laut.de-Kritik

Urban Soul/Reggae-Geheimtipp aus Schweden.

Review von

Ein schönes Thema wählte die 34-jährige Schwedin Etzia für ihr spätes Debüt: "Motivation". Alle Songs dieses Debütalbums handeln von persönlicher Entwicklung und Quellen der Motivation. Etzia tritt im Kontext elektronischer Klangästhetik auf, zugleich als Storyteller. Wo kunstvolle Background-Gesänge und Instrumente einen guten Eindruck machen, das weiß der Selector und Drummer Partillo genau und zirkelt eine geschliffen treffsichere Produktion in seine Wave-Spuren. Alles wirkt sehr ausgeruht und über Jahre vorbereitet.

Tatsächlich ging "Motivation" die lange Suche nach einem Plattenlabel voraus. Universal in Schweden sah das Pop-Potential, doch die junge Sängerin wollte ihre Linie durchziehen und entschied sich schließlich für einen digitalen Indie-Release als Herrin ihrer selbst.

Sie kann auch einiges. Fesselnd singen, zum Beispiel. Von Pathos sind die Melodiebögen im Intro wie auch in "Let My Spirit Fly" und "Always Evolving" getragen. Die Arrangements messen den Worten viel Gewicht bei. So bleiben lautmalerische Silben wie "ha-ha-ha-high" in "Let My Spirit Fly" haften und erzählen eine spirituell angereicherte Geschichte. Die Beats zuckeln reduziert, aber auch unablässig in digitaler Härte.

In den meisten Songs entsteht so ein Kontrast zwischen menschlicher Entwicklung, Soul in den Texten einerseits - und stoisch-maschinellem Sound andererseits. Wobei: Für eine Dancehall-Produktion hebt sich das Album angenehm durch sein teils natürliches Schlagzeug ab, teils in den synthetischen Passagen durch den geschmackvoll 'echt' scheinenden Sound der Drum-Loops und ihr dezentes Untermalen.

"Into You" knüpft an die Klanggewohnheiten heutiger Dancehall-Pop-Riddims an. Doch zugleich zeichnen sich die Vocals durch mehr Souveränität und der Melodieverlauf durch mehr Mitsingpotential aus. Etzia hält nicht damit hinterm Berg, dass ihre Stimme um einiges dunkler und tiefer anmutet als man das von Reggae-Chanteusen kennen würde. "I'm not ashamed to be me / I'm not to afraid to be me", meint sie und verweist auf ihre lange Selbstfindung.

Unterlegt von Gospel-Background-Vocals geht sie nicht aufdringlich vor, sondern spricht auch für andere, deren Startchancen im Leben unterdurchschnittlich sind: Woman / Black (...) and I am proud of that." Oder auch: "Stand up for the Human Rights" und "Sky is the limit!". Solche Schlachtrufe stößt sie in "This Time" aus, und stilistisch wie lyrisch rückt sie dabei an En Vogue, Sonique und Heather Small von M People heran.

Auch die Party-tauglichen Abschnitte wie in "Right By My Side" gründen sich auf spirituellen Gedanken. "I Am A Woman" positioniert eine ruhige Haltung aus dem feministischen Meinungsspektrum. Eine grundsätzliche Überlegung verknüpft alle Songs untereinander zu einem Konzeptalbum: Fehlentscheidungen wachsen in einer bestimmten Phase, und für diese Zeit mögen sie richtig gewesen sein. Im Rückblick kann man sich daran aufreiben, im Leben falsch abgebogen zu sein und an den Folgen resignieren. Lässt sich Etzia dagegen spirituell leiten ("Let Your Spirit Fly"), nimmt sie das, was schief lief, als Chance: Alles steht immer wieder auf Anfang, "Always Evolving", der Mensch hat das Potential sich immer wieder weiter zu entwickeln und daraus "Quick Motivation" zu schöpfen, mit alten Kapiteln abzuschließen. Der bereuende Konjunktiv ("ich hätte es besser wissen müssen", "Should Have Known Better") lädt dazu ein, neue Ufer anzusteuern.

Musikalisch hat sich die Sängerin seit ihren früheren EPs selbst weiter entwickelt. "In der Ruhe liegt die Kraft", dieser Slogan scheint ihr Debüt zu durchdrungen zu haben. "Not Til Forever" ist eine Soul-Ballade auf einem sanften Roots Rocker-Beat. Etliche Tracks haben Bubblegum-Beats, schillern in den Klangfarben Christopher Martins. Nur "I Am A Woman" als vorne auf dem Album platzierter Schlüsselsong funkyfiziert bassigen Dubstep mit Stör-Noises.

Der Schlusstitel "Always Evolving" empfiehlt, sich nicht an Mitmenschen zu orientieren, sondern Signale und Energien von 'Jah' aufzunehmen. So gehört es sich für das Rasta-Genre, zu dem sich die Schwedin mit karibischen Wurzeln zugehörig erklärt. Kosmische, intuitiv spürbare Reize, wie Sonne, Mond und Sterne sie uns bei achtsamer Betrachtung übermitteln, sollen uns leiten. In diesem Sinne wirkt das Album deeply up-lifting und empowering. Die Texte erscheinen klar, gut abgehangen, weil jedes überflüssigen Wortes bereinigt. Alle Überlegungen und Töne gipfeln im Höhenflug des Geistes, entspringt doch alle Motivation dem Kopf: "Let My Spirit Fly". Mit Stolz, geradem Rücken, erhobenen Hauptes nach vorne zu schauen, das wünscht Etzia sich und ihren Fans.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Quick Motivation
  3. 3. I Am A Woman
  4. 4. Bless This Day
  5. 5. Let My Spirit Fly
  6. 6. By My Side
  7. 7. Into You
  8. 8. This Time
  9. 9. Now Til Forever
  10. 10. Should Have Known Better
  11. 11. Always Evolving

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