laut.de-Kritik

Todestrafe, Kindesmissbrauch, AK47 und reichlich Wut.

Review von

Es ist schwer, über "Talion 2" zu sprechen, ohne dabei drastisch in eine politische Diskussion abzudriften. Aber diesen Job haben bereits Marcus Staiger, dem politische Raptracks in den allermeisten Fällen per se nicht weit genug gehen, Kollegah, der sich auf eine solche Diskussion eingelassen hat, und Fard und Snaga in einem Interview erledigt. Alles weitere ließe sich auch genauso gut in einem Proseminar zu kritischer politischer Theorie oder Ideengeschichte diskutieren. Es bleibt also der musikalische und künstlerische Aspekt von "Talion 2" (Premium Edition) zu besprechen.

Mit "Contraband" als fulminantem Intro und erster Auskopplung des Albums zünden Fard und Snaga eine laute und einreißende Bombe. Sie reihen Pros und Contras aneinander, dass einem schlecht wird. Eine unterschiedliche Tiefe der Lines wird dabei besonders deutlich, wenn man "und ja, pro Todesstrafe für Kinderschänder" und "Pro Mahatma Ghandi, Martin Luther King und Che Guevara, sie lieben Revoluzzer, doch fürchten die Intifada" miteinander vergleicht. Ersteres scheint leicht daher gesagt, während die zweite Line eine Auseinandersetzung verlangt.

Geht man davon aus, dass der gesamte Text durchweg die Intention hat, Gefühle und Empfinden auf den Punkt zu bringen, so ist das gelungen - egal was man vom Inhalt nun halten mag. Ob man dabei nun an Verschwörungtheorien "Contra Bilderberger" glaubt, spielt eigentlich keine Rolle, weil Fard und Snaga hier ein großes Bild mit vielen verschiedenen, teilweise kontroversen Werkzeugen malen. Genau darin besteht, in Zusammenhang mit episch klingenden Instrumentals, die Kunst.

Gegen die Statements und Tiefe aus dem Intro kommt "Rapmilitär" dann aber schon nicht mehr an. Der Track erscheint langweilig, man stellt sich die Frage, was "life is a bitch, doch wir ficken sie seitwärts" überhaupt bedeuten soll. Erfreulicherweise handelt es sich dabei um eine der schwächsten Lines des Albums. Das Übel ist mit "warum sollte ich mir Sorgen über die Welt machen, wo war die Welt, als wir zu Hause kein Geld hatten?" dann auch schon wieder vorbei. Ingesamt eine Fortführung des Vorgängertracks oder mit "verliebt in die Wut" ein weiterer, persönlicher Ausdruck.

Wut und Aggression pflanzen sich in "Astaghfirulla" weiter fort. Unterlegt von einem schönen Beat mit Geigensamples passt "sag mir, wieso bist du auf die schiefe Bahn gerutscht? Weil ich mit Geld und nicht mit Liebe Miete zahlen muss" perfekt in das hier gezeichnete Bild von Macht durch Radikalismus.

"Kalashnikov" ist ein sehr interessanter, weil innovativer Track. Gerappt wird hier aus der Sicht eines Sturmgewehres, das seine Geschichte erzählt und von seinen Taten berichtet. Dass die AK-47 seit Mitte des 20. Jahrhunderts massenhaft Menschen getötet hat, sollte zwar allgemein bekannt sein. Spannend scheint das Konzept des Tracks dennoch und wirkt mit "automatischer Wahnsinn heißt dich herzlich willkommen" sogar noch vertiefender und kritischer als manche Dokumentation. Hut ab, besonders weil Fard und Snaga hier die Kontroverse aus "Contraband" etwas revidieren oder zumindest in ein anderes Licht rücken.

Die Fähigkeit zum Reindenken beweisen die beiden aber nicht nur bei Gegenständen, sondern auch bei Pädophilen. In seinem Solo "Stumme Zeugen" erzählt Fard aus Sicht eines Pädophilen, aber eigentlich "netten Mann von nebenan", die Geschichte seiner Kindheit, die Geschichte eines inneren Kampfes in der Psyche und letztendlich von einem Vergehen und dessen Aufdeckung. Man möchte weder in der Opfer- noch in der Täterrolle stecken, aber es beeindruckt, wie Fard mit "das Nachbarsmädchen spielt zwar mit dem Puppenhaus, doch schau sie dir genau an, sieht sie nicht wie 'ne Nutte aus?" und "niemand wird dich verurteilen wegen deiner Kindheit" (beides aus dem inneren Dialog des Täters) in der Lage ist, sich in eine solch kranke Situation hineinzuversetzen - wenn auch nicht ohne gewisse Kontroverse, auch in Bezug auf die oben genannte Forderung der Todesstrafe.

"Tag & Nacht" gefällt ebenfalls. Durchgängig hektisch gerappte Zeilen wie "Raus aus deinem Bett, rein in den Tag, mit eurer Welt habe ich keinen Vertrag, die Nächte sind lang die Tage kurz, doch muss vor die Tür weil mein Magen knurrt" oder "ein Auge lacht ein Auge weint, Paranoia vertrauter Feind" fangen die Stimmung ein, die wohl in schweren Lebenssituationen vorherrscht. Ein dramatischer Beat mit Orgeleinlage unterstreicht die geschilderten Probleme mit Kunden und der Stress mit der Polizei. Wenn man dafür zugänglich ist, sehr packend.

Einfühlend geht es mit dem Solo von Snaga, "Mitternacht" weiter. In der Rolle eines Einbrechers erzählt er die dazu passende Story. Dies geschieht jedoch nicht einfach nur auf 'Ich raub dich aus bin danach fein raus und fett im Geschäft': Die Stelle "durch die Küche ins Wohnzimmer rein, wow, so groß kann ein Wohnzimmer sein" ist so tiefsinnig betont, dass das Zuhören bei solchen Details erst richtig anfängt, Spaß zu machen. Eine plötzliche Wendung mit "fühl' mich wie der King, keine Bullen, kein Alarm, und auf einmal steht da so ein Kind mit Teddybär im Arm" hebt moralische Fragen, die bei solch einem Thema aufkommen, auf eine neue Ebene. Passenderweise ist an dieser Stelle dann auch Schluss mit dem Track.

In "Was Soll Das Heißen?", "Made In Germany" und "Carpe Diem" geht es noch mal sozial- und konsumkritischer zu. "Wir sind King im Block, die Stimme aus der Unterschicht, das Paradies steht leer, denn der Himmel fordert Unterricht", "kein Mensch ist illegal" und "denn alle wollen Geld zählen und ja es muss auch schnell gehen, im Atemzug des Kapitalismus soll sich die Welt drehen" erwecken dabei erneut den Eindruck, dass die verbreitete Kritik an Fard und Snaga nicht unbedingt berechtigt und zu oberflächlich ist.

Im letzten Drittel der insgesamt 18 Tracks geht es dann erneut emphatisch zu. "Gesetz Der Rache" schildert im ersten Teil die Tötung eines Kindes und den darauf folgenden Wunsch des Vaters nach Vergeltung. Diese findet er in der scheinbaren Hinrichtung eines Unbeteiligten. Aus den Perspektiven des Vaters und des Unbeteiligten, beide im Moment der Gefangenschaft, ergibt sich ein intelligenter Blick auf die jeweiligen Empfindungen. Der Aufbau des Tracks und die Auwahl der Personen ist ebenfalls clever gewählt und fordert den Hörer auf, sich die Frage zu stellen, was man selbst in einer solchen Situation machen und fühlen würde. Ob dies nun gegen humanistische oder aufklärerische Werte geht, ist hier egal, denn Fard und Snaga schaffen punktgenaue Settings. An dieser Stelle wird man allein gelassen, und das ist spannend.

Zum Schluss wird es dann noch einmal heftig: Ziemlich gutes Storytelling begegnet einer Flüchtlingsgeschichte. "Lebe jeden Tag mit der Angst, dass man mich wieder ausweist" und "jetzt lebe ich in Freiheit, doch vermisse eure Liebe" beweisen Einfühlungsvermögen und auf beeindruckende Weise die Fähigkeit, dieses Empfinden auszudrücken. Ein Track, der auf eine sehr traurige Art mitnimmt.

Völlig egal, ob man sich mit den (politischen) Inhalten von Fard und Snaga identifizieren oder anfreunden kann, empfehlenswert ist das Album allemal. Aufgrund der gewählten Form der jeweiligen Tracks, der dazu passenden Beats und der thematischen Bandbreite, stellt "Talion 2" ein besonderes Album dar, das man nicht so einfach übergehen sollte.

Trackliste

  1. 1. Contraband
  2. 2. Rapmilitär
  3. 3. Astaghfirulla
  4. 4. Kalashnikov
  5. 5. Du Hast Recht 2
  6. 6. Stumme Zeugen
  7. 7. La Rabia
  8. 8. Das Ist Talion
  9. 9. Tag & Nacht
  10. 10. Mitternacht
  11. 11. Was Soll Das Heißen?
  12. 12. Made In Germany
  13. 13. Carpe Diem
  14. 14. Gesetz der Rache
  15. 15. Sin City
  16. 16. Wir Gegen Den Rest
  17. 17. Ruhrpott Bulldog
  18. 18. Ein Leben

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7 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    großartiges staiger-interview. gebe dem mann völlig recht, wenn er das album als geschicktes geschwurbel für aluhutträger mit religiös-autoritärem führerkomplex analysiert....wenn der künstler nicht mehr den mechanismus des systems entlarvt, sondern nur "die da oben sind alle korrupt" daherlabert.... & wer "tod den kinderschändern" einfach nur hohl findet ist dann ein beweis f d angebliche denkverbot im lande....fiese demagogenplatte von leuten, die entweder einfach provozieren wollen & gern einfache antworten auf komplexe fragen finden....brrrrrr

    • Vor 4 Jahren

      schön gesagt, jedoch glaub ich nicht dass fard und snaga mit dem album Leute aufwiegeln wollen, sondern im großen und ganzen einfach bisschen stumpf auf die kacke hauen

    • Vor 4 Jahren

      ah...ich weiß nicht....dieses widerkäuen der "brechung der zinsknechtschaft" ist ja schon ganz klar aluhutground v jebsen, popp und co....wenn die beiden das hier aufgreifen , nur um am ende die nazibankerantwort gottfried feders zu geben.....das scheint mir kein zufall....http://de.wikipedia.org/wiki/Brechung_der_…

    • Vor 4 Jahren

      fard wird doch von den meisten museln hierzulande eher kritisch beäugt, zumindest seit assad und dem syrien konflikt...da wärmt er lieber kalkuliert ein par alte gemeinsame feindbilder auf. finds schade, mochte den früher eigentlich mal ganz gerne

    • Vor 4 Jahren

      Und weil Herr Feder dass zu Nazizeiten für eine gute Idee hielt ist das ganze jezt zu verteufeln?
      Man darf nicht einfach stumpf alles nachplappern und gutheißen was bspw. auf den Montagsdemos gemacht wird, aber es nur als Spinnereien darzustellen ist genauso verkehrt.

      Zumal man gewisse Dinge die dort kritisiert werden ja ganz klar sehen kann.
      Ich war einmal dort um mir das mal anzuschauen, durchaus mit dem Vorhaben dabei kritisch zu sein.
      Und natürlich habe ich da eine Menge "Schwachsinn" zu hören bekommen.

      Aber wenn man sich mal traut die Gleichschaltung der Medien anzusprechen, und eine extrem pro-amerikanische Berichterstattung in unseren öffentlich-rechtlichen Medien zu kritisieren finde ich das erstmal nicht verkehrt.
      Rechte Tendenzen konnte ich bei dem was dort gesagt wurde nicht feststellen, auch das Publikum war alles andere als rechts. ( etwas verblendet vielleicht und zu wenig kritikfähig)
      Ich konnte mir von alldem also selbst ein Bild machen und musste mich nicht auf die Berichterstattung der eben dort kritisierten Medien verlassen.
      Um dann festzustellen, dass aus dem was ich da gesehen habe in den Medien etwas komplett anderes gemacht wurde. Rechte Strömungen, Ausschreitungen, etc. etc..
      Jeder der vielleicht noch vorhatte dort einmal hinzugehen, um die Sache objektiv bewerten zu können ließ davon ab.
      Der Fernseher hat Ihnen ja schließlich gesagt dass es gefährlich ist dort hinzugehen, außerdem sind da sowieso nur bekloppte.

      Kurz danach kam dann auch noch dieser Sky-Werbespot der für mich persönlich das Fass dann doch zum überlaufen bringt.
      Natürlich ist der Typ Verschwörungstheoretiker der sich einen Aluhut aufsetzt und für 50 Euro Anti-Chemtrail Pulver aus dem Internet bestellt nicht der hellste.
      Diese stellen aber vielleicht 5 % der Leute, die gemeinhin als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden weil Sie sich eine alternative Sichtweise auf die Welt erlauben.
      Wer Kritik an der westlichen Welt übt wird mit der Macht der Medien ganz schnell unmündig gemacht.

      Wenn sich Snaga und Pillath dann daran bedienen, um auf Dinge aufmerksam zu machen die offensichtlich falsch laufen ist das doch erst einmal zu befürworten, da es eine Grundlage für das kritische Denken und Hinterfragen schafft.
      Der nächste Schritt muss dann natürlich sein sich vernünftig und von 2 Seiten aus über die angesprochenen Dinge zu informieren.
      Wenn man dafür zu dumm und unselbständig ist und einfach Verschwörungstheorien zum Thema Bilderberger & Co. im Internet durchgeht ist das nicht die Schuld von den Beiden. Daher finde ich dass das nicht unbedingt zu kritisieren ist.

    • Vor 4 Jahren

      dank dir f d tolle und sehr diffenzierte antwort. :)
      genau diesen kikk vermisse bei der platte.
      dein posting klingt nach dem wunsch, das denken zu erweitern. das album - zumindest für mich - eher nach "figuren austauschen, struktur behalten & die sehnsucht nach autoritäter führung"

    • Vor 4 Jahren

      du hast das ganze album gehört? :uiui:

    • Vor 4 Jahren

      für so ein gruftgespenst ganz schön tapfer. :D

    • Vor 4 Jahren

      und ich finde es sogar unterhaltsam....gegen den eigenen instinkt

    • Vor 4 Jahren

      Unser Einfluss wirkt ebenbschleichend, aber er wirkt

  • Vor 4 Jahren

    Da haben se auf Kalashnikov die guten alten "Nie ein Rapper"-Snares ausgekramt. Schön dich wiederzuhören.

    Aber insgesamt find ich das Projekt ziemlich stumpf. Der Inhalt ist zu platt als das sich wirklich ernsthaft darüber diskutieren ließe. Wenn die das ernst meinen, bin ich schon etwas enttäuscht, da ich Fard eigentlich für einen relativ smarten Dude gehalten habe. Aber die gleiche Scheiße wie auf dem Album kann ich auch nach zehn Bier am Stammtisch rückwärts tanzen.

  • Vor 4 Jahren

    umgekehrte integration :rayed: snaga ist (mal gewesen) doch volksdeutscher :suspect: was hat der mit intifada, kalashnikov, integration/migrationshintergrund, flüchtlingstum usw zu schaffen?

  • Vor 4 Jahren

    Es gab Zeiten, da habe ich Snaga für einen der talentiertesten Leute hierzulande gehalten. Werde wohl nie verstehen, warum er, statt mal endlich ein ordentliches punchlinelastiges Soloalbum rauszuhauen, lieber uninteressante Fortsetzungen zu Kollabos macht, die schon im Original niemanden vom Hocker gehauen haben. Diese pseudopolitische Schiene gibt es im Deutschrap doch zuhauf, wieso denken die beiden, dass irgendjemand ein weiteres Album dieser Sorte brauchen würde? :suspect:

  • Vor 4 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Jahren

    ist mir zu gewollt anti und hat eigentlich auch niemand ernsthaft darauf gewartet
    vielleicht solche fanatischen sammler, die ihre fard-kollektion vollständig auf dem Boden ausbreiten und dann auf ebay stellen

    der Erstling zählt für mich sowieso zu einem der enttäuschendsten alben der letzten Jahre, da ich fard in omerta-zeiten absolut gefeiert habe und diese talion-möchtegernpolitschiene weder passt noch unterhält