laut.de-Kritik

Komatöser Wischiwaschi-Sound: müde und verbraucht.

Review von

Haha, Eigentor! Ganz im Stil der Prozac-Metaller Korn, die in Sachen Redundanz nur noch sich selbst zum Gegner haben und ein Album ausgerechnet "Take A Look In The Mirror" nennen, besitzt auch der Titel der neuen Envy unfreiwillige Komik. "Insomniac Doze" - "Halbschlaf des Schlaflosen". Klingt müde und verbraucht, nach unfertig und unausgegoren. Insofern, so viel sei den Japanern zugestanden, ohne Zweifel ein perfekter Name für die komatöse Wischiwaschi-Musik ihres mittlerweile fünften Langspielers.

Der lahmt wie Methusalem high noon im Sonnenschein. Nach bald fünfzehn Jahren emsigen Genre-Vorreitens sind die Screamo-Heroen offenbar gesättigt. So sehr, dass Tetsuya Fukagawa in Creedschem Balladenpathos regelmäßig den einzigen Ausweg sieht, sein vom Grunzen verursachtes Sodbrennen zu lindern. Die Vorzeichen kommen allerdings eher subtil: Wie zuvor geriert sich das Cover als Meisterstück in Düsterheit.

Erst beim zweiten Hinschauen fallen die Strahlen des erwähnten Himmelskörpers ins Auge, der dort zwischen graustufigen Wolkenmeeren hindurchlugt. Der Höreindruck indes vermeidet Zweideutigkeiten: Screamo is dead, long live Postrock! "Further Ahead Of Warp" eröffnet mit Herbstwinden, die verklingende Akkorde berührungslos aus dem akustischen Wahrnehmungsfeld tragen, fällt hiernach auch gleich mit Bergspitzenepik in Scott Stapps Wohnzimmer und nistet sich dort ohne weiteren Seitenblick ein.

Einen Song später lassen Envy dann kurz die Poesie-Bringschuld folgen. Dicke Zweigitarrenwand, der Bass brummt, das Horn bläst, während der Sänger vor dramatischer Ambient-Untermalung in bekannter Spoken-Word-Manier seine Dichtkunst vorträgt. Nett, aber vollkommen vorhersehbar. Im weiteren Verlauf führt uns der Nipponsche Fünfer noch vor, wie gut sie von ihren Labelmentoren Mogwai gelernt haben. "Verschleppte 15-Minuten-Romane inklusive Streicher? Können wir schon lange!" Nur ebendies nicht überzeugend.

Viel zu oft erwischt man die Band im strunzlangweiligen, schlecht sitzenden drei Viertel-Takt-Outfit, ausgehfertig und auf dem Weg zum Abschlussball. Selbstverständlich undenkbar, dort auf hymnischen Slowdance-Kitsch zu verzichten. "Scene" wiederum berichtet von herrlichen Urlaubslandschaften, verwertet den Ausblick aber bloß für sieben Minuten Diashow-Ödnis. Ein Königreich für eine Fast Forward-Taste. Der Schreianfall bleibt auch hier nicht aus - und verkommt einmal mehr zur verbrauchten Pose.

So schleift "Insomniac Doze" eine geschlagene Stunde durch die Tundra, ohne auch nur einen Song lang die monumentale Größe seiner Vorgänger zu erreichen. Weder die Seelenpein von "All The Footprints You've Ever Left And The Fear Expecting Ahead", wo sich die Drums fast vor Raserei überschlugen, noch die industrialisierte Endzeitatmosphäre von "A Dead Sinking Story" scheinen durch. Hoffentlich wachen Envy schnell auf und treten die Postrock-Gasse wieder an diejenigen ab, die damit umzugehen wissen.

Trackliste

  1. 1. Further Ahead Of Warp
  2. 2. Shield Of Selflessness
  3. 3. Scene
  4. 4. Crystallize
  5. 5. The Unknown Glow
  6. 6. Night In Winter
  7. 7. A Warm Room

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4 Kommentare

  • Vor 12 Jahren

    Also 2/5 ist ja mal echt lachhaft :eek:

    Klingt müde und verbraucht, nach unfertig und unausgegoren. Insofern, so viel sei den Japanern zugestanden, ohne Zweifel ein perfekter Name für die komatöse Wischiwaschi-Musik ihres mittlerweile fünften Langspielers.

    Argh :(

  • Vor 11 Jahren

    ich hab das Review gelesen bevor ich "insomnicac doze" zu hören bekommen habe.
    da war ich echt etwas geschockt und fand es schade, dass das album wohl nicht so gut sein soll.

    aber jetzt, nachdem ich das album einige male gehört habe muss ich hier wirklich loswerden, dass das Review einfach mal Dreck ist und das Album ziemlich geil ist!
    Es ist ziemlich anders als "all the footprints..." aber ich mag beide.
    Aber von wegen "verbraucht" oder was auch immer… fuck alter, kein plan was für "Ansprüche" ihr an Künstler stellt, aber die Typen sind halt jetzt vielleicht anders drauf, ham in der zwischenzeit viel erlebt, wollten was anderes machen, whatever...
    ich nehms halt so wie es kommt und es passt.
    manchmal ist mir vielleicht nach "all the footprints..." manchmal (derzeit eher) ist mir danach "insomniac doze" zu hören.
    Ich kann nicht ganz verstehen wie der Review-Autor das eine mag und das andere so schlecht findet. naja, vielleicht vergleicht er und WILL irgendwas bekommen, will irgendwas getoppt sehen.
    und sieht alles in irgendwelche zeitlichen kontexten. ach fuck.

    das review ist einfach scheisse!
    solche kritiker können immer so toll schreiben und dann glaubt man es. aber vielleicht kann der sich einfach nicht drauf einlassen weil er unbedingt irgendwas wollte was es überhaupt nicht geben kann.

  • Vor einem Jahr

    Beste Envy Platte! Großartige Spannungsbögen mit wunderschönen Gitarrenmelodien. Atmosphärisch geht es kaum dichter. Hinzu kommt ein Sänger, der in einem einzigen Schrei allen Weltschmerz auf Erden Ausdruck verleihen kann. Tolle Platte und diese Review hier kann man getrost vergessen.