laut.de-Kritik

Man muss keine Opern schreiben, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Review von

Bei aller Reflektiertheit ist Jim Matheos kein Typ, der großartig zurückschaut. Um so erstaunlicher fiel der Schritt aus, die Live-Reunion des "Awaken The Guardian"-LineUps mit John Arch und Frank Aresti anzustoßen. Er möchte jedoch kein reiner Nachlassverwalter sein, sondern weiterhin seiner Kreativität Geltung verschaffen.

Dafür gibt es neben Fates Warning als Nostalgieveranstaltung noch die aktuelle Version um Ray Alder (Redemption), Bobby Jarzombek und Joey Vera (Armored Saint). Diese Konstellation blieb in vergangenen Jahren nicht untätig, liegt die Veröffentlichung von "Darkness In A Different Light" doch noch keine drei Jahre zurück. Permanente Live-Aktivität und das Insistieren von Sänger Alder machten es möglich, dass nun mit "Theories Of Flight" ein neuer Longplayer in den Startlöchern steht.

Im Nachhinein war der Vorgänger zu sehr auf Nummer sicher getrimmt, bestach zwar in seiner Stringenz, wirkte dadurch aber ein wenig eintönig. Hier lösen die Amis das Versprechen ein, dass sie mit der letzten Platte gegeben haben. Sie greifen die losen Enden auf, denken sie noch ein wenig weiter und arrangieren sie zu großartigen Songs. Der Kern bleibt gleich, es bestimmen Neugier und der Mut, neue Elemente in den Sound zu integrieren, was Fates Warning vor allem auf den Alben der Neunziger gelang ("Parallels", "Inside Out", "A Pleasant Shade Of Gray"). Der Titeltrack mit seinen Sprachsamples und Soundscapes steht als Bindeglied zwischen eruptiven Momenten und nachdenklichen Passagen.

Generell komponiert Matheos sehr vielseitig, unaufdringlich und melodiös. Wichtig ist die jeweilige Ergänzung auf dem Sängerposten, die das Fleisch auf den Knochen bringt. Ray Alder begeht nicht den Fehler, seiner Stimme den Umfang der Vergangenheit abzufordern oder in einen stimmlichen Hahnenkampf mit Arch zu treten, sondern hält sich vornehmlich in den mittleren Lagen auf und verleiht so den Stücken Wärme und Seele.

Textlich bilden die Motive Reise, Unstetigkeit und Ungewissheit mit der typischen melancholischen Färbung die Klammer. Somit erhält das Album einen zumindest losen konzeptuellen Anstrich. Die Songs fallen sehr vielschichtig aus, sind mit zahlreichen Soundspielereien gespickt und warten mit überraschenden Wendungen auf. "From The Rooftops" birgt ein Feuerwerk an Riffs und Melodien und zündet direkt mit seiner an "FWX" angelehnten spartanischen Instrumentierung im Akustik-Gewand zu Beginn und dem sich daran anschließenden verspielten Prog-Metal.

"Ghost Of Home" zeigt die Quintessenz von Progressive Rock-Göttern wie Rush und Genesis im Progressive Metal-Kleid. Gleiches gilt für den zweiten Longtrack "The Light And Shade Of Things". Der wartet mit einem coolen melodischen Lick am Ende auf, das einen ähnlichen Suchtfaktor aufweist wie seinerseits "Sweet Child Of Mine" von Guns N' Roses.

"Seven Stars" und "White Flag" krönt das Quartett mit einprägsamen Refrains. Beide Songs kreisen um einen prägnanten Mittelteil, ersterer mit groovigen Riffs, der zweite mit grandiosen Soli von Frank Aresti. Weitere Soli gibt es sonst nur im Opener zu hören. Sie verkommen somit nicht zum Selbstzweck und werden dezent und spannungsvoll in den Song eingebettet. In erster Linie dominiert Matheos einzigartiges Spiel aus Komplementärrhythmen, ausgefallen Voicings, proggigen Skalen-Patterns und ausgefeilten Melodien.

Fates Warning beweisen, dass man keine Opern ("The Astonishing") wie Dream Theater schreiben muss, um Aufmerksamkeit zu generieren, und dass man bei aller Perfektion pulsierende und vor Leben berstende Musik erschaffen kann. Es braucht Zeit, um die mit vielen Details gespickten Songs als Ganzes wahrzunehmen. Der Schwebezustand, der sich bei intensivem Genuss der Platte einstellt, ist die Reise aber definitiv wert.

Trackliste

  1. 1. From The Rooftops
  2. 2. Seven Stars
  3. 3. SOS
  4. 4. The Light And Shade Of Things
  5. 5. White Flag
  6. 6. Like Stars Our Eyes Have Seen
  7. 7. The Ghosts Of Home
  8. 8. Theories Of Flight

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