10. Oktober 2011

"'Limit To Your Love' gehört jetzt James Blake"

Interview geführt von

Leslie Feist empfängt zur Teilstrecke ihres Interview-Marathons in einem Luxushotel am Potsdamer Platz in Berlin. Nur 20 Minuten Gesprächszeit, keine Sekunde mehr kann die Plattenfirma mit der Singer-Songwriterin gewähren, zu sehr wird an der Kanadierin gezerrt.Mit "The Reminder" aus dem Jahr 2007 ist aus dem Independent-Fräuleinwunder, das damals auch noch beim Indierock-Kollektiv Broken Social Scene mitgejammt hatte, eine unverwechselbare wie omnipräsente Figur der Poplandschaft geworden. Peaches und Gonzales, denen sie einst nach Berlin hinterhergezogen ist, hat das studentisch-bürgerliche Postergirl Feist in der Publikumsgunst längst hinter sich gelassen.

Das Video zum beschwingten "1234", in dem Feist im blauen Paillettenkleid durch eine bunte Choreographie getragen wird, hatte seinerzeit den öffentlichkeitswirksamen Werbespot zum iPod untermalt. Ihr mal gänzlich unbeschwerter, mal zutiefst melancholischer Indie-Pop mit der Empfindsamkeit von Folk und der Interpunktion des Jazz passte überhaupt ebenso wunderbar zum Zeitgeist der bunten Abspielgeräte wie zur Musikpädagogik der Sesamstraße, wo Feist mit dem Stück ebenfalls auftrat. Und hat nicht während ihrer Schaffenspause mit ihrem Song "Limit To Your Love" zuletzt schon wieder eine große Popkarriere ihren Anfang genommen, nämlich die des englischen Dubstep-Wunderkindes James Blake?

Beim einem großen Online-Versandhaus wird "Metals" dieser Tage im Bestseller-Ranking nur noch von Udo-Unplugged, der neuesten Kuschelrock-Compilation und den Alben von Rosenstolz und des Bundesvision-Songcontest-Siegers Tim Bendzko übertroffen. Ergo: Feist dürfte die wichtigste weibliche Popstimme dieses Herbstes werden. Dabei fehlt "Metals" auf den ersten Blick eigentlich die federnde Leichtigkeit der Songs von "Let It Die" und "The Reminder". Sie ist zärtlich-sinistren Universalreflexionen gewichen, die in ihrer kompositorischen Beflissenheit und ihrem bisweilen wuchtigen Ausdruck eine deutliche Sprache sprechen: Feist, mittlerweile 35 Jahre alt und im Interview entwaffnend locker, hat keine Probleme mit Erwartungshaltungen und dem Älterwerden.

Leslie, ich muss dir als erstes gleich gratulieren. Zumindest in Berlin bist du mittlerweile so etwas wie ein weiblicher Dave Grohl.

Feist: Was? (lacht) Du meinst wegen meinem Bartwuchs? Oder weil er wie ich in einer lauten Rock-Band war und später eine Solokarriere gestartet hat?

Nicht ganz, es ist noch viel einfacher: Du bist hier ein Rockstar.

Oh mein Gott, das wusste ich nicht.

Die Bohème und die Bürgerlichen, Frauenzeitschriften und das Feuilleton, Studenten und ihre Eltern, Indie-, Rock- und Pop-Fans: Sie alle finden dich und deine Musik gut.

Wow. Und Dave Grohl geht es in Deutschland genau so?

Sicherlich spielt er noch einmal in einer anderen Liga als du. Aber über "Metals" wird mindestens so viel zu lesen und zu hören sein, wie dieser Tage über das Lebenswerk von Dave Grohl.

Ich muss zugeben, dass ich mitbekommen habe, dass Berlin die Station auf meiner Europa-Tour ist, die am schnellsten ausverkauft war. Vielleicht liegt das auch an meiner "deutschen Vergangenheit".

Ist das heutige Berlin für dich noch die gleiche Stadt, in der du vor Jahren zwischenzeitlich gelebt hast?

Es ist schon seltsam, dass ich diese Interviews ausgerechnet in einem Hotel am Potsdamer Platz geben soll. Als ich 2001 nach Berlin kam, wurde hier überall gebaut. Es sah aus, wie die Kulisse zu einem skurrilen Science-Fiction-Film. Hierher bin ich allenfalls gekommen, wenn ich mir in einem der Kinos einen Film mit deutschen Untertiteln ansehen wollte. Ginge es nach mir, hätte ich die Interviews lieber in der Ankerklause gemacht (Szene-Kneipe am Maybachufer in Kreuzberg, Anm. d. Red.).

Aber da erkennen dich doch alle.

Ach, nein. Ich habe erst im letzten Herbst in einem kleinen Appartment in Kreuzberg gewohnt, um mit Mocky und Gonzales an "Metals" zu arbeiten. 40 Euro hat da die Nacht gekostet. Ich habe mir Mockys Fahrrad geliehen und saß fast täglich in der Ankerklause. Ein paar Meter weiter am Planufer habe ich übrigens die meisten Songs für "The Reminder" geschrieben. Mein Deutsch ist seitdem leider nicht besser geworden. Bis heute kann ich eigentlich nur meine damalige Adresse aufsagen (lacht).

"Ich befand mich im Inneren eines Verstärkers"

Die Songs von "Metals" hast du in einer Garage in Kanada geschrieben.

Es war wohl eher so etwas wie eine Gartenlaube, ein Backsteinhäuschen, das hinter dem Appartment lag, das ich gemietet habe. Es war ziemlich heruntergekommen, das Dach war auch nicht mehr dicht. Mit etwas Aberglauben hatte dieser tote Ort aber etwas Feierliches. Ich habe noch nie so bewusst für einen Ort entschieden, um an meinen Songs zu arbeiten. Ich habe deshalb auch sehr genau darauf geachtet, welche Dinge ich in den Raum mitnehme.

Welche Dinge waren das?

Nun, der Raum war leer. An einer Wand war ein Fenster, damit zumindest etwas Licht in den Raum kam. Ich habe einen alten, zerkratzten Tisch hineingestellt, die Vorstellung, dass auf ihm früher physische Dinge hergestellt worden sind, war mir wichtig, weil das Songschreiben solch ein wenig greifbarer Prozess ist. Dazu mein Tour-Piano, einen alten Silvertone Verstärker aus den 50er-Jahren und meine Gibson "Les Paul Junior", eine Trommel, eine Melodica und ein Tamburin. Mehr Instrumente sollten auf der Platte auch nicht zu hören sein.

Und natürlich war auch noch deine Stimme mit im Raum. Eine Stimme, für die du geliebt wirst, von der du selbst aber sagst, sie sei noch ausbaufähig. Wie wolltest du sie auf dem Album einsetzen?

Es ist schon komisch, was ein Mikrofon mit einer Stimme anstellen kann, gerade wenn sie so schwachbrüstig ist wie meine. Das tolle an dem Raum war auch, dass er so klein und kahl war, dass ich mich quasi im inneren eines Verstärkers befunden habe. Daher habe ich auch kein Mikrofon als Medium gebraucht. Es mag kein großer Unterschied sein, aber ich habe das Gefühl, dass mit einem Mikrofon der ursprünglichen Klang der Stimme verfremdet wird. Für mich war es eine neue Erfahrung, genau das hören zu können, was ich beim Singen fühle.

Hast du auch versucht, diese Unmittelbarkeit zu bannen, als du "Metals" im kalifornischen Big Sur mit Produzent Valgeir Sigurðsson, Gonzales und Mocky aufgenommen hast?

Man muss dazu sagen, dass wir das Album eigentlich bereits fertig arrangiert haben, bevor wir nach Big Sur gekommen sind. Wir haben dort nur noch minimal an den Songs herumgeschraubt, und nach Cliffhangern zwischen den Songs gesucht. Wir haben uns dabei viele Gedanken darüber gemacht, ob die Songs am Ende ein Ausrufezeichen oder eher ein offenes Ende haben sollten.

Ich hatte das Gefühl, dass ich die Songs mit all ihren rhetorischen Fragen nicht abschnüren sollte. In Big Sur haben wir uns ganz auf unser Vertrauensverhältnis und unsere Instinkte verlassen. Die Songs wurden so zu einer Art Karte: Mit jeder Aufnahme sind wir in vier Minuten auf einem anderen Weg an unser eigentliches Ziel gekommen.

"Gonzales, Mocky und ich sind ein Triumvirat"

"Metals" fühlt sich direkt wie ein Feist-Album an, klingt aber an einigen Stellen eine ganze Spur schwerer, wuchtiger als die Vorgänger. Woher stammt die Inspiration für diese fast schon archaischen Folk-Songs?

Die alten Melodien und Geschichten, die Smithsonian Folkways (amerikanisches Label, das historische, nichtkommerzielle Musikmitschnitte archiviert und wiederveröffentlicht, Anm. d. Red.) sammelt, faszinieren mich seit langem. Früher waren Musiker und Sänger nicht ein und diesselbe Person, beide griffen auf mündlich überlieferte Geschichten zurück. Dagegen ist die individualistische Figur des Singer-Songwriters eine recht neue Erscheinung der Musikgeschichte.

Auch die "Sacred Harp"-Gesänge der Shape-Note-Bewegung aus den amerikanischen Südstaaten im 19. Jahrhundert finde ich sehr spannend. Diese traditionellen Gesänge der Pilgerer über Himmel und Hölle haben etwas unheimlich dunkles, ekstatisches. In den Gesängen ging es eigentlich immer um die Apokalypse und die Wiedergeburt des Herrn (lacht). Man kann sich online Videos ansehen, wo Chöre diese alten Gesänge singen. Diese Harmonien sind in mein Blut übergegangen.

Wie müssen wir uns den Beitrag von Gonzales und Mocky zu "Metals" vorstellen? Beide begleiten dich ja bereits seit Beginn deiner Solokarriere.

Wir drei sind so etwas wie ein Triumvirat. "Caught A Long Wind" haben wir zusammen geschrieben, während wir mit den Arrangements der Songs beschäftigt waren. Das Schöne ist: Wenn ich ihnen eines meiner skelettalen Demos vorspiele, können sie mir sofort sagen, in welche Richtung der Song gehen könnte. Ihr unerschöpfliches Genie bereichert meine Musik ungemein, sie schaffen es immer, mich zu überraschen. Ihr Beitrag ist dabei nicht nur musikalischer und technischer, sondern auch emotionaler Natur.

Oh, die Zeit ist schon vorbei. Eine letzte Frage: Magst du eigentlich dein "Limit To Your Love" in der Version von James Blake?

Ja, seine Version ist fantastisch.

Würdest du lieber einen Song mit Blake aufnehmen – oder mit Dave Grohl?

Ich würde mich für James Blake entscheiden. Er hat mit seiner Musik einen ganz eigenen Kosmos erschaffen. Seine Version von "Limit To Your Love" ist keine Kopie, sondern im Grunde ein neuer Standard wie "Fly Me To The Moon" von Frank Sinatra. Auch "Secret Heart" habe ich vor Jahren jede Nacht gesungen, als hätte ich es selbst geschrieben (Das Original stammt von Ron Sexsmith, Anm. d. Red.). James Blake hat "Limit To Your Love" zu seinem Song gemacht, er gehört jetzt ihm.

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