4. März 2013

"Beyoncé macht derzeit die interessanteste Musik"

Interview geführt von

Erleichternd war es, nach den ersten Worten von Everything Everything-Schlagzeuger Michael festzustellen, dass seine Worte deutlich besser zu verstehen sind als der Gesang von Jonathan auf der neuen Platte "Arc". In einem spontanen Phoner-Interview erzählt er von seiner Band, vom Songwritingprozess und legt eine ungeahnte Liebe zu R'n'B offen - eine Liebe, die dem poppigen Album der in Manchester ansässigen Briten nicht unbedingt anzuhören ist. Außerdem lerne ich endlich, warum keiner besagten Gesang versteht, Beyoncé die interessanteste Popmusik überhaupt macht - und ihre Schwester Solange Knowles mal häufiger ihre Mails checken sollte.Ich hatte große Probleme, euch stilistisch einzuordnen. Wenn mich nun jemand fragt, was Everything Everything für Musik machen, was soll ich antworten?

Michael: Sag ihm, dass es seltsame Popmusik ist. Aber eigentlich machen wir uns gar nicht so sehr Gedanken um ein Genre, wir wollen einfach starke Melodien und starke Songs haben. Hoffentlich ist es Popmusik, aber mit einer seltsamen Färbung.

Mit welchen Künstlern wollt ihr gern verglichen werden? Wollt ihr überhaupt verglichen werden?

Ähm ... Eigentlich wollen wir unsere eigene Nische besetzen, da fühlen wir uns ganz wohl! Neulich hat uns jemand mit TV On The Radio verglichen, das haben wir definitiv als Kompliment aufgefasst. Außerdem mögen wir viel R'n'B-Kram, das klingt irgendwie durch. Destiny's Child, R. Kelly und sowas. Dinge, die man mit uns in unserer Situation wahrscheinlich gar nicht wirklich verbinden würde. Also naja, vielleicht ... Diese R'n'B-Welt gefällt uns - also wahrscheinlich mit solchen Leuten.

Freut ihr euch also aufs neue Destiny's Child-Album?

Ich wusste gar nicht, dass es ein ganzes Album gibt, ich dachte, es wäre nur eine Single! Aber die Single ist definitiv gut! Sie hat diese 90s-Vibes. Ich werde das Album auf jeden Fall kaufen!

Ich finde, "Kemosabe" könnte glatt ein Justin Timberlake-Song sein, wenn man den Refrain mal ausblendet.

Ja?

Ja, ihr habt diesen R'n'B-Beat drin. Wenn Justin Timberlake es singen würde, würde es jeder kaufen!

(lacht) Ja, das Problem ist nur, dass wir nicht aussehen wie Justin Timberlake!

Wie kreiert ihr euren Sound? Du hast ja gesagt, dass ihr so viele Inspirationen habt, wie bringt ihr die zusammen?

Jonathan, unser Sänger, bringt eine Demo auf seinem Laptop mit, und dann gehen wir das durch und basteln das Arrangement drumherum. Vieles wird vorher programmiert, aber dann kommt alles zusammen, und oft dauert es Monate, bis ein Song soweit ist, dass wir glücklich damit sind. Aber manchmal geht es auch ziemlich schnell. Wir versuchen immer, etwas zu machen, was uns selber auch interessiert. Wir wollen nicht Rockmusik machen wie alle anderen. Wir wollen, dass es einzigartig klingt und uns selbst gefangen nimmt.

Ich hab es mir ein bisschen anders vorgestellt. Ich dachte, ihr vier sitzt in separaten Räumen, jeder nimmt etwas auf und am Ende werft ihr alles zusammen.

Es ist schon so, dass wir alle unser Eigenes reinbringen. Jon und Jeremy (Bass, Anm. d. Red.) hören so viel Pop und Math-Kram, keine Ahnung wie die Bands alle heißen, Alex (Gitarre, Anm. d. Red.) ist eher der Prog-Typ, ich mag Jazz. Wenn wir das zusammenwerfen, klingt es schon ein bisschen komisch, aber das ist es, was wir an uns mögen.

Gibt es jemanden, mit dem ihr eines Tages gern zusammenarbeiten würdet?

Michael Jackson, aber das geht ja jetzt nicht mehr. Also vielleicht R. Kelly. Oder jemanden, der noch nicht so ausgenudelt ist. Jemanden jüngeres. Wir wollten total gern mit Solange Knowles zusammenarbeiten, aber ich glaube, sie hat unsere E-Mail nicht gelesen! (lacht)

Vielleicht ist sie einfach nur spät dran! Welche Songs habt ihr denn derzeit so im Ohr?

Ehrlich gesagt nur unsere eigenen, weil wir so viel proben! (lacht) Das klingt ganz schön selbstverliebt! Naja, aber davon abgesehen gibts eine Band namens Wave Machines, die gerade ihr Album rausgebracht hat. Die haben einen Song, der heißt irgendwie so "Sitting Down, Blinking" oder so, es ist der letzte Song, glaube ich. Der ist super, das ist eine echt gute Band! (Anm. d. Red.: Der Song heißt "Sitting In A Chair, Blinking".)

Die sind hier noch nicht angekommen. Deutschland ist ein bisschen im Verzug ...

Tja, die sind auch hier noch klein. Aber die machen das schon, die sind super!

"Ich glaube, die Leute mochten unseren Charme."


Ihr wohnt ja in Manchester. Warum seid ihr eigentlich eine Popband, wenn ihr quasi in der Oasis-Stadt wohnt?

Britpop hat alles getan, was es tun konnte in den 90ern. Es gibt hier immer noch sehr viele Bands, die in diese Kerbe schlagen, aber wir wollten lieber etwas machen, was wir für fortschrittlich halten. Etwas Neues, Futuristisches. Das ist schwer, klar, aber das ist unsere Ambition. Es ist großartig, in Manchester zu sein. Wir kommen zwar nicht von hier, aber hier ist unsere Basis. Es gibt so viele gute Venues und so viel Musikgeschichte und so viele gute Leute, die gute Dinge tun und tolle Möglichkeiten. Es war für uns also ein ganz natürlicher Ort, um hierher zu kommen.

Wenn im Britpop alles getan ist, kann man dann im Pop noch etwas neues erzählen?

Ich finde ja. In den letzten fünf Jahren war Pop eines der Genres mit der meisten Bewegung. Ich hab zwar auch viel Jazz gehört, und das war auch eines der Genres mit der meisten Bewegung in den 20ern, 30ern, 40ern und 50ern. Jazz hat kaum noch Bewegung, aber Popmusik. Es gibt so viel Neues. Leute wie Beyoncé machen die interessanteste Musik, die es derzeit so gibt. Sie und Rihanna machen echt innovative Musik. Wir geben unser Bestes. (lacht) Es geht dabei gar nicht so sehr um die Musik an sich, sondern viel mehr um die Einstellung zum Musikmachen, denke ich.

Als ihr 2010 "Man Alive" releast habt, hat sich irgendwie jeder in euch verliebt. Meine Kollegin hat euch sogar einen Antrag gemacht!

Ha, ja, das ist gut!

Hat das die Arbeiten am Nachfolgealbum einfacher gemacht, weil ihr selbstsicher wart oder hat es das noch schwieriger gemacht, weil ihr unter Druck wart?

Da ist definitiv ein Druck, aber der kam eher von uns. Wir wollten etwas Besseres machen. Wir waren wirklich stolz auf das Album, aber es war nur deshalb so beliebt, weil es draußen angekommen ist. Ich glaube, die Leute mochten den Charme und das Gefühl. Und das ist das Ding – bevor wir das Album gemacht haben, haben wir gedacht: "Ja, wir machen das, und das kann ganz schön blöd für uns laufen!"

Da ist ein Risiko, aber andererseits hatten wir eine Basis. Klar war da Druck, und wir waren nervös, aber wir haben uns viel mehr zugetraut. Wir wussten, wir haben das schon mal geschafft, das Risiko auf uns genommen, und es hat geklappt. Diesmal wussten sogar noch mehr Leute von uns, das ist eine super Sache.

Als ihr "Arc" releast habt, habt ihr da gedacht, dass es wieder so ein Publikums- und Presseliebling wird?

Wir waren tierisch nervös. Wir haben es im Juli fertig gemacht und mussten sechs Monate warten! Wir sind beinahe wahnsinnig geworden! Wir haben Muse supportet und die Songs immer und immer wieder gespielt. Irgendwann muss das Album einfach raus, du willst es draußen haben, und du willst, dass die Leute es mögen. Das ist ein bisschen komisch, es ist ein wenig, als wärst du schwanger. Jedenfalls so, wie ich es mir vorstelle, schwanger zu sein. (lacht) Wir waren schwanger für sehr, sehr lange Zeit (lacht).

Das ist ein seltsames Gefühl. Du freust dich drauf, aber du bist auch so nervös. Du willst einfach nichts falsch machen. Du willst sichergehen, dass die Leute glücklich damit sind, aber andererseits wollen wir selbst glücklich damit sein, das ist uns ganz wichtig. Selbst wenn es jetzt erscheint und die Leute mögen es nicht, dann haben wir wenigstens etwas gemacht, worauf wir stolz sind.

Auf der Muse-Tour, wie haben die Fans reagiert?

Sehr warm. Sie waren sehr großzügig. Wir haben vorher schon Arenen bespielt mit Snow Patrol. Muse war auf einem anderen Level, weil es europaweit war und in der Produktion auch viel aufregender und größer – was wir uns leider nicht leisten konnten, also mussten wir mehr geben mit weniger Werkzeug! Und dadurch, dass wir uns so eine massive Band jeden Abend angeguckt haben, haben wir so viel gelernt. Sie machen viele Dinge richtig, und es war eine gute Erfahrung.

So als Supportband für Snow Patrol und Muse, habt ihr ein bisschen Angst, dass ihr jetzt auch in so eine Radiorock-Schiene rutscht?

Nicht wirklich. Das Ding ist, dass wir eigentlich ständig Schiss haben, einen falschen Schritt zu gehen. Dass wir uns ausverkaufen oder etwas aus kommerziellen Gründen machen oder was auch immer, aber das ist noch nicht passiert. Und die ersten Menschen, die uns davor warnen, sind wahrscheinlich immer noch wir selbst. (lacht)

Wir machen das hier alles aus den guten und richtigen Gründen und das wissen wir tief im Herzen. Wir versuchen nicht, das große Geld zu machen, sondern einfach nur etwas, worauf wir stolz sind und was andere Menschen auch mögen.

Und, mochten die Menschen "Arc" bisher?

Im Großen und Ganzen glaube ich schon. Es ist jetzt seit ein paar Wochen draußen, die Reviews kommen alle langsam. Wir sind einfach nur glücklich. Twitter und Facebook sind für so etwas super, weil man direkt sehen kann, wie die Leute reagieren. Es war herzerwärmend! Wir wollten unbedingt etwas anderes machen als noch 2010, wir wollten nicht das gleiche noch mal. Wir wollten sauberere Songs machen, erwachseneren Pop. Wir hatten das Gefühl, das erreicht zu haben. Manche haben gesagt, das wir gar nicht mehr so verrückt sind wie früher. Das hat sich damals eben natürlich für uns angefühlt.

Ich finde, es klingt diesmal eher so, als hätte sich einer noch mal Gedanken darüber gemacht. Das erste Album klang sehr intuitiv, als hättet ihr es aufgenommen und sofort rausgeworfen. Jetzt klingt es durchdachter. Mit gefällt das besser!

Das ist gut, und das ist auch genau richtig! Das erste Mal haben wir uns selber nicht in Frage gestellt, wir kannten uns kaum. Naja, doch, wir kannten uns, aber wir hatten zwei unterschiedliche Gitarristen, die daran gearbeitet haben. Alex war ganz neu, und wir lernten uns auch neu kennen. Wir kannten auch den Produzenten nicht, und mussten uns auf ihn einstellen etc. So wie jeder Debütant, der niemanden verärgern will, haben wir es einfach gemacht und rausgebracht.

Dieses Mal haben wir jeden Song einzeln auseinander genommen und uns ein Bein ausgerissen, um jedes Stück so gut wie möglich zu machen. Auch wenn das bedeutet hat, sich manchmal ziemlich anzupissen. Es war so viel harte Arbeit, aber als wir dann ins Studio gingen, war alles fertig. Wir mussten es nur noch aufnehmen. Wir, die Songs und das Album waren und sind viel fokussierter.

"Wir sind keine Karrieristen!"


Wie wichtig sind euch eigentlich Texte? Normalerweise spreche ich ganz gern über Texte, aber bei euch finde ich es schwierig, aus den Fragmenten, die ich verstehe, mir etwas zusammenzureimen!

Ja, das ist auch ein Alleinstellungsmerkmal, oder? (lacht) Das kreidet man uns sogar in England an – zu Recht! Das liegt glaube ich daran, dass Jonathan es mag, Wörter und Sätze zu benutzen, die nicht besonders häufig benutzt werden. Du bist einfach nicht gewohnt, diese Worte zu hören, also realisierst du sie nicht so schnell. Er denkt sich aber auch manchmal einfach Wörter aus und setzt sie ein, obwohl sie da nicht hingehören. Aber er mag sie, also singt er sie. Diese Wörter sind natürlich gerade für ausländische Sprachen nicht besonders leicht zu übersetzen (lacht).

Es ist Jonathans Wille und wir versuchen, es nicht allzusehr in Frage zu stellen. Wir fragen ihn selber, worum seine Songs sich drehen, damit wir wissen, was wir da spielen. Hoffentlich gehen wir da in die richtige Richtung!

Also sind euch Bedeutungen schon wichtig? Oder ist die Stimme eher als weiteres Instrument gedacht?

Es ist nicht nur der Sound, ihm geht es wirklich um Bedeutung. Wir haben diesmal echt versucht, uns auf die Lyrics zu konzentrieren, damit die Bedeutungen klarer werden – intensiver als noch auf "Man Alive". Wir wollen etwas, das die Leute mit uns verbinden – nicht, weil wir im Radio laufen wollen, sondern weil wir wollen, dass die Leute uns nachvollziehen können. Wir wollen, dass sie mitsingen können.

Das beruhigt mich ehrlich gesagt ein bisschen, dass sogar ihr als Bandmitglieder über die Lyrics sprechen müsst, um sie zu verstehen. Ich bin also nicht alleine.

Keine Sorge. Ich habe die Lyrics mal einem Englischprofessor in Oxford vorgelegt, er wusste auch nicht, worum es da geht!

Wo solls mit eurem Album hingehen?

Wir waren auf Platz fünf der Charts, das ist tausend Mal besser, als wir dachten. Die Charts sind voll mit massiven Künstlern, wir sind vor Rihanna! Das ist verrückt! Auch wenn Rihanna über Wochen in den Charts bleiben wird, da reinzukriechen, zwischen sie und One Direction, das ist super.

Wir sind zwar bei Sony, aber wir sind nicht populär, naja, irgendwie schon, wir sind ja eine Popband, aber wir denken nicht kommerziell. Wir sind keine Karrieristen. Wir wollen nur, dass die Leute es kaufen, damit sie es hören.

Vielleicht gibt's ja zum Schluss noch eine kleine Anekdote. Was ist der beste Moment, den ihr dank Everything Everything hattet?

Uh, ich weiß gar nicht, ob das so ein einzelner Moment ist. Wir haben so viele tolle Menschen getroffen, weil wir in einer Band sind. Kate Bush zum Beispiel und überhaupt so viele tolle Künstler. Wir lieben auch das Reisen. Ich wäre nie in Tokio gewesen, wenn ich nicht in dieser Band spielen würde. Ach, wir sind einfach glücklich, dass die Leute in den meisten Fällen so warmherzig auf uns reagieren. Wir freuen uns auch tierisch auf die Tour. UK, dann Europa und dann zehn Tage Amerika. Kommst du auch?

Ja, wir sehen uns wohl in Hamburg!

Hamburg! Es ist klein da, das Molotow, oder?

Es ist ein kleiner Keller, ziemlich alt, aber ziemlich cool. Wenn man reingeht, hängen da die Namen all dieser Bands, die dort gespielt haben, bevor sie groß geworden sind. Die White Stripes und die Black Keys zum Beispiel.

Das ist cool, wir können es kaum erwarten. Wir lieben es in Deutschland. Das wird super, wir sind ganz aufgeregt!

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