laut.de-Kritik

Die Slugdge-Metaller teilen trotz neuer Leber mit alter Wut aus.

Review von

Eine neue Leber macht noch keinen Optimisten – das ist das beruhigende Fazit, das sich nach Konsum des neuen Eyehategod-Albums ziehen lässt. Es ist das erste, das Mike IX Williams seit seiner Leberzirrhose und der dadurch nötig gewordenen Transplantation eingespielt hat. Trotz dieser einschneidenden Erfahrung klingt der Frontmann nicht etwa geläutert, geschweige denn glücklich, sondern frustriert und gallig wie eh und je. Ein Glück, denn alles andere würde weder dem Ruf der Sludge-Pioniere aus New Orleans noch den deprimierenden Zeiten gerecht.

"The Current Situation" auf dieser Welt, in der das gesellschaftliche Zusammenleben immer anstrengender wird, schreit einfach nach einer Band, die den in der Luft liegenden Frust aufsaugt und einem vor die Füße kotzt. Ein Job für Eyehategod. Williams' Blick auf die Welt ist zusätzlich von zahlreichen persönlichen Tiefschlägen geprägt. Hurrikan Katrina, Obdachlosigkeit, Knast, Sucht, Entzug, der Verlust seines Freundes und Bandkollegen Joey LaCaze, das erwähnte Organversagen – alles dabei. In seinen oft skizzenhaften Lyrics bleibt aber meist genug Raum für Interpretationen, worüber sich der Kerl jeweils genau aufregt.

Den musikalischen Rahmen für diese Schmerztherapie bildet der gewohnte Trademark-Sound der Truppe: deprimierende Anti-Hymnen, die zwischen Rock, Hardcore und Blues changieren. Mal versifft-träge, mal wütend um sich schnappend, arbeiten sich Eyehategod an der menschlichen Misere ab. Wobei "A History Of Nomadic Behavior" vergleichsweise energiegeladen loslegt und mit fortschreitender Spieldauer auch zunehmend ausgelaugt klingt.

"Built Beneath The Lies" geht noch recht angriffig auf die Hörerschaft los, mit hoher Schlagzahl und einem dieser herrlich schrägen Gitarrenriffs von Jimmy Bower. Drummer Aaron Hill, der erstmals auch im Studio den Platz des 2013 verstorbenen Joey LaCaze einnimmt, bemüht sich hörbar, nahe an dessen schepperndem Stil zu bleiben. Nach einer knappen Minute ist das Adrenalin dann aber schon verpufft, es folgt der erste von vielen Absackern in bleischwere Gefilde.

Solche Hardcore-Ausbrüche finden sich auch in "The Outer Banks", wo die Band nach hinten raus nochmals die Fäuste fliegen lässt, so dass der Vocalist mit Bellen kaum noch hinterherkommt. Auch im Refrain von "Three Black Eyes" wird in ähnlicher Manier ausgeteilt.

Der bevorzugte Modus der Band bleibt aber ein unheiliger Midtempo-Groove, der sich aus Jimmy Bowers dreckigen Riffs, dem wummerndem Bass von Gary Mader und dem reduzierten, gleichwohl wuchtigen Spiel von Aaron Hill speist. Gerade der Drummer klingt, als müsse er die Energie für jeden Schlag unter größter Anstrengung aufbringen. "Fake What's Yours" ist so ein wundervoller Midtempo-Banger, und auch das bereits erwähnte "Three Black Eyes" versumpft über weite Passagen tief im Sludge. Die musikalische Verwandtschaft zu den frühen Down hört man auf dem Album jederzeit heraus.

Dass Eyehategod im Kern auch eine Bluesband sind, zeigt "The Trial Of Johnny Cancer". Mit einem anderen Fronter wäre das vielleicht ein schön melancholischer Blues-Track geworden. Aber Mike IX. Williams kann nun einmal nicht aus seiner Haut und versprüht auch hier wütend schreiend sein Gift: "Another funeral ends in a fight // The undertaker tells jokes // A comedian he is not." Eine Spur tiefschwarzer Humor gehört eben auch zur Giftrezeptur.

Wo wir gerade bei den Lyrics sind: Dass man diese besser versteht als auf früheren Werken, liegt am aufgeräumteren Mix. Eyehategod gewinnen damit noch lange keinen Zufahrtskarte fürs Radio-Airplay, doch kommt der ganze soundtechnische Schmuddel cleaner daher. Das wird nicht allen Fans passen, zumindest ich sehe jedoch keinen Grund, mich daran zu stören. Im Gegenteil.

Denn bei Eyehategod ist es vor allem die Stimmung, die entscheidend ist. Und die leidet unter dieser Politur kein bisschen. Sie bleibt vielmehr undurchdringbar pessimistisch. Wenn Williams auf dem letzten Track die Schmerzen beklagt, die allein schon der Alltagstrott bereiten kann, steigert er sich von Takt zu Takt in seiner Verzweiflung: "Fight your way to work // Fight your way to school // Everyday everyday everyday everday!" Erst durch die andauernde Wiederholung entwickelt die vertonte Hoffnungslosigkeit ihre volle Wirkung.

Überhaupt funktioniert das Album als eine knapp 40-minütige Schreithreapie, die so wohltuend wie kurzweilig geraten ist. Einzige Schwachstelle ist der Mittelteil, in dem nicht jeder Track sitzt. "Current Situation" etwa kommt nach einer experimentellen Einleitung nur schwer in die Gänge, und auch "The Day Felt Wrong" fühlt sich tatsächlich etwas mau an. Trotzdem hält das Album einen vom Start bis zum absolut hoffnungslosen Schlusstrack in seinem Bann, die erzeugte Stimmung sucht ihresgleichen. "A History Of Nomadic Behavior" hält das Niveau des Vorgängers und lässt einen dankbar werden, dass Eyehategod der Musikwelt trotz all der vielen, vielen Tiefschläge erhalten geblieben sind.

Trackliste

  1. 1. Built Beneath The Lies
  2. 2. The Outer Banks
  3. 3. Fake What's Yours
  4. 4. Three Black Eyes
  5. 5. Current Situation
  6. 6. High Risk Trigger
  7. 7. Anemic Robotic
  8. 8. The Day Felt Wrong
  9. 9. The Trial Of Johnny Cancer
  10. 10. Smoker's Piece
  11. 11. Circle Of Nerves
  12. 12. Every Thing, Every Day

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