Welt hustete.

"Euer Sound ist für die Pubertät, niemals für den Knast." An wen sich "Asilant" richten soll, bleibt mir komplett verborgen. Jüngeren Rapfans geht Ferris MC bestenfalls am Arsch vorbei, so sie ihn überhaupt noch kennen. Wer wollte es ihnen verdenken? Für den alten Mann, der unentwegt aus dem Fenster zetert, entwickelt man halt übersichtlich viel Interesse und kaum Sympathie.

Die Fans von früher halten vielleicht noch den angestaubten Vortrag aus. Vielleicht nehmen sie sogar die gähnende Inhaltsleere hin. Die völlige Bocklosigkeit, die aus jeder Zeile von "Asilant" springt, kann doch aber wirklich niemand ertragen. "Hate is' wohl das neue love, Digga": Ja, scheint so. Ferris jedenfalls liefert kein Argument dagegen. Aber was weiß ich schon? Ich bin ja nur neidisch: "Alles gescheiterte Künstler, diese Kritiker." Willkommen in der Ära Trump.

Trackliste

  1. 1. Asilant
  2. 2. Mortal Comeback
  3. 3. Unkaputtbar
  4. 4. Die Rückkehr Der Studentenrapper
  5. 5. Die Jagdsaison
  6. 6. Schafe Im Wolfspelz
  7. 7. Digga
  8. 8. Lifestyle Kamikaze
  9. 9. Weißes Gold
  10. 10. Welcome 2 The Jungle feat. Eko Fresh
  11. 11. Hurensohn In Perfektion
  12. 12. R.I.P. Hater
  13. 13. Deine Mudda
  14. 14. Wie Ne Fotze feat. Pedaz

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21 Kommentare mit 58 Antworten

  • Vor einem Jahr

    ...und der lautuser jubelt!

    • Vor einem Jahr

      Geht... glaube nicht, dass ich da reinhören werde, war nie Ferris-Fan.

      Aber mit Sicherheit besser als 99% der immergleichen sonstigen Deutschraprotze a la Eno und Co.

  • Vor einem Jahr

    Hehe, da brauch's für mich auch keine pöbelnden Szene-Kommentare mehr, wenn Dani den Ferris hier so galant wie wortgewandt abfrühstückt :D

    ...aber Lorbeeren hat der sich in meinen Augen künstlerisch/musikalisch auch keine verdient, als er vielleicht wirklich noch der "einzige" echte Underdog im D-Rap-Bizz war.
    Nur zur Erinnerung: SOWAS habt ihr nie gesehen, SOWAS machen Hip-Hopper:
    https://www.youtube.com/watch?v=v-Jxe_cEx_w

    :lol:
    Ist auch für ihn schon eher Spätphase, #izkla, aber dennoch: "Besser" oder wasauchimmer jetzt auch in der Szene mehr Kredibilität bedeutet war der imo nie...

    • Vor einem Jahr

      ...der Insider-Humor auf der Seite wird auch stetig opulenter, jedenfalls ist mir z.B. gerade erst die Werbung für Kreuzfahrten über der Seite aufgefallen.

      Warum stellt ihr es euch zum 25. nicht selbst unter Beweis, wie sehr ihr es drauf habt und füllt ein Kreuzfahrtschiff voller abgefuckter user wie mir, abgefuckter Künstler wie Ferris und der gesamten Red.?
      So als Gegenveranstaltung zu "70.000 tons of metal?" -> "90.000 tons of Shitposts & Kades" o.ä.? Dann wäre zumindest endgültig unbestreitbar, wer die dicksten Kreuzfahrtschiffe füllt!

      ...fände ich GANZ GROß, @laut.de :D

    • Vor einem Jahr

      :cruxy: alter. es tut so weh.

    • Vor einem Jahr

      "reimemonster" fand selbst ich gut.

      und souls kreuzfahrtvorschlag findet meine volle unterstützung!

    • Vor einem Jahr

      "Reimemonster" ist ein Klassiker für die Ewigkeit.

    • Vor einem Jahr

      Wäre auch bei der Kreuzfahrt dabei, die Ungläubigen werden das Schwert des positiven Sexismus zu spüren bekommen.

    • Vor einem Jahr

      Hat Souli wieder Drugs in den Jeans? :koks:

      Och, Asimetrie war schon ein gutes Album damals, aber außer der abgefuckten Stimme hat Ferris seit jeher aber nichts zu bieten, raptechnisch/inhaltlich schon immer Durchschnitt.

  • Vor einem Jahr

    Bin da leider etwas enttäuscht, für mich klingt das Album, als hätte. Der Ferris gedacht:" Ah ich muss ein Album machen wie früher, etwas das schockt... Scheiße mir fallen keine krassen Lines ein. Naja dann benutzte ich einfach nur krasse Wörter wie Hurensohn, Fotze etc." Echt schade. Da kann man wieder mal nur Yasin zitieren: "Warum soll ich anspruchsvolle Texte schreiben, so lang Hurensohn und Fotze noch die Konzertsäle füllen?"