laut.de-Kritik

Ignoranz oder Zynismus? Das ist hier die Frage.

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"Feder Gottes: Das ist der heilige Name. Das beschreibt das Album einfach perfekt: göttliche Texte, göttliche Musik." An Selbstbewusstsein mangelt es dem über sämtliche Online-Battle-Turniere bekannt gewordenen Entetainment nicht. Doch das geschürte Meer an Erwartungen schrumpft bereits im "Intro" rapide auf die Größe eines Ententeichs zusammen.

Von Hass geleitet, massakriert sich Entetainment durch sein Debütalbum. Ein Besuch in der Diskothek nutzt der Masken-Rapper zum Beispiel, um ein Blutbad anzurichten und daraus sein sexuelles Vergnügen zu ziehen ("Bloody Mary"). Immer wieder streut er in typischer Horrorcore-Tradition wahlweise Gottes- oder Teufelsbezüge ein. Während aber etwa Basstard dem Horror über die Jahre immer weitere Bedeutungsebenen gegeben hat, bleibt Entetainment auf unangenehme Weise plakativ.

Seine Gewaltfantasien reichert er mit jeder Menge Witzen aus den Themengebieten Nekrophilie und sexueller Missbrauch an: "Vergewaltigungen sind, glaube ich, tabu, doch ich steh' auf Rape wie Rap mit 'nem e." Offenbar hat Ente so einiges am "Titanic"- und "South Park"-Humor missverstanden. In jedem Fall passen seine zynischen Brechstangen-Scherze genau zu seinem Mentor von JuliensBlog. Der bezeichnet den geistigen Tiefflug wahrscheinlich noch als Satire.

Nur in Ausnahmefällen legt Entetainment die Axt beiseite, um sich anderen Themen zu widmen. In "Embryos Aus Stahl" befasst er sich in vager Form mit der Digitalisierung und die dadurch entstehenden Gefahren für die Freiheit. Zudem entwirft er ein Zukunftsszenario, in dem sich die künstliche Intelligenz gegen ihren Schöpfer wendet.

"Fünftes Element", immerhin Entes eigener Lieblingssong des Albums, irritiert mit peinlichem Pathos und religiösen Erlösungsphantasien. "Dieser Text entsprang nicht meiner Fantasie, sondern dem Herzen", beichtet Entetainment und offenbart, dass sich hinter der Killer-Fassade ein Weichei verbirgt.

Seiner ausgiebigen Battle-Vergangenheit bleibt Entetainment mit punchlinelastigen Songs wie "Lizenzen Des Killers", "Analog/Digital" oder "Stadt Land Flouz" treu. Schade nur, dass die endlosen Wie-Vergleiche ("Ich sorg' für Schauer wie Gewitter oder englische Duschen.") und schiefen Bilder ("Du quatschst von Drugdeals in Autos, doch hast nur 'n großen Hals, der kleiner ist als dein Schwanz wie bei 'nem Brachiosaurus.") direkt aus dem Pleistozän des Genres stammen.

Auch Entetainments Vortrag unterläuft jeden für erreicht geglaubten Deutschrap-Standard. Mit aufgesetzt kratzender Stimme presst er seine Gewaltphantasien hervor. Dabei vermittelt er nicht einmal den Anflug von Atmosphäre oder irgendeiner Emotion. In den meisten Fällen klingt die künstliche Gruselstimme nach Eltern, die nach Süßigkeiten heischende Kinder zu Halloween an der heimischen Tür empfangen.

Als passende Ergänzung dazu verzichtet die Ente praktisch auf jeglichen Flow. Wie auf der Wellblechpiste holpert er durch den Takt. Für diesen Umstand hat er glücklicherweise eine passende Erklärung parat, die sich szene- wie fanverachtend liest: "Ich rotz' die Texte eigentlich eher so hin. Ist ja keine große Kunst irgendwie gute Texte zu schreiben wie man am Rest der Rap-Szene wie Fler, SpongeBozz […] und all die anderen Hurensöhne so sehen kann. Also auf Technik wird anscheinend eh nicht so viel Wert gelegt. Darum mach' ich das auch nicht."

Das ist dann wohl das Resultat, wenn der gemeine Rapper in seiner YouTube-Filterblase gefangen ist. Möglicherweise weiß es Entetainment aber auch besser und richtet sein Angebot, streng marktwirtschaftlichen Prinzipien folgend, nach der Nachfrage aus. Ignoranz oder Zynismus? Das ist hier die Frage, die vor allem der geneigte Fan anbringen sollte.

Im "Intro" verspricht Entetainment noch großzügig: "Meine Worte, meine Stimme, bringen dich beim Hören an die Pforte deines Himmels." Komisch, auch wenn der gepeinigte Konsument der Versuchung widersteht, vorzeitig auszusteigen, landet er selbst nach mehrmaligen Durchläufen immer woanders.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Bunte Schatten
  3. 3. Analog/Digital
  4. 4. Fünftes Element
  5. 5. Embryos Aus Stahl
  6. 6. Bloody Mary
  7. 7. Lizenzen Des Killers
  8. 8. Stadt Land Flouz
  9. 9. Goldene Projektile
  10. 10. Schwarze Sterne
  11. 11. Verbotene Bilder
  12. 12. Heroin Aus Der Steckdose
  13. 13. Föderation Der Gewalt
  14. 14. Klang Der Prophezeiung

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23 Kommentare mit 28 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Finde die Samples in vielen der Beats eigentlich geil, klingt nur leider ziemlich schlecht produziert ansonsten.

    Zum Rap... keine Ahnung. Ist das nun Satire? Oder was soll das sein? 1/5 ist womöglich ein bisschen zu harsch, aber im Endeffekt kommt da doch überhaupt kein Gefühl auf, der Protagonist reiht eine Phrase an die andere ohne Variation. Die ersten Minuten hatte ich noch Sympathie für Thematik und Wortwahl, nach ein paar Tracks klingt alles beinahe beliebig und austauschbar.

  • Vor 3 Jahren

    Ich find es ganz ehrlich traurig wie man Ente über solche fehl Analysen in den Dreck zieht. Wenn man ihn persönlich nicht einmal dazu befragt, weshalb seine Texte so düster sind und auch nicht über persönlichere Songs sowie Textpassagen nachdenkt, dann sollte man auch so viel Anstand haben und keine Bewertung schreiben die zudem auch nicht neutral angelegt wurde. Ente ist einer der wenigsten Rapper der seine Werte nie vertan hat, aber zu sagen, dass er ein Weichei ist, nur weil er etwas persönlicher wird? Was wollen Sie? Das Ente als Person selbst genauso ist, wie er sich in seiner Lyrik gibt? Er ist seine eigene Person und allgemein sollte man sich nie für andere verstellen. "Normale" Menschen denken allgemein nicht viel über Thematik nach, die einen wirklich beschäftigen sollte. Und über seine "überschrittenen Witze", dass ist ganz einfach nur trockenster sowie abgrundtief schwarzer Humor, der nicht jeden zu gefallen muss.

  • Vor 4 Monaten

    Immer dieser linksliberale Lippe. Herrlich. Liest wahrscheinlich auch Houellebecq, um sich anschließend in irgendwelchen Foren über die literatische Menschenrechtsverletzung zu echauffieren. Der scheint mit derbem Humor nicht klarzukommen, wieso rezensiert der solche Alben?