laut.de-Kritik

Ein poppiger Karottenkuchen mit zu dünner Folk-Glasur.

Review von

Zwei Jahre nach dem ESC in Kopenhagen tauchen die Damen von Elaiza mit ihrem zweiten Werk "Restless" wieder aus der Versenkung auf. Sie haben sich allem Anschein nach von ihrer etwas unglücklichen Platzierung erholt. Wer es vergessen haben sollte: Conchita siegte, Elaiza landeten hinter Molly aus dem Vereinten Königreich und vor dem montenegrinischen Sänger Sergej Ćetković.

Strategisch sicher nicht die schlechteste Entscheidung, das neue Album kurz vor dem diesjährigen Eurovision Song Contest zu veröffentlichen. Da keimt die Hoffnung, dass jene Zuschauer, die gerade noch naserümpfend über die süße Jamie-Lee meckern, zufällig wieder Lust auf bereits durch den europäischen Fleischwolf gedrehte Acts bekommen könnten. Allerdings auch nicht die weiseste Entscheidung, die eigene Musik zwei Jahre nach dem fragwürdigen Ereignis immer noch in den Contest-Kontext zu stellen.

Denn "Restless" klingt beinahe wie eine Bewerbung um eine erneute Teilnahme. Was im Pressetext als organisch gewachsen angepriesen wird, entpuppt sich leider schnell als gewöhnlicher Pop-Hybrid mit Alibi-Folklore-Ansätzen. Der Drang, modern und poppig wirken zu müssen, löst die genießbaren Passagen stets ab. Anstatt die zwei konträren Elemente umsichtig zu einem zarten Klangteppich zu knüpfen, kleckern Elaiza ungelenk Folklore-Elemente auf mal mehr, mal weniger taufrische Mainstream-Arrangements.

Der Titelsong bietet langatmige Strophen und einen nervigen Refrain, der verzweifelt dramatisch klingen will. Das großzügige Engineering und die poppigen Versatzstücke sorgen leider dafür, dass Ela ihren Gesang zu sehr anpassen muss. Was emotional klingen soll, wirkt größtenteils aufgesetzt und flach. Ihre Stimme schwankt somit auf vielen Liedern zwischen wehmütig und hysterisch.

Einzig in "Going On 13" zeigt die Sängerin, wozu ihre Stimme fähig wäre, wenn sie nicht wie im Pressetext beschrieben immer "zwischen Melancholie und Euphorie" pendeln müsste: In Verbindung mit Natalie Plögers Kontrabass und dem dezenten Akkordeon klingt Ela beinahe wie die kasachische Version von Amy Winehouse. Sobald jedoch der Kontrabass aussetzt und die elektronischen Arrangements hochfahren, ist die versprochene Folklore-Glasur erneut schnell abgeschleckt und übrig bleibt nur ein fader, poppiger Karottenkuchen.

Yvonne Grünwalds Akkordeon in "Workaholic" sorgt für osteuropäisch anmutende Klänge und erinnert den Zuhörer daran, dass Elaiza durchaus ein Gespür für guten Crossover haben. Doch zu spät, der positive Peak kommt zwar, aber da ist einem der Kortex bereits ausdauernd mit streng riechender Pop-Lake gepökelt worden - man bekommt es also kaum mit.

Die handgemachte Instrumentierung entlockt der Platte zwar das ein oder andere schwache Zucken, lebendig wird sie dadurch nicht. "Restless" wirkt wie konserviert und wieder aufgewärmt. Elaizas oft lobend erwähnten Ethnoeinflüsse der vergangenen Jahre treten in den Hintergrund und weichen einer niederwalzenden Plastik-Pop-Produktion.

Trackliste

  1. 1. Hurricane
  2. 2. Shooting Star
  3. 3. Summer Somewhere
  4. 4. Restless
  5. 5. Going On 13
  6. 6. Real
  7. 7. Stronger Next To You
  8. 8. Leave Me Alone
  9. 9. Our Parade
  10. 10. Workaholic
  11. 11. Gone But Not Gone
  12. 12. No Queen

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4 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Da höre ich lieber Katzenjammer

  • Vor 3 Jahren

    Selten eine derart herablassende Kritik gelesen. #getalifeMarvin.

  • Vor 3 Jahren

    Ich bin da voll beim Rezensenten. Diese Band könnte so bezaubernd eine berührende, authentische Indie-/Folk-Nische besetzen, wenn sie diesen generischen DSDS-/Chartmacher-Pop komplett aus ihrem Repertoire streichen würden.

    Ganz ehrlich, Elaiza seh ich da als tragisches Opfer der falschen Produzenten und "Ratgeber" für die Karriere nach dem ESC, gerade im Vergleich zum ersten Album, dass auch schon nach Poperfolg schielte, aber die austarierte Mischung mit den Folk-Anteilen stets zumindest einen Ausblick auf das erlaubte, was möglich wäre für diese Band, in bspw. einer generell viel indie- und folkfreundlicheren Umgebung wie Großbritannien, Irland oder so, wo junge Acts sehr viel weniger Druck bekommen, irgendwie so oder so für den Erfolg klingen zu müssen.

    Meine These: Wären das (Wahl-)Briten und keine (Wahl-)Berliner, würden die sehr viel weniger nach Deutschpopproduktion von der Stange und viel mehr nach echtem, authentischen Folk mit meinetwegen Pop- und Indietupfern klingen. Die werden hier musikalisch/produktionstechnisch ganz klar verheitzt im Stile der next best Lena.

  • Vor 3 Jahren

    Schon wieder ein mieser Seitenhieb auf Fler. So langsam reichts, Laut!