laut.de-Kritik

Dieses Blau strahlt nicht hell genug.

Review von

So sehr 2020 auch bedrücken mag, verwöhnt uns die Popmusik mit erstaunlich viel guter Laune, insbesondere dank der Frauen: die 90er-Party "Chromatica" von Lady Gaga, der unverschämt lässige 80s-Funk-Groove von Dua Lipas "Future Nostalgia" oder auch das wundervoll-samtige Disco-Album "What's Your Pleasure" von Jessie Ware wirken wie ein lang ersehntes Antidot und ziehen uns auf den hauseigenen Dancefloor.

Bei Ellie Goulding hätte man eigentlich ähnliches erwartet, war doch bereits ihr Vorgänger "Delirium" äußerst tanzbar. "Brightest Blue" erscheint aber in einem etwas anderen Licht. Die Britin unterteilt ihr neuestes Werk in zwei Abschnitte gemäß ihrer Persönlichkeit. "Side A - Brightest Blue" markiert hierbei den Hauptteil, der Ellies verletzliche und sehr intime Seite aufzeigt; "Side B - EG.O" beinhaltet alle Singles mit Feature aus den letzten beiden Jahren und porträtiert ihre selbstbewusste und furchtlose Art.

Musikalisch schlägt sich das deutlich hörbar nieder. Fangen wir mit "Side A" an, die einen grundsätzlich ruhigen und balladesken Ton anschlägt, inklusive vieler stimmlicher Spielereien. Das famose "Start" eröffnet "Brightest Blue" mit verhuschten Vocals der Marke James Blake, hinzu kommen Streicher, eine melodische Bridge und gegen Ende driftet der Song in düstere Gefilde ab. Der Expimental-Künstler Serpentwithfeet markiert das einzige Feature auf "Side A" mit einem gelungenen Part. "Power" hält die Qualität mit feinem 80er-Deep-House-Beat und großer Geste im Chorus aufrecht. Ein Track, der Spaß macht.

Die Balladen verleihen dem strahlenden Blau variablen Glanz. Das getragene "New Heights" thematisiert Selbstfindung und Abnabelung vom Partner und nimmt sich dabei sensibel zurück. "Woman" umarmt unsichere Seelen dank des versöhnlichen sowie berührenden Tenors. Er könnte auch im Abspann eines Disneyfilms laufen, vor allem wenn die Drums einsetzen und es gekonnt ins verträumte Interlude "Ode To Myself" mündet. Der unbestrittene Höhepunkt "Flux" überzeugt mit einer stimmlichen Glanzleistung und weichen Streichern, während Ellie eine bittersüße Beziehung besingt: "I'm still in love with the idea of loving you / It's a state of flux, but it's not enough".

Der Rest lässt das Blau leider verblassen. "How Deep Is Too Deep" verliert recht schnell an Farbe, immerhin fallen schüchterne Drums im Refrain auf, obgleich der Nachklang "Cyan" so verzerrt daherkommt, dass man denkt, Mr Robot macht eine Ansage. Das Americana-inspirierte "Love I'm Given", das hübsche und unaufdringliche "Bleach" oder selbst der von breiten Violinen unterstützte Titeltrack bleiben nur recht nett. Die gehen zwar gut ins Ohr, hinterlassen aber keinen permanenten Eindruck. "Tides" hätte sich die Britin lieber sparen sollen, denn der seltsame Mischmasch aus elektronischen Ausflügen und Rhythmuswechseln funktioniert leider nicht und klingt furchtbar beliebig.

Die kleine Single-Ansammlung "Side B - EG.O" wird von einer "Overture" eingeleitet, deren Geigen die Melodie vom zweiten Song vorweg nehmen und mit einem episch anmutenden Chor anreichern. Das daran anschließende Quartett zeigt Ellie zwar wesentlich dynamischer und lässiger, doch auch hier gibt es zu viele Schattierungen. "Worry About Me" und "Close To Me" sind fraglos coole Popsongs. Das langweilige "Slow Grenade" sowie das uninspirierte "Hate Me" hingegen trüben die Stimmung, besonders wenn Juice WRLD (Gott hab' ihn selig) solche Lines droppt: "Date me, break me, easily replace me / Hopefully you see it clear, hopefully it's HD". Dementsprechend verbessert "EG.O" das Album nicht.

"Brightest Blue" besitzt nicht die gleiche Strahlkraft wie die eingangs erwähntes Damen, dafür fehlt die nötige Stringenz und der Fokus auf ein bestimmtes Setting. Handwerklich sowie gesanglich gibt es nichts zu monieren, auch sind die Texte ansehnlich formuliert, doch verirren sich zu viele seichte Nummern darauf. Da hilft auch der Appendix "EG.O" nicht viel, der ob seiner qualitativen Mängel nicht so recht ins Farbschema passt.

Trackliste

Side A - Brightest Blue

  1. 1. Start (feat. serpentwithfeet)
  2. 2. Power
  3. 3. How Deep Is Too Deep
  4. 4. Cyan
  5. 5. Love I'm Given
  6. 6. New Heights
  7. 7. Ode To Myself
  8. 8. Woman
  9. 9. Tides
  10. 10. Wine Drunk
  11. 11. Bleach
  12. 12. Flux
  13. 13. Brightest Blue

Side B - EG.O

  1. 1. Overture
  2. 2. Worry About Me (feat. blackbear)
  3. 3. Slow Grenade (feat. Lauv)
  4. 4. Close To Me (feat. Diplo & Swae Lee)
  5. 5. Hate Me (feat. Juice Wrld)

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4 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Ich finde tatsächlich eine gutes Mittelding zwischen ihrem alten Material und dem neueren, 'Halcyon' bleibt mit Abstand ihr bestes Album aber die Richtung stimmt schonmal.
    'Flux' mag mit unter einer Ihrer besten songs überhaupt sein , 'Love I'm given' der andere Standout bisher.

  • Vor einem Jahr

    Ich bin noch immer ein Fan des zauberhaften Debüts, dass Folktronica, Indie-Disco und Pop perfekt vermischt hat. Man höre nur "Under the Sheets" oder "Guns and horses", wo die Presse sie noch als eine Art Indie-Elfe verkaufen wollte. Leider kam danach der Über-Hit mit Lights, Auswanderung nach USA und der damit verbundene Mainstream. Alle Folgealben waren nur beliebige Chartsgrütze und der 50 Shades of Grey Soundtrack der endgültige künstlerische Bankrott. Mittlerweile ist sie leider eine der beliebigsten, blassesten 08/15 Sängerinnen der Gegenwart ohne eigenen Charakter oder Handschrift. Traurig für die einstige Gewinnerin der BBC Sound of Liste.

  • Vor einem Jahr

    Für mich ist das Album ein Schritt in die richtige Richtung. Delirium war eine einzige Katastrophe. Auf Brightest Blue schimmert wenigstens Ellies Stimmgewalt von Zeit zu Zeit hindurch. Was jedoch immernoch für Kopfschütteln sorgt, sind die Songs auf der zweiten Hälfte der Platte. Wieso versucht man immernoch einen Popstar aus Ellie zu erzwingen? Die aufgespritzen Lippen und das übersexualisierte Image passen überhaupt nicht zu ihr und ihre Persönlichkeit ist nicht schillernd genug für einen Weltstar.
    Ellie ist eine begnadete Künsterin des Alternativgenres. Es wäre schön, wenn sie in Zukunft ganz dazu zurückkehren würde. Brightest Blue lässt zumindest wieder ein wenig Hoffnung aufflammen. Am besten gefällt Ellie nämlich nach wie vor in melancholischen Songs, die folkig daherkommen und den Hörer akkustisch nach England versetzen.

  • Vor einem Jahr

    Die Stimme von der ist so schrecklich. Trotz Autotune und sonstigen Studiotricks. Wie kann man sich sowas anhören? Und wer schreibt für die Songs? Jedes Instrumental für die Olle ist verschwendet, egal wie gut der Sound auch sein mag. Wie kann man als Songschreiber sein eigenes Material so sehr hassen, dass man das von der einsingen lässt?