laut.de-Kritik

Um Deutschrap zu ficken, braucht es mehr als Doubletime und Wie-Vergleiche.

Review von

Nach einem Beitrag zur Flüchtlingsdebatte, einem glücklichen Zufall, der zum viralen Klickhit avancierte, und penetranter Eigenwerbung auf allen sozialen Kanälen veröffentlichte Fard sein sechstes Soloalbum, das er, zuletzt offenbar dem Lateinischen verfallen, "Ego" nennt. Was das Produzieren betrifft, erschiene "Nos" angebrachter: Knapp ein Dutzend Beatbastler, darunter Joshimixu, 7inch, Gorex, Johnny Illstrument und KD Beatz, legten im Gelsenkirchener Studio oder den eigenen vier Wänden Hand an. Herausgekommen ist ein Album, das trotz vorhersehbarer Thematik und der Länge über weite Strecken gut unterhält.

Anstatt die Tracks möglichst abwechslungsreich durchzumischen, hat Fard seinen Longplayer in fünf Kapitel aufgeteilt, die Mezzanins, die auf drei einleitende Possetracks folgen. "Ich fick' deutschen Rap bis mir Bauchmuskeln wachsen", spuckt der Gladbecker und selbsternannte "Nazizi" große Töne. Dass es ihm an technischem und lyrischem Talent nicht mangelt, steht außer Frage. Um Deutschrap zu penetrieren, braucht es aber mehr als Doubletime und haufenweise Wie-Vergleiche à la "Schlägereien sind wie Steaks, ich mag sie blutig."

Mit der "Traumfängerphase" beginnt das Ganze recht vielversprechend: Der anfangs emotionale, appellartige und nur vom Klavier begleitete Track nimmt nach gut einer Minute richtig Fahrt auf und präsentiert Fahrhad Nazarinejad als wütenden und rücksichtslos um sich spittenden Zeitgenossen, mit dem nicht immer gut Kirschen essen ist: "Mir ist egal, ob euch Pussies meine Art gefällt. Ich bin ein selbstverliebter Wichser wie Karl Lagerfeld", so der "Rohdiamant". "Kalt Wie Schnee" und "Sehnsucht" stehen zwar wackelnd auf der Grenze zum Kitsch, beweisen andererseits aber Fards Händchen für radiotaugliche Hooks.

Auch nachdem dieser im Interview das Konzept hinter der "HuckleberryFinnPhase" erklärt hat, will es sich beim Hören nicht so ganz erschließen und markiert insgesamt das schwächste der fünf Mezzanins. Auf größtenteils trappigen Beats gibt sich der Rapper aus dem Ruhrgebiet "arrogant und abgewichst" wie "Zlatani" Ibrahimovic, rechnet auf "Ich Bin Nicht So Eine" mit geldgeilen Bitches ab und weiß trotz druckvoller Delivery auch mit "Hai & Hyäne" nicht so richtig zu fesseln.

Obwohl der gebürtige Iraner von Glück reden kann, dass man seine Situation nicht mit jener der heutigen Flüchtlinge vergleichen kann, gerät der Blick zurück auf die "Fluchtphase" ebenso anschaulich wie beklemmend. Trotz der schwierigen Eingewöhnung in die neue Kultur blieb Fard stets "Von Hoffnung Geprägt". Eine Einstellung, die sich offenbar ausgezahlt hat: "Ich kannte mal ein' Jungen, dessen Haare waren schwarz / Schwarz wurde Jahre später auch die Master Card." Dass sich der 31-Jährige den erhobenen Zeigefinger nicht immer verkneifen kann: geschenkt.

Wie genau sich die "Tipicophase" konzeptionell von der "HuckleberryFinnPhase" unterscheidet, bleibt ein Rätsel. Das Auf und Ab von Emotionen auf der einen und großspuriger Posse auf der anderen Seite sorgt bei zunehmender Spielzeit, entgegen der ursprünglichen Intention, eher für Ermüdungserscheinungen. Die Zusammenarbeit mit Snaga und Proph sowie Mobb Deep gelingt zwar gleichermaßen, hält die abdriftende Aufmerksamkeit aber nicht im Zaum.

Zum Schluss folgt erwartungsgemäß die tiefgründigere "Paradiesphase". Von einer Spieluhr eingeleitet, erzählt "Maskenball" kleine Episoden aus dem Leben von Menschen, die sich der Gesellschaft wegen verstellen müssen: "Willkommen auf der Bühne des Lebens, auf diesem Maskenball suchen wir Gefühle vergebens / Haben Angst vor uns selbst und können niemandem trauen, sind viel zu eitel, um mal ehrlich in den Spiegel zu schauen." Da Fard den Refrain einer talentierten, inkognito arbeitenden Sängerin überlässt, könnte man die Auswahl der Featuregäste beinahe als perfekt bezeichnen.

Wäre da nicht Amir der Sänger, der ausgerechnet auf den abschließenden zwei Tracks vorbeischaut. Klar, der Mann kann singen. Doch wenn Fard "Am Ende" über sein eigenes Begräbnis sinniert – und dabei nicht nur versöhnliche Worte für die Hinterbliebenen übrig hat – wirkt der seelenlose Refrain wie ein Fremdkörper. Und genau da steckt, einhergehend mit der Überzahl an Tracks, der Wermutstropfen des Albums: Immer wenn Fard den Hörer bei den Schultern packt und kräftig durchschüttelt, lässt er ihn im nächsten Moment fallen wie eine heiße Kartoffel. Ein echter "Ego" eben.

Trackliste

  1. 1. Keine Harmonie
  2. 2. Nazizi
  3. 3. Exklusiv & Auf Deutsch
  4. 4. Traumfängerphase
  5. 5. Rohdiamant
  6. 6. Kalt Wie Schnee
  7. 7. Sehnsucht
  8. 8. HuckleberryFinnPhase
  9. 9. Hai & Hyäne
  10. 10. Zlatani
  11. 11. Ich Bin Nicht So Eine
  12. 12. Fluchtphase
  13. 13. Al-Fatiah
  14. 14. Von Hoffnung Geprägt
  15. 15. Tipicophase
  16. 16. Final Cut
  17. 17. Grüße Von Nazizi
  18. 18. Sünden & Tränen
  19. 19. Paradiesphase
  20. 20. Maskenball
  21. 21. Bonnie & Clyde
  22. 22. Am Ende

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3 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Jahren

    eine wirklich detaillierte review, der man teilweise wirklich zustimmen kann. für mich die beste Kritik von Laura, ohne pseudoemanzipierte Seitenhiebe oder Scheuklappen wie sooft
    hab gerade nicht die zeit es ausführlich zu besprechen. das gibts dann wieder bei majoe..
    hier nur ein kurzer überblick in ungeordneter Reihenfolge
    fard liefert für mich das beste album seit omerta ab. es ist überaus umfang- wie abwechslungsreich

    auf Brechern wie "zlatani" (beat erinnert sehr an haram para von RR), "exklusiv und auf deutsch" oder "rohdiamant" (relativ typischer fardtrack) zeigt er seine ganze stärke, sowohl bei der beatauswahl als auch technisch. auch "nazizi" präsentiert sich schnell und erfrischend. erfreulich sind auch die relativ wenigen schmalztracks, die in der Vergangenheit bei ihm überhand genommen haben. hier finden wir neben gut anhörbaren Abrechnungen mit der frauenwelt ("nicht so eine", "kalt wie Schnee") vorallem viel nachdenkliches über sein leben, die Familie und Gesellschaft, jedoch keine kitschigen liebesbekundungen

    "maskenball" gefällt auf anhieb mit verspieltem, eingängigen beat besagter uhr und sozialkritischen text, "al-fatiah" ist überaus atmosphärisch mit eindringlicher hook und "grüße von nazizi" könnte 1:1 auch von den azzlackz stammen, sowohl in der hook als auch vom beat her
    mit "keine Harmonie" gelingt übrigens einer der besten opener seit Monaten. überaus mächtiger track in dem fard hungrig und technisch hochklassig auf einem absoluten Brett schreddert.

    die phasentracks machen leider wenig sinn und fallen etwas ab, mehr als ein lückenfüller wirken der ein oder andere nicht und mit den titeln haben sie auch meist wenig zu tun

    featuretechnisch gibts mobb deep und snaga samt Pirat. während erstere überaus routiniert auf einem düsteren beat der alten schule abliefern und bestens mit fard zusammenspielen, wirken letztere etwas angestrengt und unrund auf einem ebenfalls nostalgisch-flirrenden beat. wer bei mobb deep auf den text achtet wird erschaudern. einfallsloser gehts schwerlich

    die saftlosen tracks mit amir dem Sänger hätte fard sich schenken können , amir wirkt wie ein Fremdkörper und verleiht den durchaus ordentlichen parts von nazizi einen komischen Nachgeschmack. da sie gerade am ende des Albums kommen, wirkt eben dies als letzter Eindruck noch störender und passt so gar nichts ins bis dato überdurchschnittliche bild

    die kinderhook bei "Sehnsucht" finde ich überraschenderweise gelungen und setzt zusammen mit dem eingängigen beat, den druckvollen Bässen und dem nachdenklichen text ein Ausrufezeichen ohne zwingend sidoesk zu werden

    "von Hoffnung geprägt" ist melodisch mit eingängiger hook und ebenso unterhaltsam wie das bedrohliche "Hai und Hyäne"

    die zwei bonustracks auf der premium sind schmückendes Beiwerk. bei "vip Bändchen und gästeliste" rappt fard gekonnt mit extrem arroganter Stimmlage und setzt sich mit der Geschichte eines typischen teppichluders auseinander
    warum er "nie nach paris" möchte frage ich mich dann aber schon, widmet er ibrahimowitsch vorher doch noch eine hook...
    sehr gut produziert und von fard gewohnt routiniert und erstklassig präsentiert zeigt sich das album doch als positive Überraschung. etwas weniger tracks und damit eine dichtere Atmosphäre wären aber wünschenswert gewesen, genauso wie ein vernünftiger umgesetztes albumkonzept

    4/5

    ps: in Zukunft gibts wieder strukturierte reviews