laut.de-Kritik

Ein dicker Brocken Sturheit im Web 2.0-Zeitalter.

Review von

Element Of Crime huldigen der Zeitlosigkeit. Fast allergisch wehrt sich "Lieblingsfarben und Tiere" gegen eine sich immer schneller drehende Welt und versucht gegenzusteuern. Denn "je länger man kaut, desto süßer das Brot", wie es in "Liebe ist kälter als der Tod" heißt. Aber leider plärrt und blinkt und klingelt dann doch immer irgendwas dazwischen. "Irgendwas ist immer": Ob Skype, Word, Excel oder Handy-Kurznachrichten.

Ein dicker Brocken Sturheit schwingt mit, wenn Sven Regener über folkigen Hillbilly-Klängen und ein paar dahin krackselnden Blueskadenzen seine norddeutsche Poesie entlädt. Man will dem Bremer zuhören, wenn er seine Lebenserfahrung über das ihm zuschaffende musikalische Beiwerk ausbreitet. Nur manchmal und nur kurz gibt der Chef seine Unterhalterrolle an verspielte Trompeten- und Gitarrensoli ab.

Herbe Liebesbekundungen wie "Schade dass ich das nicht war" oder "Rette mich (vor mir selber)" erzählen Geschichten mit einem zwinkernden und einem weinenden Auge. "Heimatlos und viel zu Hause, unterbeschäftigt und viel zu viel zu tun", singt Regener in besagtem "Rette mich (vor mir selber)" und spiegelt die zentrale Zwickmühle wieder, um die sich auch diese Platte mit jeder Umdrehung dreht.

Denn "Immer so weiter" stellt klar, dass Entschleunigung und Routine, hässliche Häuser, die zur "Beleidigung aller Statik noch stehen", als Gegenentwurf am Ende auch nur zur Dosen-Ravioli-Depression führen und kein Heilmittel gegen munter wechselnde Modeerscheinungen einer wankelmütigen Web 2.0-Gemeinde darstellen. Doch gibt es einen Mittelweg zwischen ignorantem Goldfischbildschirmschonertum und der gehobenen Liebeskunst, deren Ausgang tragisch ist, wie nicht nur in "Dunkle Wolke" durchscheint. Oder oszilliert nicht alles irgendwo dazwischen?

Keine Schwarzweißmalerei und keine flachen Plattitüden machen diese Lieder zu Liebesliedern, sondern die Ehrlichkeit, die sie durchzieht und mal ins Klamaukige ("Schade dass ich das nicht war") und mal ins Unverhüllte, Bloße ausschlägt, wie in "Dieselben Sterne".

Sven Regener könnte mit seiner rauchigen Stimme aber wahrscheinlich auch den kitschigsten Schmotz von sich geben und würde dabei cool klingen. In der Selbstverständlichkeit und Beiläufigkeit des Sängers und Trompeters könnte man diese zehn Songs vielleicht sogar tatsächlich als banale Hommage an Lieblingsfarben und Tiere verstehen - und dabei gewaltig daneben liegen. Die trashige Überschrift ist ebenso Kalkül, wie die runden Stücke, bei denen einzelne Zeilen sarkastisch knirschen: "Nichts ist kälter als der heiße Scheiß von gestern" heißt es in "Wenn der Wolf schläft müssen alle Schafe ruhen".

Manchmal quietscht der doppelte Boden samt unterschwelliger Bissigkeit aber auch ein wenig und man hört den Versen die Anstrengung an, Originalität und Poesie mit gesellschaftskritischem Mehrwert zu verbinden. Den Gesang abgezogen, bleiben sich die Herren musikalisch so treu. Phrasen wie "Wiederholungen sind besser als du denkst" setzen Element Of Crime direkt in die Tat um und zeigen damit peinlichen Oldie-Bands, die krampfhaft tweeten, sharen und Selfies schießen und ihrer Musik einen hippen Anstrich verpassen wollen, gelassen die kalte Schulter.

Selbst wenn "Lieblingsfarben und Tiere" nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt oder die deutsche Liedermacherkultur in seinen Grundfesten umkrempelt, ist da eine Band, eine Kultband, die nicht das Spektakel sucht und sich auf jeder Platte neu erfinden muss. Das wiederum ist fast schon wieder neu und vielleicht ja doch so was wie der "heiße Scheiß" von heute.

Trackliste

  1. 1. Am Morgen danach
  2. 2. Lieblingsfarben und Tiere
  3. 3. Schade dass ich das nicht war
  4. 4. Rette mich (vor mir selber)
  5. 5. Liebe ist kälter als der Tod
  6. 6. Schwert, Schild und Fahrrad
  7. 7. Immer so weiter
  8. 8. Dunkle Wolke
  9. 9. Dieselben Sterne
  10. 10. Wenn der Wolf schläft müssen alle Schafe ruhen

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