laut.de-Kritik

Auch die Revolution ist nicht vor einem Kreativitätsstau gefeit.

Review von

Wir wollen euch nerven, wecken, treffen, verspotten und dafür muss es hämmern, schreien, stampfen und kämpfen – gemeint ist das Liedgut und davon gibt es reichlich auf dem gesammelten Werk der rheinischen Punkformation Family 5. Zwanzig Stücke auf einer CD, die Ursprung und Entwicklung von Punk und New Wave in Deutschland belegen, wurden von dem jungen deutschen Label Paul! zusammen getragen.

Gut so, denn ich denke heute höchstens bei einem Umzug und dem Entdecken meiner Fehlfarben-CD noch daran, dass es da mal eine Musik gab, die so herrlich provozierend dröhnen konnte, die zum mutigen Erheben anregte und die eine extra Spur lauter gedreht werden musste, damit es jeder hören kann: "Ich habe Euch durchschaut und werden mich niemals anschließen." Vielleicht der zwingende Höhepunkt einer vollendeten Pubertät, deren musikalische Anleitung durchaus von Family 5 hätte geliefert werden können.

Ablehnung aller Spießigkeit im Kleinbürgertum ist das beliebteste Motiv in den Texten von Peter Hein, der seinen Ausdruck auch Mittagspause und den Fehlfarben schenkte. Umsetzung diese Motivs: Dich direkt ansprechen und aufzeigen wie "du alles, was sie dir geben, später doppelt bezahlst" (Stein des Anstosses); manchmal sogar spöttisch lächeln und verhöhnen – "Du wärst so gern dabei, wir lassen dich nicht rein"; oder sich hörbar beklagen wie in "200 000 Stunden da fragst du dich, hat es sich gelohnt".

Zuletzt bleibt auch die Möglichkeit, sich bewusst selbst ins Abseits zu stellen: "Ist außer mir niemand da, dem das alles stinkt? Bin ich die Ratte, die bemerkt, dieses Schiff versinkt?" (Der Schaum der Tage). Gerade hier beeindruckt die Gesellschaftskritik und lässt tiefer blicken. Die Auseinandersetzung scheint in ein Selbstgespräch überzugehen, das über sich selbst richtet, in dem die eigenen Prägungen und Merkmale offensichtlich Parallelen zu der in Frage gestellten Öffentlichkeit aufzeigen: "Nach all den Jahren merkst du, dass du zuviel nachdenkst" (Mother Night).

Ein klar geordnetes dreidimensionales Weltbild wird skizziert: Die da oben (vor allem Politiker) – ihr da unten (Kleinbürger und Spießer). Irgendwo in der Nähe von unten sitzen dann wir, die zu keiner Seite gehören, denn wir haben den Durchblick. Es gilt eine Nation aus ihren eingefahrenen Werten und Lebensstilen aufzurütteln. Und abgelehnt werden muss generell sehr viel. Auf der Strecke bleibt dabei allerdings eine Vorstellung, was als positiv gilt und wie ein Leben zu gestalten sei. Nur einmal, in "Katja" taucht so etwas wie eine bejahende Lebensbeschreibung auf; jedoch wirkt diese eher fehl am Platz, denn Verneinung ist letztendlich das Credo der Punkmusik. Diese Ablehnung geschieht aus der Position des (beinahe) allwissenden Gesellschaftsmoderators. Und so utopisch dies auch aus heutiger Sicht wirkt – wer käme heute schon auf die Idee, sich an die gesamte Nation zu richten, um etwas zu verändern – entstammt die Musik der Family 5 einer Zeit, in der die Mobilisierung einer Nation noch möglich schien. Doch dass die Feinde letztendlich der Vergangenheit entstammen, zeigt sich bei den Angriffszielen: "Zum Kotzen, dass niemand mehr Bonn bombardiert" (Schön ist anders).

Ein wichtiges Element kommt bei so viel Textbedeutung dem Ausdruck der Stimme zu und diese passt hier wie keine andere: unkonventionell, schrill, ernst, kraftvoll und nie zweifelhaft klingt Peter Hein, sondern immer bestimmt und klar. Musikalisch überzeugen die meisten der zwanzig Stücke. Schon zu Beginn in "Die Kämpfen nicht (Ran, Ran, Ran)" geht die einleitende Gitarrenmelodie gnadenlos zwingend in den stampfenden Maschinenton über, der so typisch ist für den revolutionären Sound der späten siebziger Jahre. Eigentlich handelt es sich hier um feinste Dogmamusik: Vermeidung eines typischen Liedschemas, selten wiederkehrende Elemente und alles immer ein wenig verwackelt wie die Aufnahmen einer Handkamera. Über die oft wütende Musik aus treibendem Schlagzeug, unkonventionellem Bass und plärrender Gitarre legen die Family 5 in zahlreichen Stücken herrliche Bläsersätze. So kommt sogar zu Ska- und Jazzelementen. Auch die Coverversion von Van Morrisons "Gloria" verdient einen Bonuspunkt.

Doch auch die Revolution ist nicht vor einem Kreativitätsstau abgesichert. Irgendwann beginnen sich die Elemente zäh zu wiederholen, auch die Worte klingen nicht mehr so kraftvoll. Einige Stücke lassen gerade die genannten schmückenden Bestandteile vermissen, was dazu führt, dass das energiegeladene Potenzial abhanden kommt und nur noch seichte Kritikmusik zu hören ist. Mindestens um drei Stücke (vor allem um das vollkommen überflüssige "The Backstreet Boys") hätte diese Sammlung kleiner sein sollen. Was jedoch nichts daran ändert, dass sie ihre feste und wichtige Bedeutung besitzt, und dies nicht nur in dem Familienempfinden der Hauptdarsteller von damals.

Trackliste

  1. 1. Die kapieren nicht (Ran, Ran, Ran)
  2. 2. Traumvers
  3. 3. Japaner in Düsseldorf
  4. 4. Muffgruff
  5. 5. Der lange Weg
  6. 6. Stein des Anstosses
  7. 7. Du wärst so gerne dabei
  8. 8. Katja
  9. 9. 200.000 Stunden
  10. 10. Mother Night
  11. 11. Gloria
  12. 12. Schön ist anders
  13. 13. Der Schaum der Tage
  14. 14. Wir bleiben
  15. 15. Nie mehr!
  16. 16. Zweiundvierzig
  17. 17. The Backstreet Boys
  18. 18. 1987
  19. 19. Bring deinen Körper auf die Party
  20. 20. Viererbande '83

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Family 5

Die Geschichte beginnt 1981 in Düsseldorf. Hier schmieren Punks "No Future" an jede Häuserwand, so lange, bis die bunten, toupierten Haarschnitte sich …

2 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Gut durchreflektiert, Sachkenntnis inklusive. Immer spannend, wenn ein Jüngerer (vermute ich mal) sich mit den Thematiken der Vergangenheit (?) auseinandersetzt. Und natürlich ist die Negation die eigentliche Stärke der echten Popmusik, wie auch schon Diedrich sehr gut erkannt hatte.
    Kompliment!

    Xaõ Seffcheque

  • Vor 10 Jahren

    Gut durchreflektiert, Sachkenntnis inklusive. Immer spannend, wenn ein Jüngerer (vermute ich mal) sich mit den Thematiken der Vergangenheit (?) auseinandersetzt. Und natürlich ist die Negation die eigentliche Stärke der echten Popmusik, wie auch schon Diedrich sehr gut erkannt hatte.
    Kompliment!

    Xaõ Seffcheque