laut.de-Kritik

Das macht nicht nur Spaß, sondern regelrecht süchtig.

Review von

Derzeit gibt es - vor allem in und um Berlin - eine stetig wachsende und konstant blühende Szene, die sich der osteuropäischen Musik bedient. Man findet dort viel Annehmbares und Gutes. Solch ein herausragendes Werk wie "Songs Unrecantable" ist dennoch die berühmte Nadel im Heuhaufen.

Die Band Ersatzmusika ist ein ex-sowjetisches Musikerkollektivs um Sängerin, Allroundtalent und Songwriterin Irina Dubrovskaja. Die meisten Mitglieder leben schon seit vielen Jahren in der Hauptstadt und haben eigene Erfahrungen als Dissidenten gemacht.

Diese Erlebnisse von Zerfall, Exil, Leid aber auch Liebe und Hoffnung fließen wie ein wehmütiger aber lebensspendender Blutstrom durch die Adern dieses Albums. Wie Schlingpflanzen ranken sich verschiedenartige instrumentale Landschaften um die dunkle, wohlige Stimme Dubrovskajas. Sie besitzt etwas zigeunerhaft Mysteriöses, etwas Schamanenartiges, dem der Hörer nicht entrinnen kann.

"Tver" klingt wie ein verschollenes Überbleibsel von den legendären Velvet UndergroundAnd Nico. Zäh, aber unaufhaltsam kriecht das Songgetüm in die Ohren und entfaltet dort seine hypnotische Kraft.

"Oy, Pterodactyl" zitiert schelmisch kokettierend den Spirit der Doors auf herrlich balkaneske Weise. Die unausweichliche Endlichkeit all irdischen Lebens thematisiert "Winter 19". Bleiernes Verlustgefühl und trotzig leichte Lebenslust halten sich gekonnt die Waage. Das perkussive Tick-Tock Symbol verrinnender Sekunden funktioniert dabei prächtig.

"Train-Slow Adagio" rockt dezent mit Marc Ribot-Gitarre, Akkordeon und einer ebenso tanzbaren wie besinnlichen Struktur. Voller Spott, Sarkasmus und dennoch animierender Ausgelassenheit fegt der "Russian Beat" danach durch die Boxen.

Das macht alles nicht nur Spaß, sondern regelrecht süchtig. Mit den gar nicht mal so unsingbaren Songs erschaffen Ersatzmusika eine Platte wie das Leben selbst. Trauer, Schmerz, Vermissen Feiern, Glücksseligkeit und Zusammenhalt - alles passiert gleichzeitig und bricht akustisch über den Lauschenden herein wie eine Flutwelle.

Für ein zusätzliches Schmunzeln sorgt dabei die ... nun ja ... sagen wir mal sehr eigenwillige Art des Umgangs der jüdischen Chanteuse mit der englischen Aussprache. Das klingt schlussendlich jedoch nicht nach Unvermögen, sondern umschmeichelt die Tracks mit einem ganz eigenen phonetischen Mantel, der die künstlerische Eigenständigkeit sogar noch hervorhebt.

Ich kann jedem aufgeschlossenen Musikliebhaber nur empfehlen, hier ruhig mit Geduld etwas mehr als nur ein Ohr zu riskieren. Zur Belohnung erhält man einen anmutig lässigen Liederreigen, der sich auch nach vielfachem Hören nicht abnutzt.

Trackliste

  1. 1. Song On A Gypsy Air
  2. 2. Wild Grass
  3. 3. Train-Slow Adagio
  4. 4. (Psilocybin Panic)It's The Russian Beat
  5. 5. Berceuse
  6. 6. Tver
  7. 7. Oy,Pterodactyl
  8. 8. HMS RIP DTs
  9. 9. Winter 19
  10. 10. Unredeemed
  11. 11. Letter From Baltimore
  12. 12. Antediluvian
  13. 13. Incantation Vs. Causation

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LAUT.DE-PORTRÄT Ersatzmusika

Ersatzmusika? Musik als Kaffeeersatz? Muckefuck für die Ohren? Ja! genau so möchte die bunte Truppe um Irina Dubrovskaja den Bandnamen verstanden wissen.

9 Kommentare

  • Vor 10 Jahren

    Dieses Album gehört seit zirka drei Wochen zu meinen aktuellen Top-Lieblings-CDs.

    ErsatzMusika ist eine transkulturelle Berliner Band und ein "Baby" vor allem von Leonid Soybelman und Irina Doubrovskaja. Ersterer ein vielbeschäftigter, ursprünglich aus Moldawien stammender jüdischer Gitarrist, Komponist und Sänger. Spielt u.a. in den famosen Avantgarde-Jazz-Bands Ne Zhdali und Kletka Red. Ich habe ihn aber auch schon im Berliner Ensemble in einem Brecht-Stück als Teil der Theaterband erlebt. Letztere ist eine bildende Künstlerin aus Moskau. In den 90ern war sie als Sängerin, Akkordeonistin und Keyboarderin Teil der Prenzlauer-Berg-Szene-Band "Unterwasser".

    Dass "Unterwasser" vor zwei Jahren mit ihrem Debut "Voice Letters" und jetzt "Songs Unrecantable" als "ErsatzMusika" wieder auftauchen war eine große Überraschung und ein großes Glück für mich. Ich hatte mal was von denen im Radio gehört und war - ähnlich wie seinerzeit bei Waits' "Swordfishtrombones" - spontan wie elektrisiert.

    Vor allem die dunkle, melancholische Stimme der Doubrovskaja gibt dem jazz-angehauchten Post-Soviet-Folk von ErsatzMusika etwas ganz Einzigartiges. Hinzu kommt das wirklich großartige Songwriting. Nur so kann man sich den verhältnismäßig weitreichenden Hype um eine doch relativ unbekannte Band erklären.

    Da schreibt zum Beispiel der independent Folgendes:

    Zitat («
    Songs that mix slinky balladry and echoes of Gypsy music with a dash of Kurt Weill or the blues… The results sound like a disjointed east-European answer to Tom Waits »):

    Nicht übertrieben das.

    Im Unterschied zum ersten Album "Voice Letters" werden die Stücke übrigens auf "Songs Unrecantable" auf englisch gesungen. Aus dem Russischen nachgedichtet von Band-Mitglied Thomas Cooper (der am Ende auch ein Stück selbst singt). Man muss aber schon gut hinhören, um die Texte mit dem stark russischen Akzent zu verstehen. Zum Glück gibts gratis ein illustriertes Song Book zum Download beim Label (Asphalt Tango).

    Mein Lieblingssong "Tver" ist eine Adaption einens früheren "Unterwasser"-Stücks. Hier zum Reinhören:

    http://www.asphalt-tango.de/records/music/…

    Eigentlich typischer für das Album ist "Wild Grass":

    http://www.asphalt-tango.de/records/music/…

  • Vor 10 Jahren

    Habe sie mir heute, da der Anwalt sie empfahl, endlich angehört. Ein Daniel Kahn ist da nach meinem Geschmack schon was anderes.
    Das braucht aber noch ein paar Durchläufe. Die Stimme, irgendwie seltsam.
    Aber nachher erstmal Daniel Kahn im Pfefferberg und dann sicher ein neuer Versuch!

  • Vor 10 Jahren

    das kann man schlecht miteinander vergleichen.
    die sind für unterschiedliche stimmungen.

    ersatzmusika sind ja vom sound her viel mehr velvet underground als jüdischer anarchismus/sozialismus.

    die phase kommt schon noch, matze :)

  • Vor 10 Jahren

    Wenn ich mich an die Stimme von ihr gewöhnen kann, sicher!
    Der Kerl ist mir weitaus angenehmer!
    Allerdings erst zweimal durchgehört. Also, we will see!