30. Oktober 2002

"Mit Extrabreit und Nena haben wir nix am Hut"

Interview geführt von

Montag, 23. September. Deutschland ist wenige Stunden nach der spannenden Wahl zum 15. Bundestag noch immer ganz durcheinander. Gerhard Schröder hat's anscheinend nochmal geschafft. Auch die Fehlfarben freuen sich. Stoiber soll bleiben wo der Radi wächst, wie es die J. ZENSIERT Blues Explosion am Wahlsonntag in Düsseldorf mit Peter Hein in einem Song formulierte. Wir treffen die drei Original-Mitglieder Peter Hein (Gesang), Thomas Schwebel (Gitarre) und Michael Kemner (Bass) sowie die neue Drummerin Saskia von Klitzing in einem Kölner Hotel, um mit ihnen über das neue Album "Knietief Im Dispo" und Anekdoten aus Jürgen Teipels Buch "Verschwende Deine Jugend" zu plaudern.

Eure neue Platte klingt insgesamt ziemlich frisch und zugleich eindeutig nach Fehlfarben. Wie denkt ihr darüber, nachdem sie fertig gestellt ist?

Alle: Eigentlich genau so (lachen).

Hein: Ich weiß nich mehr, wie is die denn?

Schwebel: Also, die erste Platte ist ja ziemlich schlecht aufgenommen. Wir Teenager völlig hilflos in einem viel zu großen Studio. Live haben wir damals ehrlich gesagt auch ganz anders geklungen als letztlich auf der Platte.

Wie kamt ihr nach so langer Zeit wieder miteinander klar im Studio?

Schwebel: Zunächst mal waren wir nur selten mit sieben Mann im Studio (lacht). Wir haben uns in Abständen dort getroffen, Sachen eingespielt, wieder liegen gelassen und nach ein paar Wochen daran weiter gearbeitet. Es war wie stille Post: einer fängt etwas an und der andere arbeitet daran weiter. Vielleicht klingt es deshalb so frisch.

Hein: Ob Micha sich seine Bassläufe ne Woche vorm Studiotermin überlegt hat oder sie seit 20 Jahren mit sich rumschleppt, det weiß ich auch nich. (allgemeines Lachen)

Kemner: Das sag ich auch nich!

Hein: Eben, dat is auch besser so!

Wie lief es bei dir mit den Texten, Peter?

Hein: Sobald ein Stück fertig war, dachte ich: Scheiße, Abgabe. (lacht)

Hast du sie wieder wie vor zehn Jahren alle am Schreibtisch deiner Arbeitsstelle Xerox aufgeschrieben?

Hein: Teilweise schon. Es war aber nich so viel Stress im Büro, dass mir soviel eingefallen wäre. Also hab ich mir den Stress gemacht, dass ich nix hatte und ne Stunde vorm Studio-Termin musste ich dann loslegen. Wie immer eigentlich. Ich hatte nie nen Vorrat an Texten.

Wer ist gerade "knietief im Dispo"?

Kemner: Sind wir das nicht alle?

Hein: Guckt doch mal auf euren Kontostand.

Kurz: Eine Zustandsbeschreibung unseres Landes.

Alle: Genau.

Hein: Es geht um Leben und Realismus. Auch ein bisschen anprangern zwar, aber nicht nur.

Schwebel: Der Titel kam ja ganz am Schluss. Und das passte dann einfach.

Einer eurer Songs heißt "Die Internationale". Was ist denn im Jahr 2002 das letzte Gefecht?

Hein: Ähm, wie geht denn der Text noch gleich ...

In den Strophen drückst du deinen Wunsch nach Veränderung aus und im Refrain flüchtest du in die Zweisamkeit.

Hein: Ah ja, ja, irgendwas ist doch da, ja. Auch das ist so gemeint gewesen. Sehr schön erkannt. Setzen, eins! (allgemeines Lachen) Ich erkläre meine Texte nicht so gerne. Manchmal sind es auch Witze, die außer uns keiner versteht. Ich mag es, wenn alles so offen wie möglich bleibt. Deshalb nenne ich auch keine Namen mehr wie früher.

Doch. An einer Stelle singst du über dich: "Ach Janie, du spinnst".

Hein: Ah stimmt. Na gut, hast Recht.

Schwebel: Das Zitat ist ja in Zusammenhang mit Politik in dem "Internationale"-Song. In dem Moment, wo man da an Vertrauen oder Vernunft denkt, kommt doch sofort die Reaktion "Ach komm, du spinnst doch".

Alte Ideale sind heute also verloren.

Hein: Ach, ein paar Sachen haben ja geklappt. Ich sage ja, 1789, war doch nicht schlecht. Klöster schließen, Bischöfe verbrennen oder Könige köpfen; is doch okay manchmal. (lacht) Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Wirtschaftsführer erschießen ... wobei naja, ich will mich jetzt hier nicht strafbar machen (allgemeines Lachen). Aber man darf ja ma drüber nachdenken, oder? Ich meine, wer so einen Job macht, ist selber schuld. Du musst ihn ja nicht machen.

Nach über 20 Jahren habt ihr es mit K7 endlich auf ein Indie-Label geschafft.

Hein: Tatsächlich, ja.

Schwebel: Der Vertrieb gehört aber seit kurzem Bertelsmann. Seit ca. zwei Wochen.

Hein: Das konnten wir natürlich nicht wissen ... (lacht) Aber egal, das waren eh die einzigen, die Geld gezahlt haben.

Schwebel: Bei der EMI, unserer alten Plattenfirma, wäre es jedenfalls eine Katastrophe geworden. Dann säßen wir heute auch nicht hier. Die wissen ja meistens gar nicht, was sie überhaupt veröffentlichen.

Hängt eure Zukunft vom kommerziellen Erfolg ab oder trefft ihr euch erst wieder in elf Jahren?

Schwebel: Natürlich wäre es klasse, wenn so eine Platte ein Erfolg wird. Ansonsten warten wir mal ab, wie es bei uns weiter läuft.

Hein: Aber Erfolg ist nicht wichtig. Wir müssen das Geld nicht zurück zahlen.

Kemner: Das Label braucht ja den Erfolg, nicht wir.

Im Vergleich zu 1991 hilft euch diesmal vielleicht der Hype um die Punk-Ausstellung in Düsseldorf und das Jürgen Teipel-Buch unter die Arme.

Schwebel: Durch die Ausstellung kommen wir wenigstens in die richtige Revival-Kiste. Aber ob sich irgendwelche Leute ihre Jacken vollsprühen, interessiert mich nicht. Und mit Extrabreit und Nena haben wir eh nix am Hut.

Hein: Genau, wir haben uns als Vorbilder.

Was hat euch die Verleihung einer goldenen Schallplatte für "Monarchie und Alltag" vor zwei Jahren bedeutet?

Schwebel: Das bedeutet eine ganze Menge, weil die Plattenfirma nie dafür Werbung gemacht hat. Es ist also ein Verkauf, der einzig und allein durch das Interesse der Leute zustande gekommen ist. Das wurde niemandem aufgedrängt. Es ist ja auch erstaunlich, dass sowas 20 Jahre läuft. Wahnsinn.

Hein: Ich glaube bei uns ist es sogar fünf Jahre schneller was mit der Gold-Platte geworden als bei Velvet Underground.

Schwebel: Ja. Es gibt einfach solche Platten, die liegen so in den Regalen rum und plötzlich gibts ne Auszeichnung.

Ich habe euren 40° Celsius-Auftritt in Köln auf der Popkomm gesehen.

Hein: Also auf der Bühne waren es mindestens 60°C.

Du hattest wenigstens Ventilatoren.

Hein: Gut, aber der hat nur noch heiße Luft bewegt. Und ich hatte die ganze Zeit den dicken Anzug an.

Schwebel: Ansonsten war es aber ein guter Auftritt. Selbst wenn bestimmt 100 Leute mehr als offziell erlaubt im Gebäude 9 waren und davon noch die Hälfte über Gästeliste. Aber so isses halt auf der Popkomm.

Thomas, in Teipels Buch sagst du an einer Stelle, du fühltest noch heute Misstrauen gegenüber dem Publikum wenn du auf die Bühne gehst. Glaubst du ihr polarisiert noch immer so, dass die Leute euch auf der Bühne bewerfen?

Schwebel: Die Stelle ist im Buch etwas zugespitzt zitiert worden. Dass ich mich auf der Bühne nicht immer wohl gefühlt habe, lag damals auch an bandinternen Geschichten. Es wurde einfach viel in die Band hinein projiziert, was die Band nie war. Politische Ansprüche, Vorbilder, Role Models, Links-Entwurf etc.

Wenn man sich nach dem Konzert einer Diskussion stellen muss, dass man nicht in einem besetzten Haus wohnt, wie in Berlin damals, dann wird es doch absurd. Wir wollten Musik machen und Spaß haben. Aber das ging in diesem ganzen ideologischen Scheiß unter, der da Anfang der 80er transportiert wurde. Wir kamen damals halt in so eine taz-Szene rein und da war eben alles super-ernsthaft. Teilweise auch einfach sehr humorlos.

Speziell in Berlin?

Schwebel: Zuerst nicht, wir hatten da ja schon Ende 1980 dort gespielt. Aber als wir ein Jahr später wieder ins SO 36 kamen, dudelten die ja schon den Song "Es geht voran" auf ihren Demos rauf und runter. Und plötzlich stehen da völlig durchgedrehte taz-Redakteure vor einem und sagen: "Das ist das Stück der Bewegung". Schön, aber was kann ich dafür? Deshalb hat sich ja auch Rio Reiser irgendwann davon distanziert und gesagt: "Leckt mich alle, ich geh zur Sony. Ich will Geld verdienen".

Die Erwartungshaltung des Publikums an euch war aber nicht nur damals enorm.

Schwebel: Nein, aber jetzt sind wir viel lockerer. Früher wollten wir uns ständig erklären, heute ist mir das scheißegal. Wer zu uns kommt und zuviel erwartet hat eben Pech gehabt.

Peter, im Buch kommt auch schön zum Ausdruck, wie Campino dir damals bei ZK alle Bewegungen abgeguckt haben soll und später mit den Toten Hosen zur Supergroup avancierte, während du den Rockstar-Job aufgegeben hast. Nervt dich diese Gegenüberstellung zweier Düsseldorfer Sänger?

Hein: Nö, ich mag den Campino und komme super mit ihm aus. Dass er viele Posen von mir haben soll und was weiß ich noch ... wer weiß denn wo ich die herhabe? Das brauch ich ja auch nicht verraten. (lacht) Inhaltlich besteht zu Campino ja eher keine Nähe, denke ich.

Über Kraftwerk gab es im Buch auch eine amüsante Anekdote, wie zwei von denen Ende der 70er ein Punk-Konzert im Carsch-Haus besuchen wollten und sofort vom Publikum fortgejagt und verprügelt wurden.

Hein: Also ich hab davon ja nichts mitbekommen.

Schwebel: Das war eine total alberne Aktion. Jemand wollte die von vornherein verprügeln.

Hein: Gemacht hats dann aber niemand.

Schwebel: Kraftwerk galten damals in der Szene einfach als scheiße, wobei ich die ja persönlich mochte.

Hein: Das lag damals eh öfter in der Luft, so nach dem Motto: "Oh, die Rollers spielen in der Philipshalle. Da gehn wa hin, die werden richtig verprügelt!" (allgemeines Lachen)

Kontakt zu Kraftwerk hattet ihr aber nie?

Hein: Nee, überhaupt nicht.

Schwebel: Ich habe die später mal kennen gelernt, da sie auch bei der Plattenfirma EMI waren. Klasse fand ich schon immer, wie man es schaffen kann, die eigene Plattenfirma derart zu quälen wie Kraftwerk. Die EMI-Leute hatten nicht mal ne Telefonnummer von denen. Absolut großartig. Damals gabs ja noch kein Internet und auch kein Fax und die Plattenfirma aus Köln musste tatsächlich einen Brief an eine Postfach-Adresse in Düsseldorf schreiben. Und wenn sie Glück hatten, ist Ralf Hütter ans Postfach gegangen. (allgemeines Lachen)

Hein: Wenn sie Pech hatten gab es ein Treffen bei Vollmond am Grab (lacht). Zur Geisterstunde.

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